Dieses Leben

KLUB DER JUNGEN DICHTER ⋅ Verena Eicher, Emmenbrücke, 3. Oberstufe

Wir hatten uns seit der Sache von damals nicht mehr gesehen, und plötzlich sassen wir uns unverhofft im Zug gegenüber. Fard ist zu zwei Jahren mehr Haft als ich verurteilt worden, weswegen ich ihn seit der Knastzeit nie mehr zu Gesicht bekommen hatte. Mein Kopfnicken genügte, um ihm zu signalisieren, was als Nächstes anstand. So stiegen wir wortlos an der nächsten Haltestelle aus und setzten uns auf den Bordstein, wo wir jedoch nicht lange verblieben. Zu viele starrende Blicke wanderten von einem meiner Knasttattoos zum anderen. Mein Kumpel blieb von spöttischen Gesichtern ebenfalls nicht verschont, und so trieb es uns an eine abgelegenere Stelle nicht weit vom Bahnhof. Wir liessen uns auf einer halb zerfallenen Bank nieder.

Er erzählte mir von der Zeit im Knast, den Sozialstunden und den Mitgefangenen. «Es war keine schöne Sache», murmelte er und zerdrückte seinen Glimmstängel, um sich den nächsten aus seiner Trainerhose zu ziehen. «Was man nicht macht in seiner Jugend, wenn man Knete braucht», meinte ich daraufhin. Wir lachten und pusteten den Rauch aus unseren Lungen. Wie ich diesen Typen vermisst hatte, er ist für mich nicht bloss ein Kumpel, er ist mein Bruder. Wir erinnerten uns an die Zeit vor dem Knast. Da war die Welt noch perfekt. Nichts und niemand konnte uns aufhalten. Wir besassen unsere eigene kleine Plantage, sie hatte ihren Platz auf seinem Dach. Um diese zu finanzieren, mussten wir nur vor einem Altersheim ein paar blinde Omas überfallen, und schon regnete es jede Menge Scheine. «Ja, das waren noch Zeiten», er grinste, «willst du nicht auch irgendwie wieder zurück?» Ich musterte ihn, wusste, worauf er hinaus wollte, war mir jedoch unsicher, ob ich das wirklich wollte. Seit drei Jahren war ich clean, und meine Strafakte wuchs seitdem auch nicht mehr. «Keine Ahnung, Alter, ich meine, willst du nicht auch mal auf der Strasse gehen können, und zwar ohne in Handschellen gekettet zu sein? Ausserdem will ich meinen Kindern ein guter Vater sein, und nicht einer, der jeden Tag besoffen ist.» Es verging eine Weile, und das alte Leben wurde mir immer schmackhafter. Eigentlich hatte ich bis auf den Knast meine beste Zeit. Hasch in der Tasche, die Makarow in der anderen. Jeden Tag auf Partys und in Tiefgaragen high sein, einen Benz auf Kredit und schicke Ladys. Dann plötzlich wurde mir klar, dass ich dieses Leben leben wollte, egal, was die Familie, Richter und Bewährungshelfer sagen. «Scheiss auf die», sagte Fard immer, und da hatte er nun mal doch recht.

Eine Stunde später sassen wir wieder im Zug, die Tickets noch rechtzeitig zwei Turteltäubchen aus der Tasche gezogen, kam auch schon der Kontrolleur. Das Lachen mussten wir uns verkneifen, als die zwei Verliebten frustriert nach ihren Billetts suchten und kurz darauf rausgeschmissen wurden, als sie diese nicht vorweisen konnten. Die Zeit verging, und nach drei anstrengenden Monaten läuft unser Geschäft wieder. Nach dem Knast wohnte ich knapp 2 Jahre wieder arbeitslos bei meinen Eltern, welche mich nun jedoch wieder rausschmissen. Es ist mir jedoch ehrlich gesagt egal, und von nun an lebe ich bei Fard. Wir machen Scheine, Überfälle und betrinken uns auf Partys. Ohne jegliche Zukunftsangst leben wir in den Tag hinein, und bis jetzt läuft alles gut. Alles ist gut.


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