Festival Zaubersee: Ein Marathon grosser russischer Gefühle

LUZERN ⋅ Ein Tanzfilm mit Livemusik, eine grosse Oper im KKL und ein Klaviermarathon bis um Mitternacht: «Zaubersee» verbindet acht Konzerte wie noch nie zum Festival. Dieses findet vom 24. bis 28. Mai in Luzern statt.
15. Mai 2017, 18:05

Russische Musik in Luzern? Dafür gab es ursprünglich keine Tradition. Als das Luzerner Sinfonieorchester vor fünf Jahren seine Tage für russische Musik lancierte, das Zaubersee-Festival, fragte man sich: Würde die Tatsache, dass russische Komponisten wie Rachmaninow oder Skrjabin am Vierwaldstättersee Wohnsitz oder Zuflucht nahmen, genug Stoff hergeben für ein jährliches Festival?

Tradition und Innovation

Wie sehr sich die Voraussetzungen gewandelt haben, zeigte die Tournee des Orchesters diesen Frühling nach Bogotá: Dass ein Klassikfestival in Lateinamerika zum Thema russische Musik ausgerechnet das Orchester aus Luzern eingeladen hatte, zeigte, wie sehr es sich inzwischen international mit russischer Musik profiliert hat. Eine Voraussetzung dafür schuf die Orchestervergrösserung, die es möglich macht, vermehrt gross besetzte Werke aufs Programm zu setzen.

Die zweite Voraussetzung hat das Zaubersee-Festival selbst geschaffen. Wie es einerseits eigene Traditionen stiftet, anderseits immer wieder durch Innovationen überrascht, zeigt exemplarisch dieses Jahr. Da steht einerseits weiterhin Kammermusik in der intimen Salon-Atmosphäre der St. Charles Hall Meggen oder des Hotels Schweizerhof in Luzern im Zentrum. Zur eigenen Tradition gehört, dass die Auswahl der Komponisten Vernetzungen zwischen russischer und westeuropäischer, namentlich französischer Musik nachgeht.

So spielt das Trio Chausson im Lunchkonzert vom Freitag zwischen dem französischen Fin de Siècle von Ernest Chausson und dem russischen Futurismus von Nikolai Roslawetz ein Werk des nach Russland emigrierten Franzosen Georgi Catoire, den man an früheren «Zaubersee»-Ausgaben erst entdecken konnte.

Chagall-Film im «Schweizerhof»

Daneben setzt das Festival ganz andere, auch visuelle Akzente in einer Steigerungsdramaturgie, die die acht Konzerte wie noch nie zum Festival verdichten. Das beginnt indirekt mit dem Eröffnungskonzert, das Musik kombiniert, die einmal imaginäre Bilder darstellt und einmal von realen Bildern inspiriert ist: Sergej Rachmaninows Études Tableaux und Modest Mussorgskis «Bilder einer Ausstellung».

Gesteigert wird dieses «Bild und Musik»-Konzept, wenn im zweiten Konzert unter diesem Motto zum live gespielten Klaviertrio von Peter Tschaikowsky ein Film gezeigt wird: Der Mitschnitt der Uraufführung des Balletts «Aleko», das der russische Choreograf Léonide Massine 1942 zu dieser Musik geschaffen hat. Berühmt geworden ist er auch deshalb, weil der russische Maler Marc Chagall dafür Bühnenbild und Kostüme entwarf. Sie sind im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof nicht nur auf der Leinwand zu sehen, sondern werden im Saal ausgestellt. Die Exklusivität dieses Dokuments und Anlasses unterstreicht die Tatsache, dass Chagalls Enkelin in Luzern anwesend sein wird und einführende Worte spricht.

Tschaikowsky-Oper im KKL

Eine weitere Steigerung ist da nur durch den Umzug in den grossen Konzertsaal des KKL möglich. Hier bietet das Luzerner Sinfonieorchester unter Chefdirigent James Gaffigan mit Peter Tschaikowskys «Pique Dame» grosse Oper.

Das gilt zum einen für das internationale Top-Ensemble. «Dass wir einen Sänger wie Kristian Benedikt verpflichten konnten, war auch möglich, weil dieser die Rolle demnächst erstmals auf einer Opernbühne singen wird und hier damit Erfahrungen sammeln kann», sagt Bischof. Zudem wird das Werk von der Regisseurin Julia Pevzner szenisch eingerichtet.

Pevzner, die in Israel schon mehrere Opern halbszenisch realisiert hat, spricht von einer grossen Herausforderung, in einem Konzertsaal eine Geschichte zu erzählen wie im Theater. Aber sie sieht auch Vorteile: «Wenn das Orchester nicht im Graben, sondern auf der Bühne sitzt, wird es selber zu einer Figur im Spiel», sagt sie: «Ich denke, das Publikum kann so die Handlung ebenso in der Erzählung des Orchesters wie in jener der Sänger auf der Bühne mitverfolgen.»

Archaische Bauernhochzeit

Eine Schlüsselrolle in diesem «psychologischen Thriller» um einen Mann, den das Kartenspiel ins Verderben stürzt, kommt dem Licht zu: «Ich werde eine moderne Geschichte erzählen, die sich auf Herrmanns Niedergang konzentriert. Das expressiv eingesetzte Licht wird dabei verschiedene Orte und Atmosphären für jede Szene und die dramatischen Momente andeuten.»

Tags darauf, am Samstag, wird Pevzner das szenische Setting für ein ganz anderes Werk im Luzerner Saal schaffen. In Igor Strawinskys archaischer Bauernhochzeit-Kantate «Les noces» setzt sie auf russische Trachten und Kostüme: «Das macht viel Spass zu dieser rasch wechselnden, wunderbaren Musik.» Ein theatrales Element stellt hier auch der Aufführungsapparat dar. Neben Solisten und dem Staatlichen Chor Lettland, der schon in Tschaikowskys Oper mitwirkt, stehen viel Schlagwerk und vier imposante Flügel auf der Bühne.

Pianisten-Marathon

Dieses Pianisten-Aufgebot gab den Anstoss zum letzten Grossprojekt des Festivals. Im Anschluss nämlich erklingen bis gegen Mitternacht sämtliche Klaviersonaten von Sergej Prokofjew. Da machen arrivierte Pianisten und Jungstars wie Nicholas Angelich, David Kadouch, Adam Laloum, Anna Vinnitskaya und Nathalia Milstein diesen «Zaubersee» zum Piano-Festival.

«Das war schon deshalb eine Herausforderung, weil die meisten Pianisten nur ein paar dieser Werke im Repertoire haben», sagt Bischof: «Weil auch das Publikum dieses Gesamtwerk kaum kennt, macht ein solcher Marathon tatsächlich Sinn.» Zudem spiegelt sich hier im Biografischen ein Stück russischer ­Geschichte – vom kraftstrotzend-vir­tuosen Frühwerk über die in den Kriegsjahren entstandenen Sonaten bis zum Spätwerk, in dem Prokofjew auch körperlich ein gebrochener Mensch war.

Urs Mattenberger

Acht Konzerte vom Lunch bis um Mitternacht

Mittwoch, 24. Mai

Eröffnungskonzert, 19.30, Schweizerhof: Das Fauré-Quartett spielt in einer eigenen Bearbeitung Sergej Rachmaninows «Etudes Tableaux» und Modest Mussorgskis «Bilder einer Ausstellung», das Trio um den Klezmer-Klarinettisten David Orlovsky führt Mussorgskis Folklore-Anklänge weiter mit Liedern aus Osteuropa.

Donnerstag, 25. Mai

Lunchkonzert I, 12.30, St. Charles Hall, Meggen: Das Fauré-Quartett spielt russische Spätromantik (Sergey Tanejev), Moderne (Schostakowitsch) und Postmoderne (Alfred Schnittke).
Bild und Musik II, 19.30, Hotel Schweizerhof: Ballettfilm «Aleko» (Bühnenbild: Marc Chagall) zu Tschaikowskys Klaviertrio. Das Trio Chausson spielt zudem Aaron Coplands Studie über ein jüdisches Thema – als Reverenz an Chagalls jüdischen Hintergrund – sowie Maurice Ravels «La Valse».

 

Freitag, 26. Mai

Opernabend, 19.30, Konzertsaal KKL, Luzern: halbszenische Aufführung von Peter Tschaikowskys Oper «Pique Dame», Luzerner Sinfonieorchester, Staatlicher Chor Lettland, Luzerner Mädchenchor und Sängerknaben, Leitung von James Gaffigan, Solisten.

 

Samstag, 27. Mai

Lunchkonzert III, 12.30, St. Charles Hall, Meggen: Die Mezzosopranistin Agunda Kulaeva – eine der Solistinnen in «Pique Dame» – singt Lieder von Sergej Prokofjew, darunter die Kantate Alexander Newski, der Prokofjews Musik zum gleichnamigen Film von Eisenstein zugrunde liegt (Violine: Boris Brovtsin, Klavier: Danae Dörken).

Stravinsky und Prokofjew, Luzerner Saal: Strawinskys «Les Noces», u. a. mit dem Staatlichen Chor Lettland (18.00), alle zehn Klaviersonaten von Sergej Prokofiew (19.30).

 

Sonntag, 28. Mai

Schlusskonzert, 18.30, Hotel Schweizerhof, Luzern: Schlusskonzert mit Truls Mork (Cello) und Behzod Abduraimov (Klavier), Werke von Rachmaninow (Cello-Sonate u. a.) und Grieg.

Weitere Infos: www.zaubersee.ch.

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