Glaubenssprung vom Dunkel ins Licht

ALLERHEILIGEN ⋅ Totenmessen haben um Allerheiligen Konjunktur. Neben Repertoire-Klassikern zeigt eine Uraufführung in der Hofkirche, dass der Tod noch heute zu einer ganz persönlichen Musik herausfordert.
30. Oktober 2013, 05:00

Wer bei «geistlicher Musik» nur an fromme Andacht denkt, liegt grundfalsch. Spätestens seit dem Barock zogen hier Komponisten alle Register: Geistliche Musik wurde hochemotional und schloss mit Pauken und Trompeten Kriegslärm ebenso ein wie jubelndes Gotteslob.

Radikal zeigt sich dies in vielen Werken, die jetzt in der Region zu Allerheiligen dem Tod die Vision eines «ewigen Lichts» gegenüberstellen. Nicht zufällig gehört Mozarts «Requiem», das sowohl in Luzern wie in Zug aufgeführt wird, zu den ergreifendsten und populärsten Werken des Klassikers: Da geht der Schrecken des «Dies Irae» oder das Mysterium des «Lux Aeterna» über alle klassische Ausgewogenheit hinaus in die Extreme.

Der Tod als ultimativer Stoff

Auch ein im Grenzbereich von Klassik, Pop und Jazz tätiger Komponist wie Steve Gray, dessen Requiem mit dem Lucerne Jazz Orchestra in der Lukaskirche erklingt, spricht von der «faszinierendsten musikalisch-dramatischen Form», weil ihr Stoff derart «ultimativ und endgültig» ist.

Wie setzt sich also ein Komponist hier und jetzt mit diesem Erbe auseinander? Wir fragten den Luzerner Komponisten Felix Schüeli, der für die Hofkirche ein Werk schrieb, das die Spannung von Leben und Tod in der Lichtmetaphorik von hell und dunkel aufgreift. Darauf verweist schon der Titel «Lux in Tenebrae». Der Theologe Justin Rechsteiner stellte mit Texten aus der Bibel ein Textbuch zusammen, das einen Bogen schlägt von der Erschaffung der Welt bis zu aktuellen Themen. Von deren drohender Zerstörung durch den Menschen handelt ein Abschnitt, der quasi die grelle Dramatik eines «Dies Irae» bietet, bevor das Werk hoffnungsvoll endet.

«Ich wollte auf keinen Fall Neue Musik schreiben, die raffiniert konstruiert ist, aber nicht berührt», stellt Schüeli klar: «Heute ist für mich, auch als Hörer, entscheidend, dass Musik emotional packt.»

Von Ursuppe und Kinderlied

Dafür zieht Schüeli alle Register. Zur Erschaffung der Welt integriert er hebräische Textfragmente in Geräuschcluster zu einer Art «Ursuppe». Später führt der Grundklang, aus dem Schüeli intuitiv die Harmonik des Werks entwickelte, zu tonalen Abschnitten. Wo sich Tonalitäten aneinander reiben, entstehen Hell-dunkel-Effekte, die an die tonale Moll-Dur-Metaphorik erinnern. Die Bitonalität führt zu Jazz-Harmonien, und das strahlende «Halleluja» zum Schluss wird von Rhythmen angetrieben, wie sie Schüeli in der Pop-Musik liebt. Trotz solcher Elemente versteht der 40-Jährige seine Musik keineswegs als Anbiederung an sogenannten Kirchen-Pop. Das gilt auch für die Art, wie er Rechsteiners Text umsetzt, dessen starken Predigtton er bewusst immer wieder bricht.

Auch da nämlich suchte Schüeli vor allem Emotionen, die er musikalisch umsetzen konnte. Auf seine Anregung baute Rechsteiner denn auch die emotionalste Szene in sein Oratorium ein, in der eine Mutter ihr verängstigtes Kind tröstet. Er schrieb dazu ein einfaches Kinderlied im Dreivierteltakt, das durch das Fernwerk der Hoforgel in eine andere Sphäre entrückt wird und in einen archaischen Jodel mündet.

«Back to basics» als Vater?

«Back to basics» quasi – fand Schüeli dazu auch durch Erfahrungen als Vater? «Das ist schwer zu sagen», sagt der Vater einer 15-jährigen Tochter und eines 5-jährigen Sohnes: «Aber wahrscheinlich hat mich das tatsächlich zurück zum Elementaren geführt – auch als Komponist.»

Selbst für die Mutter-Kind-Szene gibt es in der Tradition geistlicher Musik ein bekanntes Muster – nämlich die Trauer Marias um den Tod Jesu, die an diesem Wochenende mit Dvoráks «Stabat Mater» und dem Konzertchor Luzern vertreten ist. Gilt das «Back to basics» in der musikalischen Auseinandersetzung mit dem Tod also auch für den Glauben selbst? Wie weit spiegelt sich in Schüelis Werk überhaupt ein solch persönlicher Glaube?

«Eine schwierige Frage», sagt der Komponist: «Es gibt ja viele Arten, zu glauben, und im engeren Sinn bin ich wohl nicht ‹gläubig›.» Trotzdem sei das für ihn viel mehr als bloss ein «Auftragswerk».

Wie «Indiana Jones»

Allein die Tatsache, dass er sich an diese grosse Aufgabe herangewagt habe, sei für Schüeli ein grosser Schritt gewesen: «Ich fühlte mich wie Indiana Jones, der einen Schritt über den Abgrund macht im Vertrauen darauf, dass da eine Brücke ist. Diesen Glaubenssprung würde ich gerne machen. Und ich denke, eine Idee davon findet sich in diesem Werk. Für mich jedenfalls ist es eines der wichtigsten, das ich je komponiert habe.»Urs Mattenberger

Ein «Lichtoratorium» in der Hofkirche

 

Das Kirchenjahr 2012/13 steht in der Hofkirche, Luzern, im Zeichen des Lichts als biblischer Metapher für Gott. Dafür schrieb Felix Schüeli auf Texte von Justin Rechsteiner sein Lichtoratorium «Lux in Tenebrae». Unter der Leitung von Ludwig Wicki und Andreas Wiedmer singen die Cappella der Hofkirche und Jugend- und Kinderchöre (La Perla, St. Anton, Paulusspatzen). Hinzu kommen Solisten, Instrumentalisten, Rechsteiner als Sprecher und Organist Wolfgang Sieber. Lichtinstallationen von Markus Güdel tauchen den Kirchenraum in passende Stimmungen (Regie: Nina Halpern).red

Freitag/Samstag, 1./2. November, 20.00

Hofkirche St. Leodegar, Luzern

VV: Tel. 041 229 95 00

reservation@lux2013.ch

 

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