«Jedes Porträt muss zum Sound passen»

BLUE BALLS FESTIVAL LUZERN ⋅ Für das diesjährige Plakat des Blue Balls hat der Ostschweizer Fotograf Georg Gatsas fotografiert. Gatsas ist am Puls der zeitgenössischen Fotografie.

10. Juli 2013, 09:37

Georg Gatsas, Ihr Foto von Laura Mvula ziert das aktuelle Blue-Balls-Plakat. Wie ist dieses Foto entstanden?

Georg Gatsas: Ich wurde vom Studio Achermann in Zürich angefragt. Ich habe schon mehrmals in London fotografiert, so etwa für die Serie «Signal the Future», in der ich DJs und Protagonisten der neuen UK-Bass-Musik dokumentiere. Beda Achermann hat ein gutes Auge für Fotografie. Er hat meine Arbeiten, die auch in englischen Magazinen erschienen sind, gekannt. So ist es zum Auftrag gekommen, das neue Plakat mit Laura Mvula zu machen.

Das Timing mit Laura Mvula war ja nicht schlecht ...

Gatsas: Ja, ich habe sie noch vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums fotografiert. Sie war sehr nett, sehr natürlich, sehr professionell, ganz ohne Starallüren. Inzwischen ist das Album erschienen und hat überall hervorragende Kritiken erhalten. Das ist natürlich für alle eine Win-win-Situation. Laura Mvula freut sich, am Blue Balls Festival mit diesem internationalen Line-up auftreten zu können, die Veranstalter sind glücklich über den Erfolg ihres Albums, und ich bin stolz, ihr Porträt geschossen zu haben.

Wie lange fotografieren Sie schon Musikerinnen und Musiker?

Gatsas: Das hat professionell vor zehn Jahren begonnen, als ich das erste Mal in New York war. Eigentlich wollte ich nur kurz bleiben, aber dann ist es ein Jahr geworden. In New York ist meine erste Serie mit Performern, Musikern, Künstlern und Nachtgestalten in bestimmten Vierteln und Szenen New Yorks entstanden. Damals habe ich auch Devendra Banhart fotografiert, der dieses Jahr ebenfalls am Blue Balls auftritt.

Was reizt Sie, Musiker zu fotografieren? Was ist Ihr Bezug?

Gatsas: Ich habe mich schon immer für Musik interessiert. Als Jugendlicher habe ich begonnen, in der Ostschweiz Konzerte von Underground-, Postpunk-, Hardcore- oder Indie-Rock-Bands zu organisieren. Dann entdeckte ich die elektronische Musik. Von diesen Kontakten her wusste ich, wie ich mit Musikern umgehen konnte, damit sie sich gut fühlen. Das hat auch beim Fotografieren immer positive Resultate gegeben.

Wie stellen Sie das an?

Gatsas: Man muss den Musikern auf gleicher Augenhöhe begegnen, nicht als unterwürfiger Mensch oder Fan. Musiker sind auch Menschen wie wir, mit ihren Macken oder ihren Vorbehalten, fotografiert zu werden. Es ist wichtig, ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Ich überlege mir, wie sie am besten vor der Kamera wirken, welches Interieur es braucht. Jedes Porträt muss zum Sound passen, den die Person macht.

Was ist die Herausforderung, Musiker abzulichten?

Gatsas: Eine Herausforderung ist sicher, schnell und speditiv arbeiten zu müssen. Ich habe das recht gut drauf. Für die Session von Laura Mvula bauten wir um 8 Uhr auf, um 10.15 begann ich zu fotografieren, um 11.45 war alles fertig. Anderthalb Stunden zu fotografieren, ist für mich schon lang. Die Kürze führt dazu, dass du dich mit Haut und Haar auf die zu porträtierende Person fokussierst.

Wie viel an solchen Fotos ist inszeniert?

Gatsas: Sicher die Hälfte. Das geht von der Vorbereitung des Hintergrundes bis zum Ausschnitt, den du wählst. Es gibt auch die spontanen Momente, die natürlich am interessantesten sind. Ich verstehe etwas von Körperhaltungen und kann schnell abschätzen, in welchen Positionen gewisse Leute gut aussehen. Das hilft, damit diese spontanen Augenblicke passieren können.

Wie nehmen Sie das Blue Balls wahr?

Gatsas: Ich kenne vor allem die Plakate, die man überall sieht. Schon vor Jahren habe ich gedacht, dass es schön wäre, wenn ich mal fürs Blue Balls fotografieren könnte. Selber war ich leider noch nie am Blue Balls. Ich bin ein grosser Konzertgänger, aber kein Festivalgänger.

Können Sie von der Fotografie leben?

Gatsas: Im Moment schon. Ich pendle zwischen verschiedenen Welten, mache Arbeiten für die Kunst, die Musik, für Galerien, Institutionen, Magazine. Ich habe keine Mühe, von der einen in die andere Welt zu switchen. Wenn man das alles kombinieren kann, funktioniert es. Am Schluss muss es ein grosses Werk geben.

Festival-Programm

Das Blue Balls Festival hat sich in den letzten Jahren zu einem richtigen Leckerbissen entwickelt. Während sich der grosse Trubel rund um das Seebecken abspielt und im Hotel Schweizerhof bis in die frühen Morgenstunden dauert, bilden die Konzerte im KKL weiterhin das Herzstück des Anlasses.</p>

Den Anfang machen Michael Kiwanuka, ZAZ und Laura Mvula (Freitag, 19. Juli). Anhand des Eröffnungsabends sieht man auch gut die Tendenz des Blue Balls, nicht mehr nur auf gestandene Stars zu setzen, sondern auf junge, spannende und unverbrauchte Künstler.

Ane Brun spielt mit ihrem intensiven Singer-Songwriter-Sound am Samstagabend im Weissen Saal, während Skunk Anansie und Post War Years im Luzerner Saal härtere Saiten aufziehen. Immer etwas auf der Kippe zwischen genial und überbordend ist Peter Doherty, der am Sonntag ganz intim zu erleben ist. Nebenan laden Tricky und Morcheeba zur Trip-Hop-Party. Beide haben massgeblich dazu beigetragen, dass diese Musikrichtung immer noch populär ist.

Ein richtiger Indie-Leckerbissen bietet der Montag (21. Juli): Im Weissen Saal spielen die wunderschönen Tindersticks zusammen mit einem Streichorchester. Alt J und Devendra Banhart (Luzerner Saal) gehören zu den angesagtesten Bands der Stunde und werden mit Lob nur so überhäuft. Seit Jahren ein Genie ist Altmeister Elvis Costello, der am Dienstag das KKL beehrt. Josh Kumra und James Morrison, die im Saal nebenan spielen, sind auch nicht minder talentiert.

Die einzige Band mit Schweizer Beteiligung, die es ins KKL geschafft hat, ist Boy (Mittwoch, 24. Juli). Das Frauenduo verzaubert mit seinem Pop mittlerweile die halbe Welt. R&B servieren Cody ChesnuTT und John Legend. Letzteren kennt man unter anderem von Kooperationen mit Weltstars wie Alica Keys.

Fast schon Stammgäste in Luzern sind die Söhne Mannheims (Donnerstag, 25. Juli). Jamie Lidell und Alex Clare sind beide auch sehr soulig, vermengen in ihrem Sound aber auch zahlreiche moderne Einflüsse. Modern, schräg und voller Pathos ist die Musik von Patrick Wolf. Er bildet mit Two Gallants und Bush das Konzertprogramm für den Freitag.

Einen stampfenden Ausklang für das Festival bieten am Samstag im Luzerner Saal Hot Chip und Fenech-Soler. Das ist tanzbarer Indie-Pop mit viel Schmackes, der direkt in die Beine fährt. Etwas ruhiger ist es im Weissen Saal: Damien Rice. Der Ire lädt mit seinem gefühlsvollen Pop zum Träumen ein.

Infos: www.blueballs.ch


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