Ken Loach: «Mein Ziel ist es, die Leute wütend zu machen»

KINO ⋅ Mit seinem neuen Kinofilm «I, Daniel Blake» versucht der Intellektuelle Ken Loach, der Arbeiterklasse eine starke Stimme zu geben. Ein missglücktes Experiment.

28. November 2016, 08:06

Und plötzlich kümmern sich alle um die Arbeiter. Seit Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden ist, schicken Medien Reporter in den Rostgürtel der USA, von wo diese über Trump-Wähler schreiben, als gehörten diese zu einem exotischen, gerade erst entdeckten Stamm einer exotischen Südseeinsel. Und das Feuilleton debattiert darüber, ob die Intellektuellen versagt und den Draht zur Basis verloren haben. Der Feuilleton-Chef der NZZ geisselte diese Woche die abgehobene Intelligenzija: «Jene, die das Unheil nicht kommen sahen, wissen nun plötzlich, woher es kam – von ebenjenen Leuten, über die sie herziehen, ohne sie zu kennen.» Das trifft zu, wobei anzufügen ist, dass es auch noch die anderen Intellektuellen gibt: jene, welche meinen, die Arbeiter zu kennen, und ihre Lebenswelt verklären.

Fiktion von linken Cineasten

Zu dieser Gattung gehört der britische Autorenfilmer Ken Loach. Seit bald einem halben Jahrhundert zeigt der Marxist in seinen Sozialdramen, wie die kleinen Leute von den Neoliberalen ausgebeutet werden. Mit «I, Daniel Blake» macht er sich zum Anwalt eines Schreiners, der einen Herzinfarkt erlitten hat und nun um eine Invalidenrente kämpft. Sein Titelheld scheitert beim Versuch zu überleben unter anderem deshalb, weil er keinen Computer bedienen kann. Auf dem Sozialamt lernt er eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder kennen, welche die Bürokraten ebenfalls abblitzen lassen. Es kommt, wie es kommen muss in der Fiktion von linken Cineasten: Die Armen tun sich zusammen und lehnen sich gegen die da oben auf.

Jedem, der die Arbeiterklasse kennt, weil er ihr entstammt, weil er mit Arbeitern Militärdienst leistete oder weil er nach dem Fussballtraining mit Schreinern ein Bier trinkt, stehen die Haare zu Berge ob dem realitätsfernen Bild, das Loach entwirft. Diesen idealistischen Arbeiter von Loachs Gnaden, der für seinen schwarzen Nachbarn Pakete aus China mit Hehlerware entgegennimmt und am Abend am Kultursender BBC 4 klassische Musik hört, während er für ein Mischlingskind Deckenschmuck schnitzt, gibt es schlicht nicht. Loach, ein Säulenheiliger der Filmkritik, die ihn mit dem Etikett Sozialrealist adelt, zelebriert hier vielmehr politisch korrektes wishful thinking. Realistischer wäre es, dass der arbeitslose Handwerker sich über den Dealer in der Nachbarschaft aufregt und sich am Abend mit Videogames abreagiert – am Computer!

«Ken Loach macht ohnehin schon längst keine verstörenden Filme mehr.

 

Auf die Frage, was er denn als privilegierter Kulturschaffender überhaupt von der Arbeiterklasse wisse, antwortete Loach im Mai beim Interview am Festival von Cannes: «Ich begegne ihr tagtäglich, zum Beispiel im Hotel, wo das Zimmermädchen mein Bett macht, oder im Frühstücksraum, wo man mir Tee serviert.» Loach erklärte weiter, er mache Filme wie «I, Daniel Blake» für die Arbeiterklasse. «Mein Ziel ist es, die Leute wütend zu machen, um ihr Bewusstsein dafür zu schärfen, dass sie sich gegen das ausbeuterische System auflehnen müssen.»

Mit dieser Haltung stellt sich der Hollywood hassende Brite (an dessen Aufrichtigkeit der Intention nicht zu zweifeln ist) in die Tradition der Kulturpessimisten der Frankfurter Schule. Ihre Aushängeschilder Theodor W. Adorno und Max Horkheimer haben in ihrer 1939 bis 1944 entstandenen «Dialektik der Aufklärung» die amerikanische Kulturindustrie gegeisselt, weil sie mit dem süssen Gift der Unterhaltung das Publikum schläfrig mache, was dazu führe, dass sich niemand auflehne. Sie forderten im Einklang mit Marx und Lenin ein widerborstiges Kino, das aufrüttle. Solche revolutionären Filme hat es zu Sowjetzeiten tatsächlich gegeben, man denke etwa an «Panzerkreuzer Potemkin» (1925) von Sergei Eisenstein. Er hat die Massen erreicht, weil er ihnen als Propaganda aufgezwungen wurde. In der Realität der freien Marktwirtschaft hat sich der Arbeiter aber kaum je für formal verstörende Filmkunst interessiert, worauf schon Pierre Bourdieu in «Die feinen Unterschiede» hingewiesen hat. Das Kino von Godard und Bertolucci wurde vor allem von der Bourgeoisie geschätzt. Der Arbeiter will nach einem harten Tag nicht seine Misere auf der Leinwand sehen, sondern neigt dem Eskapismus zu, in dem eine Prostituierte einen Millionär heiratet.

Wer versteht den Arbeiter?

Aber Ken Loach macht ohnehin schon längst keine verstörenden Filme mehr. Er begann zwar um 1970 mit Sozialrealismus, der in ungeschönten Bildern den harten Alltag der kleinen Leute zeigt. Doch er ist mit der Zeit mainstreamiger geworden. Er realisiert längst unterhaltsame Drehbuchfilme, Hollywood-Kitsch im «kitchen sink»-Milieu. Diese Filme schaut sich vorwiegend ein privilegiertes Publikum an, das an den glamourösen Filmfestspielen wie Cannes und Venedig nach der Vorführung auf der Terrasse eines Grand-Hotels sitzt und darüber diskutiert, wie schlimm die Welt ist. Dass das linke Kultur-Establishment den Arbeiter verklärt, geht zurück auf Lenin, der 1902 in seinem Hauptwerk «Was tun» festhielt, dass die Arbeiterklasse im Arbeitskampf bestenfalls ein gewerkschaftliches Bewusstsein entwickeln könne. Um sie zu einem marxistischen Bewusstsein zu führen, brauche es die erklärenden Kulturleistungen – Schriften, später Filme – von Intellektuellen. Viele Linke sehen im Arbeiter das, was Eltern im Kleinkind sehen: ein rein fühlendes Individuum, über das man schützend seine Hand halten soll. Der Blick der rich kids aufs Proletariat ist aber oft romantisierend, weil er von Unkenntnis herrührt. Als Godard, Spross einer reichen Genfer Bankier-Familie, 1968 in Cannes aus Solidarität mit den Arbeitern den Abbruch des Festivals verlangte, kanzelte ihn Polanski, der Faschismus und Sozialismus am eigenen Leib erfahren hatte, als kindischen Revolutionsspieler ab, der nicht wisse, wovon er spreche. Kritik von jenen mit Lebenserfahrung kontern Salon-Linke reflexartig mit dem Populismusvorwurf. Oder wie der Linke Bourdieu schrieb: «Man wird oft als Rechter beschimpft, wenn man die Wahrheit über ‹die Linken› sagt.»

Wer aber versteht den Arbeiter? In Hollywood sind es am ehesten Cineasten wie Clint Eastwood und Sylvester Stallone. Beide kommen von unten. Eastwood hat sich einst als Holzfäller und Stahlarbeiter verdingt, Stallone wuchs in Armut auf. Beide sind nicht zufällig Republikaner und, nach reiner Lehre betrachtet, Autorenfilmer (was viele Filmkritiker nicht zusammenbringen). Sie machen unbeeindruckt von der in Hollywood grassierenden PC-Manie (Zwang zur Political Correctness) klassisches Erzählkino über reale Persönlichkeiten. Eastwood hat mit «American Sniper» die Erlebnisse des US-Scharfschützen Chris Kyle verfilmt – ein Meisterwerk. Das Gros der Kultur-Elite und ihre Claqueure in den Feuilletons sind so über ihn (und jene, die den Film mögen) hergezogen wie jetzt über Trump: von oben herab, mit Häme und Aggression. Beim breiten Publikum aber kam der Film gut an. Er spielte allein in den USA über 350 Millionen Dollar im Kino ein. Im Unterschied zu Loach setzt Eastwood nicht auf Moralismus, sondern auf Realismus. Die Bilder von Kyles Beerdigung, die viele Kritiker als pathetisch kritisierten, sind dokumentarisch – echte Gefühle von echten Leuten.

Auch Sylvester Stallone folgen die Massen, weil er in Filmen wie «Rocky» (1976) den American Dream und die soziale Durchlässigkeit einer freien Gesellschaft feiert, in der jeder, der hart arbeitet und sein Schicksal selber in die Hand nimmt, den Aufstieg schaffen kann. Auch dieser Film wird von vielen Intellektuellen belächelt. Warum? Weil sie selber von der sozialen Durchlässigkeit der freien Gesellschaft keinen Gebrauch machen. Sie sitzen in ihrer Blase und kommen kaum je mit Arbeitern ins Gespräch. Dafür gehen sie ins Arthousekino, schauen einen Ken-Loach-Film und glauben, im Bild zu sein. Und dann kommt es zum Brexit oder zur Trump-Wahl, und sie verstehen die Welt nicht mehr.

Christian Jungen/mm

Dieser Text erschien am 20. November 2016 zu grossen Teilen in der «NZZ am Sonntag».

Drama von Ken Loach. Kinostart: 8. Dezember 2016. (youtube.com, 23.05.2016)

Der britische Regisseur Ken Loach im Interview

Was hat Sie dazu angespornt, den Film «Ich, Daniel Blake» über das britische Gesundheits- und Sozialsystem zu realisieren?
Ken Loach: Drehbuchautor Paul Laverty und ich sind durch Städte in den Midlands, im Nordosten, in Schottland und natürlich auch London gezogen, um Menschen zu begegnen, die in Jobcentern und in karikativen Lebensmittelausgaben arbeiten. Die Geschichten, die wir hörten, wurden immer extremer, und es gab gleichzeitig ein unglaubliches Redebedürfnis. Doch öffentliche Diskussionen finden darüber merkwürdigerweise nicht statt.

Waren Sie selbst überrascht, wie schlimm die Situation eigentlich ist?
Loach: Natürlich bin ich sensibilisiert, habe aber auch nur das mitbekommen, was in meiner unmittelbaren Umgebung passiert. Etwa wenn man in den Supermarkt geht und dort eine Tasche findet, in der man etwas für die Lebensmittelausgabe hineinpacken kann. Aber das ganze Ausmass hatte ich nicht realisiert, das erfasste ich erst, als wir durch die Städte reisten.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Loach: Paul hatte sich mit einem Mann angefreundet, der seit drei Jahren damit leben muss, nicht das geringste Geld zu bekommen. Ein intelligenter Mann, der hoch bezahlte Jobs bekleiden könnte. Aber er weigerte sich, auf die Forderungen des Jobcenters einzugehen. Um weiterhin seine Zuschüsse zu bekommen, sollte er in einer Fabrik ohne Lohn arbeiten. Er sagte aber, er wäre mehr wert als das und erwartete, dass man ihn für seine Leistung dann auch anständig bezahlen sollte.

Ist der Zusammenbruch des Sozialsystems gerade nicht überall auf der Welt zu beobachten? Und dass den Leuten klar wird, dass der Kapitalismus so nicht mehr funktioniert?
Loach: Ich denke, das ist sogar das eigentliche Problem, weshalb es gerade überall zur Massenarbeitslosigkeit kommt. Länder wie Spanien und Griechenland sind davon noch viel härter betroffen. Das Wirtschaftssystem kollabiert. Es braucht zwar Konsumenten, die sich immer wieder neue Dinge kaufen. Doch viele sind nur noch teilzeitbeschäftigt und arbeiten ein bis zwei Tage in der Woche, weil es keine Arbeit mehr gibt.

Was glauben Sie, hätte der arbeitslose Daniel Blake für oder gegen den Brexit gestimmt?
Loach: Er hätte wohl dafür gestimmt, die EU zu verlassen, denn er lebt in einer Gegend im Nordosten, wo traditionelle Betriebe, Mienen und der Schiffbau von einst verschwunden sind. Viele Menschen von dort fühlen sich entfremdet und glauben, dass es keine Fürsprecher mehr für sie gibt.

ricore

 

Drama von Ken Loach. Kinostart: 8. Dezember 2016. (youtube.com, 23.05.2016)




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