Eine ganz besondere Liebestat

Tim Jakob, Hergiswil, 5. Primar

«Einbruch in Hergiswil!», stotterte meine Mutter, als ich am ersten Schultag vor einigen Wochen singend bei uns daheim die Treppe runterkam.

«Buenos dias, Mamita», unterbrach ich ihre aufgeregte Stimme und guckte in ein total verdattertes Gesicht. Das schrille «Klirr» meines Glases, als es in dieser Sekunde auf unseren Küchenboden knallte, liess Mama und mich ungewöhnlich kalt. Uns schockierte nämlich hauptsächlich diese Einbruchstory.

Meine Mama regte sich noch nicht mal auf, als sie die unzähligen dunkelbraunen Tupfen der kalten Schoggi auf meinen frisch gewaschenen Jeans inklusiv meinem neuen rosa Poloshirt entdeckte. Gottseidank liessen sich immerhin die schrecklichen Schokoladenflecken aus meinem Gesicht rasch entfernen.

«Was genau steht da in der Zeitung?», bohrte ich nach. Doch zur Antwort kam es nicht mehr, denn ich musste dringend Kleider wechseln und dann los. Wer will am ersten Schultag der 5. Klasse schon zu spät kommen?

Mein neuer Klassenlehrer, Herr Wettstein, informierte alle Kids über ihre Sitzplätze. Und noch während sich die Schüler einrichteten, stand plötzlich Rektor Baumann vor unserer Zimmertür. In diesem Moment erinnere ich mich an die Headline der «Nidwaldner Zeitung» von heute früh. Und irgendwie passte der entsetzte Gesichtsausdruck meines neuen Lehrers absolut dazu. Offenbar hatte in unserem 6000- Seelen-Dorf Hergiswil am Vorabend im Schulhaus ein grosser Diebstahl stattgefunden. Es war totenstill im Klassenzimmer, als Herr Wettstein die erfahrenen Infos für uns zusammenfasste ...

«Wieso um alles in der Welt sollte jemand in unsere Schule einbrechen?», erkundigte sich Noah aus Bankreihe vier. Unser Lehrer jedoch ignorierte diese Frage und fuhr fort. Anscheinend war eine dunkle Gestalt am Sonntagabend in unser Schulhaus eingedrungen. Der Dieb hatte es klar auf eine Sache abgesehen: auf unsere neuen Laptops!! Noch drin in den Acer-Kartons lagerten die nigelnagelneuen Geräte in einem separaten Raum. Herr Wettsteins Worte wurden durch ein energisches Klopfen an unsere Tür gestört.

Im Türrahmen war ein kleiner, bärtiger Mann mit tiefer Stimme. Sein Bauchumfang liess vermuten, dass gesunde Ernährung und Sport wohl nicht so sein Ding waren. In der Hand hielt er ein kreditkartengrosses Etwas, das er Herrn Wettstein hektisch vor die Augen hielt. «Polizist Hugo Hackfleisch», stellte er sich vor und stand sozusagen schon mitten im Raum.

Wir Schüler konnten uns ein Lachen nicht verkneifen, als wir seinen Namen mitbekamen. Der Mann mit dem Namen meines Lieblingsmenüs erklärte zackig, dass er auf Zeugensuche sei und wissen möchte, wo wir und unsere Familien am Sonntagabend gewesen waren.

Seine ebenfalls eingetroffene Polizeikollegin Heidi Augenauf schrieb fleissig mit, was wir zu berichten hatten. Es herrschte ein riesiges Auf und Ab, überall Polizei, zapplige Kids, nervöse Lehrer und mitten im ganzen Tohuwabohu auch noch neugierige Leute von der Strasse, die trotz Begleitung von rosa Kinderwagen, humpelnder Grossmütter oder bellenden Kötern nicht auf eine allfällige Sensation verzichten wollten.

Doch plötzlich verstummten alle, als hätte ein Dirigent kurz vor Konzertbeginn mit dem Taktstab sein Orchester um Ruhe gebeten. Gross und Klein drehten sich fast synchron in die gleiche Richtung. Denn beim Schulhauseingang stand er: ein schlanker, junger Mann, braune kurze Haare, etwa 1,85 m gross, mit total verwaschenen Jeans, schlabbriges T-Shirt und eine völlig altmodische Wolljacke drüber. Seine weissen Hände zitterten, als er wortlos auf unseren Pausenplatz zeigte. Wir Schüler drückten uns an den Fensterscheiben die Nasen platt. «Unsere Computer sind wieder da!», schrien alle immer wieder wie im Kanon.

Man stelle sich vor: Als Bruder von einem taubstummen Teenager wollte der beschämte Dieb dem Behindertenheim mit unseren Computern zu etwas mehr Kommunikation verhelfen. Hmmm, sozusagen Diebstahl aus Liebe! Meine Mama sagt immer: «Wo die Liebe hinfällt, lassen sich Berge versetzen.» Ob sie wohl recht hat?


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