Erinnerungen im Zug

Celina Teichrib, Rickenbach, 3. Oberstufe

Wir hatten uns seit der Sache von damals nicht mehr gesehen. Und plötzlich sassen wir uns unverhofft im Zug gegenüber. «Entschuldigen Sie, kenne ich Sie nicht irgendwoher?» Die grosse Person, die vor mir aus dem Fenster geblickt hatte, sah mich nun nachdenklich an. «Ihr Gesicht kommt mir sehr bekannt vor.» Ich betrachtete nun das aufgeschlossene Gesicht des etwa 25-jährigen Mannes. «Warten Sie …, sind Sie nicht Bill Carver?» Ich wusste immer noch nicht, wer er war! Deshalb antwortete ich verwundert darüber, dass er meinen Namen kannte: «Ja, das bin ich. Und Sie?» – «Mein Name ist Nathan Lahay.» «Nathan!» Mir fiel alles von damals wieder ein. Verdun … die Bombe … und alles Schreckliche, was ich dort gesehen habe. Der Geruch der Leichen lag mir erneut in der Nase. Ich sass wie betäubt da, dann fragte ich ihn: «Wo warst du? Ich habe dich eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen!» Er lächelte. «Wir waren ja die besten Kollegen, bei Verdun.» Ich seufzte. «Ja, Verdun, nie werde ich das vergessen.»

Im Krieg gegen Frankreich waren wir beide, damals noch Schulkollegen, Soldaten geworden und haben uns erst da so richtig kennen und schätzen gelernt. Doch nach dem Krieg hatten wir uns aus den Augen verloren.

Wir erzählten uns einige Geschehnisse aus dem Krieg, als ich Nathan fest in die Augen blickte und ihm gestand: «Nathan, ich …, ich will dir nochmal vielen Dank sagen, dass du mich gerettet hast, als mich die Bombe fast traf. Durch dich bin ich mit meinem Leben davon gekommen. Ich kann dir nicht genug Danke sagen dafür!» Nathan lächelte verlegen: «Ich habe es für dich gemacht und für die liebe Kathrin, deine Verlobte, als ich mich vor dich stellte.» – «Ja, damals waren wir noch verlobt, Kathrin und ich. Jetzt haben wir schon viele wunderbare Ehejahre hinter uns.» Die Augen von Nathan weiteten sich, und er strahlte vor Freude. Ich erzählte ihm ein wenig von Kathrin und mir und von unseren Kindern. «Doch was machst du jetzt? Bist du auch verheiratet?»

Sein Gesicht veränderte sich plötzlich, er sah zu Boden und flüsterte kaum hörbar: «Nein, ich kam nicht dazu …»

«Entschuldige Bill, es hat ein wenig länger gedauert … Mit wem redest du, oder führst du neuerdings Selbstgespräche?!»

Ich zuckte zusammen und blickte in die Augen meiner wunderschönen Frau, Kathrin. «Ich habe gerade Nathan getroffen und», ich schaute auf den Platz mir gegenüber. Er war leer …

«Meinst du Nathan Lahay? Er ist doch bei Verdun ums Leben gekommen, weil er dich vor der Bombe geschützt hat!»


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