Der Mann ohne Gesicht

KLUB DER JUNGEN DICHTER ⋅ Laura Schneider, Kriens, 6. Primar

Wir hatten uns seit der Sache von damals nicht mehr gesehen. Und plötzlich sassen wir uns unverhofft im Zug gegenüber. Im Gang sahen wir den unheimlichen Mann von damals. Als der Zug im Bahnhof Luzern einfuhr, packte Brandon meine Hand, und wir sprangen Richtung Altstadt davon. Dann sahen wir unsere einzige Chance: Da kam ein Pedalo zum Bootssteg zurück. Ohne zu überlegen, sprangen wir hinein und traten los. In der Hektik hatten wir gar nicht bemerkt, dass am Himmel bedrohlich dunkle Wolken aufgezogen waren. Kaum hatten wir richtig Fahrt aufgenommen, da zuckten die ersten Blitze aus den dunklen Wolken, und der Wind frischte bedrohlich auf. Die Wellen wurden immer grösser, und das Pedalo fing an, hin und her zu schaukeln. Da kam auch noch ein Dampfschiff auf Kollisionskurs daher und hornte wie verrückt. Wir konnten gerade noch rechtzeitig zur Seite fahren. Da standen trotz des Wetters viele Chinesen auf dem Schiff und fotografierten uns. Am Ufer entdeckten wir mit Schrecken die dunkle Gestalt, welche am Quai entlanglief. Ihr langer dunkler Mantel flatterte im Wind. Der schwarze Hut war tief ins Gesicht gezogen, es sah aus, als hätte der Mann gar kein Gesicht. Verzweifelt ruft Brandon: «Der Mann verfolgt uns immer noch. Die Wellen sind zu hoch und der Wind zu stark, um auf die andere Seeseite zu gelangen.»

«Da vorne sehe ich den Bootssteg vom Verkehrshaus. Im Museum hat es immer viele Besucher, unter den vielen Personen können wir uns gut verstecken», schrie ich zurück.

Mit den letzten Kräften erreichten wir den Bootssteg und kletterten hinauf. Die dunkle Gestalt war 100 Meter von uns entfernt und sah sich suchend um. Da wussten wir, es geht um alles! Wir sprangen direkt zum Verkehrshaus- Eingang. «Ist das wieder voll heute», dachte ich. Wir schleusten uns mit der wild schwatzenden südländischen Touristengruppe unbemerkt am Drehkreuz vorbei. Das musste er erst einmal nachmachen. Wir sprangen weiter zur Flugzeughalle. Dort sahen wir die verschollene Amelia Earhart als Ausstellungspuppe. Daneben stand ein weiterer Pilot. Auf dem Schild vor seinen Füssen stand: «Charles Lindbergh, erster Pilot, der nonstop über den Atlantik flog».

Da knallte die Eingangstüre zur Halle auf, und da stand der Mann ohne Gesicht in der Tür. Verwundert drehten sich alle Besucher ihm zu und fragten sich, was er wolle. Kurz entschlossen nutzten wir die Gelegenheit, zogen den zwei Puppen die Fliegerjacken und die Pilotenmützen aus und zogen diese uns an. Dann setzten wir uns in das Cockpit einer Electra Lockheed, der gleiche Flugzeugtyp, mit welchem Amelia Earhart die Welt umrunden wollte. In diesem Cockpit zu sitzen, war ein überwältigendes Gefühl. So musste sich Amelia Earhart gefühlt haben, als sie auf dem Weg war, die Welt zu umfliegen. Ganz still sassen wir da und hielten den Atem an. Aus dem Cockpit sahen wir die dunkle Gestalt in der Halle herumirren. Da sah er uns plötzlich und kam direkt aufs Flugzeug zu. Langsam ging die Hintertür auf. Wir waren gefangen. Langsam kam er auf uns zu. «Endlich habe ich euch gefunden», sagte der Mann mit einer freundlichen Stimme. Nun konnten wir sein Gesicht sehen. Zu unserem Erstaunen war es ein freundliches Gesicht. «Hier habe ich eure Brieftasche, welche ihr im Zug vergessen habt. Zum Glück bin ich gut trainiert und habe eine Jahreskarte für das Verkehrshaus. Es war nicht einfach, euch einzuholen. Wieso seid ihr mir davongelaufen?»

«Damals hatten wir leider aus Langeweile Ihnen die Luft aus Ihrem Elektroflyer gelassen. Sie sind daraufhin in den Bach gestürzt.» – «Ach so! Bei meinem Velo waren die Pneus in Ordnung. Ich war einfach zu schnell gefahren. Macht euch keine Gedanken deswegen.» – «Gut zu wissen, dass wir nicht schuld waren. Dies hat uns all die Jahre beschäftigt.» – «Immerhin habt ihr heute viel erlebt und Luzern besser kennen gelernt. So geht das.» (Zitat aus «Philip Maloney»)


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