Grüne Augen und schlechte Witze

KLUB DER JUNGEN DICHTER ⋅ Larissa Disler, Rain, 5. Kanti

Ich musste um jeden Preis diesen Bus erwischen. Ich rannte wie eine Verrückte. Ich sah gerade noch eine ziemlich dicke alte Dame in den Bus einsteigen. Leider wurde ich durch diese Frau dermassen abgelenkt, dass ich geradewegs in etwas hineinrannte. Meine Handtasche fiel auf den Boden, und der ganze Inhalt verteilte sich an der Bushaltestelle. Und in diesem Moment fuhr der Bus davon.

Das Etwas, das ich umgerannt hatte, fluchte lauthals. Erst jetzt realisierte ich, dass ich immer noch auf dem Jungen lag. Der übrigens sehr hübsch war. Das bemerkte ich aber nur am Rande. «Wegen dir habe ich den Bus verpasst, und alle meine Sachen liegen verstreut am Boden!», schrie ich ihn wütend an. Ich schnappte meine Handtasche mit einer energischen Bewegung und hob eine Puderdose vom Boden auf. «Natürlich kaputt», murmelte ich.

Langsam kam Bewegung in den Jungen, der immer noch am Boden sass und meine Bewegungen verfolgte. «Ich bin übrigens Oscar», sagte er leise, als fürchtete er meine Reaktion. Ich war immer noch wütend und versuchte, ihm in normaler Stimmlage zu antworten: «Mia.» «Also schön, schlecht gelaunte Mia», sagte er, «ich soll also schuld sein, dass du den Bus verpasst hast. Wer ist dann bitte schön in mich hineingerannt?» Ich schaute auf und sah in diesem Moment die Sonne langsam untergehen. Ich würde es nicht mehr schaffen. Doch eigentlich störte mich das gar nicht mehr so sehr.

Ich starrte in die grünen Augen von Oscar. Mein Herz begann ganz plötzlich stärker zu schlagen, und mein Gesicht fühlte sich ziemlich heiss an. Ich wandte den Kopf ab, damit er nicht sehen konnte, wie mein Gesicht die Farbe einer Tomate annahm oder Erdbeere oder egal. Ich versuchte, mich von ihm abzulenken, und konzentrierte mich auf den Lippenstift, der vor mir auf dem Boden lag.

Plötzlich bemerkte ich, wie Oscar näherkam. Ich spürte seine Wärme im Rücken. Das erinnerte mich daran, wie kalt es schon war. «Willst du meine Jacke anziehen?», fragte er. Anscheinend hatte er mein Frösteln bemerkt. «Nein, geht schon», antwortete ich. «Oder auch nicht», antwortete er und legte mir die Jacke um die Schultern. Nachdem wir meine verstreuten Habseligkeiten eingesammelt hatten, setzten wir uns auf die Bank an der Bushaltestelle. Oscar erzählte alle schlechten Witze, die er kannte, um mich zum Lächeln zu bringen.

«Wie ich seine schlechten Witze vermisse», seufze ich. Meine beiden Enkelinnen Ellie und Zoe sitzen neben mir auf einer Bank an einer ganz besonderen Bushaltestelle und schauen mich mit grossen Augen an. «Und wir sitzen echt auf der Bank aus der Geschichte?», fragt Ellie. Ich tätschle die Bank mit einer Hand. «Ja, hier haben wir uns kennen gelernt. Es ist schon so lange her.» Langsam stehe ich auf. «Jetzt gehen wir euren Grossvater auf dem Friedhof besuchen.»


Login


 

Anzeige: