Amnesie

KLUB DER JUNGEN DICHTER ⋅ Emma Meissner, Ennetbürgen, 3. Oberstufe

Wir haben uns seit der Sache von damals nicht mehr gesehen. Und plötzlich sitzen wir uns unverhofft im Zug gegenüber ...

Er trägt einen schwarzen Pulli und hat die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, den Blick gesenkt. Trotzdem würde ich ihn überall wiedererkennen. An seiner Art, wie er dort sitzt, die Hände in den Taschen. Niemand kennt ihn besser als ich. Aber er dürfte gar nicht hier sein. Er müsste unter der Erde auf irgendeinem Friedhof liegen. Ich schaue mich kurz um, das Abteil ist leer, ich bin alleine mit ihm. «Tim? Was machst du hier?», frage ich mit leiser Stimme. «Du bist schuld, Lena!» Seine Worte waren nur ein Flüstern. «Was meinst du, ich verstehe nicht.» Sage ich ein wenig verwirrt. Langsam hebt er den Kopf, in seinen Augen spiegelt sich ein trauriger Blick, der sich langsam in Wut verwandelt. «Du bist schuld!», schreit er. Sein Schrei lässt mich zusammenfahren, ich schaue schnell zu Boden.

Stille.

Nach kurzer Zeit blicke ich wieder auf, erschrocken weiche ich ein wenig zurück. Er mustert mich mit einem eiskalten Blick, den ich bei ihm noch nie gesehen habe. «Bitte Tim, bitte, erkläre mir, worum es geht!», sage ich flehend. Er lacht trocken, es klingt düster, und langsam kriege ich richtig Angst. «Ach Lena, kannst du dich wirklich nicht erinnern?» Traurig schaut er mich an. Verzweifelt versuche ich, etwas aus meinen Kopf herbeizurufen.

Ich liege im Krankenhaus, versuche mich zu erinnern, wieso ich hier bin, ich weiss es nicht. Immer wenn ich es probiere, spüre ich nur Leere. In diesem Moment geht die Tür auf, und ein Mann in einem weissen Kittel kommt herein. «Hallo Lena. Ich heisse Dr. Martin.» Erschöpft lächle ich ihn an und frage: «Was ist passiert? Was mache ich hier?» «Du hattest einen Unfall», sagt der Mann behutsam. «Wieso kann ich mich an nichts erinnern?», frage ich mit grosser Mühe, die Tränen zurückhaltend. «Du hast dein Gedächtnis verloren. Die meisten Erinnerungen werden wiederkommen. Jedoch bleiben die der letzten 48 Stunden wahrscheinlich für immer verschwunden.» Eine dicke Träne kullert mir die Wange herunter. «Lena, ich lasse dich jetzt alleine, damit du dich ein wenig ausruhen kannst. Wenn etwas ist, drücke einfach den Knopf dort rechts an der Wand, dann sollte eine Schwester kommen.» Ich nicke nur, und kurz darauf schliesst sich hinter Dr. Martin die Tür.

Zwei Wochen später hat man mir mitgeteilt, dass Tim tot sei. Er hat sich anscheinend selber umgebracht. An einem Messer konnten seine Fingerabdrücke festgestellt werden. «Wieso hast du dich umgebracht, Tim?», frage ich mit tränenerstickter Stimme. «Das warst du, du hast mich getötet.» Erschrocken schaue ich ihn an. «Ich ...?» stammle ich. «Ich zeige es dir und gebe dir deine Erinnerung zurück.»

«Du bist so ein Arsch, Tim, wie konntest du mich nur so betrügen. Und vor allem noch mit dieser Tussi.» Wütend schaue ich auf die Paprika, die ich gerade schneide. «Mann, Lena, das hat mir doch nichts bedeutet. Es war nur ein kleiner Ausrutscher.» Ganz lässig steht er dort, als ob nichts passiert wäre. Das lässt die Wut in mir nur noch wachsen. Ich erwidere nichts und blicke wieder stur auf die Paprika. «Jetzt hör mir doch mal zu», schreit Tim schon fast und entreisst mir das Messer. «Ich liebe nur dich.» – «Tim, gib mir das Messer wieder. Sofort.» Ich gehe einen Schritt auf ihn zu und lege meine Hände auf seine, die das Messer festhalten. Ich fange an, daran zu zerren, bis es passiert. Meine Hände rutschen ab, und ich stolpere rückwärts, stürze zu Boden und bleibe kurz liegen. Als ich mich wieder aufrichte und zu Tim blicke, schlage ich mir die Hand vor den Mund. Er liegt auf dem Boden, das Messer steckt bis zum Griff in seinem Bauch. Geschockt stehe ich auf und taumle aus der Wohnung. Während ich die Treppe runter renne, merke ich, wie die Tränen beginnen zu fliessen. Ich nehme um mich herum gar nichts mehr wahr und renne rücksichtslos auf die Strasse, das Auto sehe ich nicht kommen. Das Letzte, was ich spüre, ist ein unglaublicher Schmerz, der in meinem Kopf explodiert.

Mit tränenüberströmtem Gesicht schaue ich in Tims wunderschöne blaue Augen. «Es tut mir so leid», flüstere ich. In diesem Moment öffnen sich die Türen des Zuges, ich drehe ruckartig den Kopf herum. Die Menschen, die einsteigen, beachten mich nicht. Als ich mich wieder umdrehe, ist Tim verschwunden. «Ich liebe dich, egal was passiert ist», höre ich eine flüsternde Stimme, die verstummt, als sich die Türen wieder schliessen. Ich dich auch, Tim, immer.

 


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