Die ganze Welt hat Platz in den Sinfoniekonzerten

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Das Sommerfestival bietet vom 11. August bis 10. September viele Gratisformate für Neueinsteiger. Aber alle Wege führen am Schluss auch in die 32 Sinfoniekonzerte im KKL. Sie prägen die «Identität», die das Festival dieses Jahr zum Thema hat.
07. August 2017, 10:04

Im Grünen, wo sich im Sommer Kammermusikfestivals tummeln, beginnt auch Lucerne Festival im Sommer mit dem Eröffnungskonzert des Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly. Denn es wird wie in den Vorjahren vom KKL-Konzertsaal live aufs Inseli übertragen – mitsamt der Eröffnungsrede von Iso Camartin zum Festival-Thema «Identität» und einem Auftritt der Artistes Etoiles Patricia Kopa­tchinskaja und Jay Campbell (Freitag, 11. August, 18.30). Und einmal mehr passt das Konzertprogramm perfekt in die Open-Air-Kulisse.

Verklärung auf dem Inseli

Das aus dem Mahler Chamber Orchestra und Topmusikern zusammengesetzte Orchester spielt zwar mit sinfonischen Dichtungen von Richard Strauss hochartifizielle Orchestermusik. Aber für den die ganze Welt umfassenden Sonnenaufgang in «Also sprach Zarathus­tra» oder das Entschweben in «Tod und Verklärung» lässt sich keine stimmigere Kulisse vorstellen als der Himmel über dem Inseli (Wiederholung im KKL: Samstag, 12. August, 18.30).

Solche Angebote mit freiem Eintritt ziehen sich zwar durch alle vier Festivalwochen. Dazu gehören weitere Open-Air-Formate bei der Buvette (Samstag, 19. und 16. August sowie 2. September) und am Strassenfestival (ab 22. August). Dazu kommen neu Nachkonzerte im KKL-Foyer («Interval») und weiterhin die 40min-Reihe, die am Dienstag, 15. August, 18.30, eröffnet wird vom Lucerne Festival Orchestra. Gerade diese 40min-Kostproben für spätere Konzerte zeigen: Am Ende führen alle Wege am Festival auch in die grossen Sinfoniekonzerte im KKL, für die nach einem neuen Verkaufssystem günstige Karten (ab 30 Franken) länger verfügbar sind.

Vielfältige Orchester-Identität

Diese bleiben mit 32 Konzerten und 19 Toporchestern aus aller Welt das Herzstück des Festivals. Und schon die Sinfoniekonzerte der ersten Festivalwoche zeigen, welch unterschiedliche Facetten sie zur eigenen «Identität» beisteuern.

Zu ihr gehört zuallererst der Anspruch, im Bereich der Sinfonieorchester zur Weltspitze zu gehören. Auch dafür steht exemplarisch das Lucerne Festival Orchestra, mit dem Chailly die unter Abbado gewonnenen Qualitäten mit Repertoireklassikern weiterentwickeln will. So gibt das Orchester innerhalb von gut einer Woche vier Konzerte mit drei unterschiedlichen Programmen.

Das zweite ist Facetten der Romantik gewidmet: Mendelssohns flirrende Sommernachtstraum-Musik (nach Shakespeare) und Tschaikowskys dramatische Manfred-Sinfonie (nach Lord Byron) greifen das Thema der – einmal verwirrten, einmal zerrissenen – Identität auf (Freitag, 18. August, 19.30). Aber Chailly ist ein Dirigent, der auch im bekannten Repertoire – etwa mit Urfassungen – Neuland erschliesst. So krempelte er das dritte Programm des Festivalorchesters wegen einer vor zwei Jahren wieder aufgetauchten Partitur von Strawinsky um.

Statt Rossini oder Beethoven erklingt jetzt vor der Pause dieser «Chant funèbre», den Strawinsky 1909 nach dem Tod von Rimsky-Korsakow komponierte. Mit anderen Frühwerken Strawinskys führt die Trauermusik zum Urknall der Moderne: zum «Sacre du printemps», wo Abbados Mysterium-Orchester zur Rhythmusmaschine wird (Samstag, 19. August, 18.30).

Erstmals Orchester aus China

Solch eigene Projekte geben einem Festival ein ebenso unverwechselbares Gesicht wie die Internationalität. Für Ersteres stehen die Festival Strings Lucerne, die 1956 im Rahmen des Festivals gegründet wurden und nun den Flötisten James Galway bei seinem 40-Jahr-Bühnenjubiläum begleiten (in Mozarts Flötenkonzert, Montag, 14.August, 19.30). Für Internationalität im Zeichen der Globalisierung steht das Shanghai Symphony Orchestra, das erste chinesische Orchester überhaupt am Festival. Neben einer Tondichtung auf die Gassen von Peking spielt es Schosta­kowitschs fünfte Sinfonie und Tschaikowskys Violinkonzert (mit Maxim Vengerov, Sonntag, 20. August, 19.30).

Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra institutionalisiert solchen Kulturaustausch: Arabische und israelische Musiker spielen hier gleichberechtigt bis in die Solistenrollen hinein Richard Strauss’ «Don Quichotte» und Tschaikowskys fünfte Sinfonie (Donnerstag, 17. August, 19.30; das Konzert mit Martha Argerich ist ausverkauft).

Altmeisterlicher Jungbrunnen

Zur Identität eines Festivals gehören auch Figuren, die es nachhaltig prägen. Ein gewichtiges Beispiel dafür ist der Dirigent Bernard Haitink, der in Luzern das schönste Geschenk in der Spätzeit seiner Karriere fand. Gemeint ist das Chamber Orchestra of Europe. Mit ihm hat er am Festival in vielbeachteten Zyklen exemplarisch vorgeführt, wie sich mit einem modernen Orchester der Jungbrunnen der historischen Aufführungspraxis mit Altmeister- Magie verbinden lässt.

Dafür steht dieses Jahr die Verbindung von Mozart und Mahler. Strahlender Mozart, doppelbödiger Mahler? Neben Sinfonien von Mozart erklingen Lieder aus «Des Knaben Wunderhorn» (mit Anna Lucia Richter und Christian Gerhaher, Sonntag, 13. August, 18.30) sowie die Rückert-Lieder von Mahler (Dienstag, 15. August, 19.30).

Holliger und Kopatchinskaja

Bei einem Festival, das mit einer Academy, Kompositionsaufträgen und Gastkomponisten überaus zeitgenössisch ist, gehört auch die Moderne prominent in die Sinfoniekonzerte. Den fulminanten Auftakt dazu bietet das erste Konzert des Orchesters der Lucerne Festival Academy unter der Leitung von Heinz Holliger (Sonntag, 20. August, 10.30). Die Aufführung von dessen Violinkonzert ist ein vorprogrammierter Höhepunkt. Denn den virtu­osen Solopart, durch den die apokalyptischen Visionen des umnachteten Schweizer Malers und Geigers Louis Soutter (1871–1942) fiebern, spielt Patricia Kopatchinskaja: eine Geigerin, die mit ihrem unbändig-leidenschaftlichen Ausdruckswillen frischen Wind in alle vier Festivalwochen bringen wird.

Urs Mattenberger
urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

 

Vielfältiges Spiel mit «Identitäten»

Das Sommerfestival startet von Beginn weg auch mit einem vielfältigen Rahmenprogramm. Noch vor dem Eröffnungskonzert ist im Kunstmuseum erstmals die Klanginstallation zu hören, die Werke remixed, die am Festival erklingen (Fr, 11. August, 11 bis 18.00). Am Samstag, 12. August, eröffnet Susanne Stähr die Vortragsreihe zum Thema Identität («Richard Strauss», 17.00, KKL-Auditorium), nach dem Sinfoniekonzert gibt es ein erstes von vielen «Encore»-Nachkonzerten im KKL-Foyer (20.45). Am Montag, 14. August, beginnt das öffentliche Composer Seminar mit Wolfgang Rihm und Dieter Ammann (10/12.00), am Dienstag, 15. August, der öffentliche Meisterkurs Dirigieren von Heinz Holliger (20.00, Südpol). Am Donnerstag, 17. August, starten die Debuts mit der Saxofonistin Valentine Michaud (12.15, Lukaskirche).

Tipp 1: «Identitäten»

In der Reihe «Identitäten» stellen die «sCHpillit» Heinz Holligers Alb-Chehr (nach einer Walliser Sage) aktuelle zeitgenössisch-neue Schweizer Volksmusik gegenüber (Samstag, 19. August, 11 Uhr, Lukaskirche). Abends verarbeitet das Ensemble «ascolta» mit Simon Steen-Andersens «Inszenierte Nacht» Klassiker surreal neu (20 Uhr im Neubad). Die Camerata Zürich macht böhmische Wurzeln in Werken von Suk, Dvorák und Janácek hörbar (mit Thomas Demenga, Cello; So, 20. August, 16 Uhr, Maihof).

Tipp 2: Michel van der Aa

Der «Composer in residence» Michel van der Aa gibt seiner Musik mit dem Einbezug von Film und Elektronik eine starke theatrale Seite (vgl. Festival-Magazin «PIÙ»). Im Musiktheater «The Book of Disquiet» entspricht die filmische Vervielfältigung der Bühnenrealität dem Spiel mit Identitäten in Texten von Fernando Pessoa (So, 13. August, 11.00, Luzerner Theater). In der Oper «Blank Out» spielt sich eine tragische Mutter-Sohn-Beziehung zwischen der Sängerin auf der Bühne und dem Sänger im 3D-Film auf der Leinwand ab (So, 13. August, 16.00, Luzerner Saal).

mat

Lucerne Festival im Sommer
11. August bis 10. September in Luzern

www.lucernefestival.ch
Tel. 041 226 44 80

 

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