Mit der Zeitmaschine zu Don Juan

TANZ 16 – «DON JUAN» AM LUZERNER THEATER ⋅ «Tanz Luzerner Theater» beginnt die neue Saison im 17. Jahrhundert: «Don Juan» kommt auf die Bühne, konsequent und kompromisslos, von den Kostümen über die Musik bis zum Bewegungsvokabular.

29. September 2014, 05:00

«Tanz Luzerner Theater» beginnt die neue Saison im 17. Jahrhundert: «Don Juan» kommt auf die Bühne, konsequent und kompromisslos, von den Kostümen über die Musik bis zum Bewegungsvokabular. Premiere im Luzerner Theater ist am 1. Oktober.

Artikel im Apéro vom 29. September:

Der Fokus liegt auf der unteren Hälfte des Körpers. Gerade bei jener Szene im 1. Akt, die im Luzerner Theater geprobt wird: Unter einem weissen Vorhang schauen zwei nackte Frauenbeine hervor. Sie verführen den schlafenden Don Juan nach allen Regeln der Kunst. Der Traum geht in die Realität über. Die Beine landen auf dem Holzboden. Bald fällt auch das riesige Tuch. Wie eine Bettdecke hüllt es das Liebestreiben ein. Im Hintergrund zieht das barocke Bühnenbild in den Bann. Die Holzböcke unter den Bühnenbrettern mögen aus Zuschauerperspektive noch etwas irritieren.

Auftrag: Handlungsballett

«Liebe, Sex, Religion, Spiritualität, Rohheit, Gewalt – ‹Don Juan› hat alles», sagt der Gast-Choreograf am Luzerner Theater Fernando Melo später. Vor einem Jahr ist die künstlerische Leiterin von «Tanz Luzerner Theater», Kathleen McNurney, auf den 32-jährigen Brasilianer zugegangen. Seine Karriere: Ausbildung am Ballett der Wiener Staatsoper, Tänzer in Produktionen von Grössen wie William Forsythe, Jirí Kylián oder Mats Ek, inzwischen Choreograf während der Hälfte des Jahres für das Göteborg Ballett in Schweden. Ihre Order an ihn: ein Handlungsballett entwerfen, das vom Luzerner Sinfonieorchester begleitet wird. Melo suchte nach dem körperlichsten Stück. Er fand es im schillernden «Don Juan».

Tausende von Interpretationen gibt es bereits vom legendären Verführer, der für seine gerissenen und mörderischen Taten vorgeführt wird – in Opern, Komödien, Dramen. Diesen Sommer zeigte das Staatsballett Berlin in der Komischen Oper eine Latex-Variante zu Christoph-Willibald-Gluck-Musik. Fernando Melo setzt in Luzern ebenfalls auf den barocken Komponisten, verweist aber konsequent auf die Ursprünge des Stoffes: Tirso de Molinas Tragikomödie «El Burlador de Sevilla» wurde um 1613 uraufgeführt. Mit der Pantomime «Don Juan» ereignete sich 1761 in Wien die wohl erste Ballettaufführung überhaupt.

Als Zeitmaschine wirken neben der Musik auch Kulis- se und Kostüme. Dazu engagiert er keinen Geringeren als Patrick Kinmonth. Wobei die beiden eigentliche Arbeitskollegen sind: Bei der Oper «Solaris» in Köln mit Premiere im November macht Melo die Choreografie, Kinmonth die Regie. Der Ire ist ein Multitalent, ein «visuell Besessener», wie er von sich sagt. Als Editor und Art Director tanzt er sogar auf Modemagazinbühnen. Die «Vogue» ehrt ihn als eine der «undefinierbarsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunst». Für ein paar Tage arbeitete Kinmonth in Luzern, übergab detailreiche Kostümskizzen, orderte die Malerei einer 6 x 12 Meter grossen Horizont-Leinwand. Mit Melo ist er nun wieder per Skype in Kontakt.

Ständiger Begleiter: Laptop

Seit der Ankunft in Luzern am 4. August habe er keinen freien Tag gehabt, sagt Fernando Melo. Auf dem Laptop, seinem ständigen Begleiter, hat er jede «Don Juan»-Szene als Video gespeichert. Es mache ihm Spass, in die Vergangenheit zu gehen. Alles sei damals so instinktiv und elementar gewesen, «very, very basic». Ganz ohne Technologie habe alles von den Körpern erschaffen werden müssen. Klassische Tanzschritte dürfe das Publikum deshalb nicht erwarten.

Die immer gleichen Bretter

Tanz ist für den Choreografen weit mehr als Pirouetten oder Sprünge: «Jeder Ausdruck, jedes Experiment mit dem Körper ist Tanz. Und bei diesem Stück gibt es einiges zu tun. Das Ensemble leistet Schwerstarbeit, Balletthandwerk erster Güte. Es gestaltet die Bühne laufend selber um.»

Während die hängenden Bühnenbilder für Romantik stehen, symbolisiert Holz das Brachiale. Allerdings kommt es hier fein geschliffen zum Einsatz. Die immer gleichen acht Bretter verwandeln sich zu einem Bett, einer Wand, zu Schutzschildern. Sie dienen als Schranken, um Don Juan gegen Ende in die Enge zu treiben. In wilder Eleganz rollt sich dieser auf dem Boden. Eine Art hölzerne Pirouette findet dennoch statt: Mit den Brettern, symmetrisch positioniert, kreisen die Tänzerinnen und Tänzer den Täter ein.

Bei Mozarts Oper «Don Giovanni» sind gemäss Diener Leporello allein in Spanien 1003 Frauen dem Womanizer erlegen. Wie viele Frauencharaktere der Spanier Samuel Déniz Falcón als Don Juan allein auf der Bühne des Luzerner Theaters verführen wird, soll noch Geheimnis bleiben. Ebenso, ob die natürlichen Bart-Masken von drei weiteren Tänzern noch wegrasiert werden müssen.

Edith Arnold


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