Lucerne Festival zu Ostern: Passions-Musiken mit grossen Sopranseelen

LUZERN ⋅ Spiritualität für Gläubige und Skeptiker: Das Osterfestival rückt von Bach bis zu einem neuen Werk von Wolfgang Rihm geistliche Musik ins Zentrum. Es findet statt vom 1. bis 9. April in Luzern.

20. März 2017, 10:27

Engel sind weiblich! Das Osterfestival beweist es in zehn Veranstaltungen mit einer Reihe von Konzerten, in denen Solistinnen den Ton angeben – und zwar jenen des glockenhellen Soprans, der engelhaften Trost zur Passionszeit beisteuert.

Festival-Topniveau bietet bereits das Eröffnungskonzert am 1. April in der Hofkirche: Die russische Sopranistin Julia Lezhneva (Titelbild) verbindet hier expressive Wärme mit der Wendigkeit und dem Glanz einer barocken «Voce instrumentale», wie das sie begleitende Ensemble heisst.

Das Funkeln der Sterne

Lezhneva lässt in einer Motette von Porpora die Sterne funkeln, bevor sie mit Händel («Salve Regina») über Zeit und Betrug triumphiert. Das Ensemble um den Geiger Dmitri Sitkovetsky steuert dazu italienischen Instrumentalbarock von Vivaldi und Corelli bei.

Die zweite Engelsstimme ist jene von Nuria Rial, wenn man den Glanzton der Geige von Patricia Kopatchinskaja im Auftritt mit dem Barock-Shootingstar Teodor Currentzis nicht mitzählt (5. April). Rial ist Solistin in Pergolesis «Stabat Mater», zu dem ebenfalls Currentzis’ Orchester «musicAeterna» Haydns Meditationen über die «Letzten Worte unseres Erlösers am Kreutze» beisteuert (7. April).

Engelsstimmen im Barock sind nichts Aussergewöhnliches. Speziell ist aber, dass auch das zeitgenössische Werk zur Passionszeit zwei Sopranseelen hat: die «Requiem-Strophen» von Wolfgang Rihm.

Zeitgenössisches Requiem

Eine solch prominente Erstaufführung gab es kaum je am Osterfestival. Dafür steht nicht nur Rihm als einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart, der in Luzern eine wichtige Rolle einnimmt: als Leiter der Lucerne Festival Academy, aber auch durch Werke wie die «Luzerner Sinfonie», die er als Kommentar zu den vier Sinfonien von Brahms für das Luzerner Sinfonieorchester schrieb. Letztere waren ein Bekenntnis zur Verwurzelung in der Tradition, wie jetzt auch die «Requiem-Strophen», die liturgischen Texte – «Requiem aeternam», «Agnus dei» oder «Lacrimosa» – mit Lyrik von Michelangelo, Rilke, Johannes Bobrowski und Hans Sahl verbinden. «Tradition ist nicht etwas, in dem man sich befindet», sagt der Komponist dazu, «sondern etwas, das man leistet.»

Spitzenklasse bieten auch die Mitwirkenden: Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks werden geleitet von Mariss Jansons, Solisten sind der Bariton Hanno Müller-Brachmann und zwei Sopranistinnen, die zu den bedeutendsten Sängerinnen-Entdeckungen der letzten Jahre gehören: Mojca Erdmann und Anna Prohaska.

Was «Die Zeit» nach der Uraufführung von Rihms «Dyonisos» über Erdmann schrieb, gilt auch für Prohaska: dass sie «jede Partie beseelt» und «mit neuer Musik so begeistert, als sänge sie Mozart». Bei Rihm ist das umso mehr der Fall, als er mit beiden regelmässig zusammenarbeitet und für ihre Stimmen komponiert.

Ariadne-Fäden des Gesangs

«Rihm schreibt Musik, die man wunderbar singen kann», meinte Erdmann dazu. Er komponiere keine angewandte Mathematik, und dass er ein warmherziger Mensch sei, höre man seiner Musik an: «Er geht schon bis an die Grenzen meiner Möglichkeiten, nicht aber darüber hinaus.»

Anna Prohaska bekräftigte gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, dass Rihm «wunderbare Kantilenen» schreibe, «obwohl die Töne manchmal extrem auseinanderliegen. Man wird oft von Instrumenten geführt und gelenkt und begleitet. Rihm komponiert da einen musikalischen Ariadnefaden.»

Keine Weltumarmung

Leuchtet also in die Dunkelheit, die man von einem Requiem erwartet, betörender Sopranglanz hinein? Dieser bekommt umso mehr Gewicht, als die beiden Stimmen immer im Duett auftreten, lyrisch-­melodiös geführt sind und sich fast «pflanzlich», so Rihm, verbinden: «Ich mag es einfach, wenn zwei Stimmen singen und dann vielleicht etwas Drittes entsteht.» Vielleicht auch Liebe, wie Rihm auf eine entsprechende Frage meinte.

Um Schreckensbilder vom Jüngsten Gericht geht es Rihm ohnehin nicht, das «Dies irae» wird in den Strophen nur gestreift. Näher steht Rihm Faurés Vertonung, die das «Tröstende» in den Mittelpunkt stellt. Aber der offene Schluss seines Werks habe «mehr mit dem Brahms’schen Skeptizismus zu tun als mit der Mahler’schen Weltumarmungsgeste, die mir mit zunehmendem Alter immer suspekter wird».

Als Werk, das «aus Ungewissheiten heraus» geschrieben wurde, sind diese Strophen gewiss ein Kind unserer Zeit. Dass Skeptizismus Spiritualität nicht ausschliesst, zeigt Erdmanns Bekenntnis: «Es gibt für mich etwas Ungreifbares auch in der Kunst. Manchmal gibt es Konzerte, da steht die Zeit still und die Kunst lässt alles und alle miteinander verschmelzen. Wie man das auch immer nennen will, ob man gläubig ist oder nicht: Das hat etwas sehr Magisches oder Göttliches oder Spirituelles.»

Das klingt wie ein Motto für dieses Osterfestival. Vielleicht gilt eben auch für die Spiritualität, was Schriftsteller Walter Kempowski über die Heimat sagte: «Heimat können wir abhaken. Geblieben ist das Heimweh.»

Urs Mattenberger
urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch
 

Solisten, Chöre und Orchester der Weltklasse

Das Osterfestival umfasst 10 Konzerte in Kirchen und im KKL sowie den Dirigiermeisterkurs von Bernard Haitink mit den Festival Strings Lucerne. Nach dem starbesetzten Eröffnungskonzert mit Julia Lezhneva in der Hofkirche (vgl. Artikel) setzen Luzerner Qualitätschöre spannende inhaltliche Akzente. Das Collegium Vocale zu Franziskanern verbindet Olivier Messiaens betörend sinnliche Gesänge über Unendlichkeit, Liebe und Tod («Cinq rechants») und Buss-Motetten von Poulenc mit Instrumentalsätzen von Bach (mit dem Ensemble Capricornus, So, 2. April, 17.00, Franziskanerkirche).

Der Akademiechor, die Luzerner Kantorei, ein Brass-Ensemble und Schlagzeuger der Musikhochschule Luzern führen zum 600-Jahr-Jubiläum von Bruder Klaus Arthur Honeggers «Nicolas de Flue» auf: eine Mischung von Oratorium und Oper, für die der Maihofsaal den idealen Rahmen abgibt (Di, 4. April, 19.30).

Das traditionelle Herzstück des Osterfestivals ist Bachs Johannes-Passion: Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble spielen unter der Leitung von Thomas Hengelbrock die selten aufgeführte Zweitfassung, die mit hochdramatischen Alternativarien überrascht (Do, 6. April, 19.30).

Neben geistlicher Musik steuern die beiden Gastorchester im Konzertsaal des KKL konzertante Highlights bei. So begleitet Teodor Currentzis’ «musicAeterna» Nuria Rial in Pergolesis «Stabat Mater» (Fr, 7. April, 19.30) und spielt mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja Werke von Mozart (Violinkonzert KV 218) und Beethoven («Eroica», Mi, 5. April, 19.30).

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks tritt nach der Aufführung von Wolfgang Rihms «Requiem-Strophen» (Samstag, 8. April, 18.30) mit dem Pianisten Emanuel Ax auf: Zwischen Sinfonien von Prokofjew (Nr. 1) und Sibelius (Nr. 2) erklingt Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 482 (So, 9. April, 17.00).

Erstmals steuert das Luzerner Theater eine Produktion zum Osterfestival bei: Für Monteverdis Marienvesper wird die Jesuitenkirche in einen begehbaren Bühnenraum umgebaut, in dem sich Aufführende und Zuschauer mischen (mit Sängern und Tänzern des Theaters und dem Orchester «Passions de l’Ame», Premiere: Mo, 3. April, 20.00). Das Kollektivspektakel bildet den Gegensatz zum einsamen Sterben der «Traviata» im Luzerner Theater, wo Benedikt von Peters legendäre Inszenierung der Verdi-Oper gezeigt wird – mit Nicole Chevalier als Violetta ganz allein auf der Bühne (Premiere. 2. April).

mat

Programm/VV: www.lucernefestival.ch, Tel. 041 226 44 80.


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