Jazz-Festival: Musik und der Klang von Energie

WILLISAU ⋅ Kali verbinden die klangliche Präzision von Neuer Musik mit der Energie des Free Jazz: Das junge Trio aus Luzern steht auf der Hauptbühne am Jazz-Festival Willisau. Das Festival dauert vom 30. August bis 3. September.
21. August 2017, 05:00

«Es ist verrückt», sagt Raphael Loher. «Als ich letztes Jahr das Jazz- Festival in Willisau besuchte, dachte ich, dass es toll wäre, mal in zehn oder zwanzig Jahren dort aufzutreten.» Abrakadabra – schon ist es so weit. Kali eröffnet den Samstagabend am Jazz-Festival Willisau. Kali ist ein Trio, das Pianist Raphael Loher mit dem aus St. Urban stammenden Gitarristen Urs Müller und dem Zürcher Schlagzeuger Nicolas Stocker (Nik Bärtsch’s Mobile) vor knapp zwei Jahren gegründet hat.

Klarmachen

Als echte «Working Band» treffen sich die drei Musiker von Kali seit anderthalb Jahren jeden Montag im Probelokal. Dort arbeiten sie stundenlang an ihrem Sound. Dabei gehen sie von geschriebenem Material aus, das sie mit Improvisation verschmelzen. «Wir suchen bestimmte Stimmungen, an denen wir arbeiten und die wir mit freien Teilen zu einem eigenen Bandsound entwickeln», sagt Loher.

Der aus Flawil, St. Gallen, stammende Pianist ist seit seiner Jazzausbildung an der Hochschule Luzern – Musik in Luzern geblieben. Er hat schon als Jugendlicher ausgiebig improvisiert. Seit einiger Zeit ist das kompositorische Material wichtiger geworden. «Ich kam in der freien Improvisation an eine Grenze und fand es formal oft unbefriedigend. Ich musste mir gewisse Sachen klarmachen. So entwickelte sich das Bedürfnis, einzelne Momente oder Teile aufzuschreiben.»

Berge, Yoga

Dessen ungeachtet könnte Loher nie «nur» Stücke spielen. «Frei zu improvisieren, ist essenziell und eine der natürlichsten Arten, Musik zu machen.» Aber damit das freie Spielen für ihn funktioniert, braucht es einen energetischen Boden, ein Zentrum, das nicht denkt, sondern aus der vollen Leere heraus kreiert. Loher: «Meditieren ist eine Übung, um in einen Zustand zu kommen, wie ich ihn – mit dem Medium des Instrumentes – auf der Bühne anstrebe.»

Anfang August arbeitete Raphael Loher zwei Wochen auf einer Alp in Sörenberg. Auch sonst ist er im Sommer viel in den Bergen unterwegs. Er schläft draussen, wandert, badet in eiskalten Bergseen und Flüssen. Regelmässig meditiert er, macht Yoga und beschäftigt sich neuerdings mit dem Daoismus. Es ist dieses Energetische, das ihn an der Musik interessiert. Um Energie weiterzugeben, sei es gut, zu erfahren, wie man die Energie fokussieren und zur Wirkung bringen könne, sagt Loher. Das akustische Phänomen allein berühre niemanden. «Es braucht etwas, das die Musik befruchtet. Schlussendlich geht es um etwas, das hinter all dem ist.»

Erstes Album

Deswegen hält sich Loher im Sommerhalbjahr lieber draussen in der Natur auf, als dass er beflissen im Kämmerlein übt. «Das kann ich im Winter wieder machen.» So wie Babys nicht aus Babys entständen, könne auch die Musik nicht nur von der Musik kommen, zitiert der Pianist sinngemäss einen Ausspruch von Keith Jarrett. Ihm geht es mindestens so stark um eine energetische oder spirituelle Kraft, die seinen Alltag bestimmen und also auch in die Musik einwirken soll, wie um das technisch möglichst raffinierte Handhaben seines Instrumentes.

Letzten Sommer haben Kali im Studio die Tracks für das erste Album eingespielt. Die Aufnahmen hielten den Ansprüchen des Trios nicht stand. «Die Band hat sich in dieser Zeit intensiv weiterentwickelt. Wir waren nicht zufrieden.» Diesen Sommer gingen sie erneut ins Studio. «In einem Tag haben wir praktisch das ganze Album eingespielt. Wir bereiteten uns sehr gut vor, aber waren dann selber überrascht, wie gut wir in den Flow kamen.» Das Album erscheint nächstes Jahr auf Ronin Rhythm Records, dem Label von Nik Bärtsch. Vorerst ist Willisau das grosse Ereignis. Kali sind bereit.

Pirmin Bossart

Von Luzern bis Australien

Mit Le String Blö eröffnet eine Band das Jazz-Festival Willisau, die ebenfalls von zwei jungen und energetischen Musikern aus Luzern initiiert wurde: den beiden Saxofonisten Sebastian Strinning und Lilo Blöchlinger. Sie haben die kraftvollen und dynamischen Stücke geschrieben, die sie mit den erfahrenen Musikern Christian Weber (Bass) und Roberto Domeniconi (Piano) sowie dem gefragten jungen Schlagzeuger Emanuel Künzi auf die Bühne bringen.

 

Luzerner Präsenz

Beide Saxofonisten sind Mitglieder des Fischermanns Orchestra – Blöchlinger seit 2009, Strinning seit 2014. Strinning spielt auch mit Tree Ear (mit Gerry Hemingway und Manuel Troller) und mit Blindflug (mit Lauren Newton und Emanuel Künzi). Auch als Solist hat er schon markante Spuren hinterlassen: mit dem Solo-Album «Kerrin» und als Gewinner des CS-Förderpreises an den Stanser Musiktagen.

Ebenfalls am Festival zu hören sind die beiden Ex-OM-Musiker Christy Doran und Urs Leimgruber. Doran trifft auf den französischen Gitarristen Noël Akchoté, Leimgruber kommt mit seinem superben Trio (Jacques Demierre, Bare Phillips), das durch den Analog-Elektroniker Thomas Lehn ergänzt wird. Ein weiterer Luzerner Gitarrist ist Manuel Troller (Schnellertollermeier), der mit dem Bieler Holzbläser Hans Koch auftritt. Mit Pink Spider, Le Rex (Tuba: Marc Unternährer), Frank (Peter Estermann, Gregor Heini, Stefan Christen) und Veronikas Ndiigo (Veronika Stalder) sind weitere Luzerner Musikerinnen und Musiker auf der Zeltbühne zu hören.

Seit einigen Jahren lebt und unterrichtet auch der amerikanische Schlagzeuger Gerry Hemingway in Luzern. Der herausragende Musiker hat aus Anlass des 40-jährigen Bestehens das Trio BassDrumBone mit Mark Helias und Ray Anderson neu aktiviert. Ihr Auftritt in Willisau ist ein Highlight.

 

Internationale Bands

Mit Spannung erwarten darf man das Piano-Bass-Drum-Trio The Necks: Die aus Australien stammenden Musiker haben im Laufe des über 30-jährigen Bestehens der Gruppe eine traumwandlerisch-hypnotische und schöne Musik entwickelt.

Zu den grossen Namen gehört der Schlagzeuger Andrew Cyrille, der mit seinem Quartett am Sonntagnachmittag das Festival beschliesst. Kontrastiert wird dieser Konzertblock von der Formation Anna Högberg Attack, einem schön rabiaten Sextett mit sechs Musikerinnen. Zu den herausragenden Musikern der zeitgenössischen Jazz- und Improszene gehört der Trompeter Peter Evans. Sein Sextett hat einen starken Elektronikeinschlag, am Schlagzeug sitzt der famose Jim Black.

Zwei ausgefallene Projekte stammen ebenfalls aus den USA: Zum einen sind die beiden angesagten zeitgenössischen Pianistinnen Kris Davis und Angelica Sanchez im Duo zu hören. Zum andern kommt mit Sam Amidon ein Multiinstrumentalist auf die Willisau-Bühne, der sein halbes Leben lang Folk und Country gespielt hat, bevor er mit Jazz zu experimentieren begann: Shahzad Ismaily (Gitarre, Bass, Elektronik) und Ben Goldberg (Klarinette) heissen seine prominenten Mitmusiker.

pb

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