Liebe geht durch den Wasserfall

KLUB DER JUNGEN DICHTER ⋅ Anina Hafner, Uffikon, 6. Primar

Mitten in einem tiefen Wald hat es eine grosse Waldlichtung mit einem gigantischen Wasserfall. Es gibt Leute, die sagen, dass sich hinter dem Wasserfall eine grosse Höhle verbirgt. Angeblich sollen sich in der Höhle Menschen verstecken. Ob das stimmt?

Das wollte die junge Forscherin Livia unbedingt herausfinden. Sie lebte in dem Dorf, das nahe an diesem Wald lag. Livia machte sich auf den Weg dorthin. Als sie auf der Waldlichtung ankam, dämmerte es bereits. Sie schlug das Zelt in der Nähe des Wasserfalls auf. Sie war hundemüde und entschied sich, sich hinzulegen. Morgen gehts los, dachte sie. Was sie wohl erwarten wird, wenn sie erst in der Höhle ist?

Sie ging raus und schaute den Wasserfall an, welcher im Sternenlicht glitzerte. Doch plötzlich wurde sie unglücklich. Denn Livia hatte noch nie einen Freund. Sie konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als mit einem Partner um die Welt zu reisen und Abenteuer zu erleben. Das hatte sie zwar schon alles gemacht, doch sie war immer alleine. Wenn sie traurig war, Kummer hatte und all das, dann hatte sie niemanden, der sie tröstete. Doch heute war nicht der richtige Tag, um herumzujammern. Sie legte sich erneut hin und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am Morgen wurde Livia von den Vögeln geweckt, die um die Wette sangen. Komisch, dachte sie mit geschlossenen Augen, solche Vögel hatte sie noch nie gehört. Als sie ihre Augen öffnete, verschlug es ihr den Atem. Sie lag auf einem Felsvorsprung, die Luft war heiss und feucht. «Bin ich im Regenwald?», fragte sie sich.

Unter ihr erstreckte sich ein riesiger Wald mit wuchtigen Tannen, tropischen Palmen und fleischfressenden Pflanzen. Am Horizont entdeckte Livia gigantische Berge und einen See. Über ihr flogen Vögel, die einen klein wie Insekten, die anderen gross wie Adler. Aber etwas hatten alle gemeinsam: Sie waren bunt, als wären sie durch einen Regenbogen geflogen.

«Schön, findest du nicht?», riss eine Stimme sie aus ihren Gedanken. Livia erschrak so sehr, dass sie beinahe den Felsvorsprung runterfiel. «Oh, entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken!» Livia drehte sich langsam um. Vor ihr stand ein junger Mann, er hatte braune Haare und schöne, dunkle Augen. Seine Kleidung war grün. Grüne Hose, grünes T-Shirt, grüne Schuhe.

«Wer bist du, wo bin ich, und wieso bin ich hier?», fragte Livia verwirrt. «Okay, ganz langsam, junge Dame. Ich bin Henk. Du bist in Birdy-Island, und gestern habe ich dich durch den Wasserfall gesehen. Alle Menschen, die hier leben, haben die Gabe, Gedanken zu lesen. Ich habe sofort bemerkt, dass du in die Höhle willst, und habe dir den Gefallen gemacht», erklärte Henk. Livia war einen kleinen Moment lang überfordert. «Ähm, jetzt muss ich wohl danke sagen, oder?», fragte sie unsicher. Henk verneinte. «Hab ich doch gern gemacht», nuschelte er verlegen.

Danach pfiff er einmal laut und einmal leise. Fünf Sekunden später flog ein riesiger Schmetterling auf sie zu. Livia schrie auf und versteckte sich hinter Henk. «Keine Angst Livia, das ist Ayana, mein Schmetterling.» Livia blickte in Ayanas grosse, runde Augen. Ayana war wirklich sehr hübsch und brav, bemerkte Livia, als sie später auf ihr über den Wald hinweg schwebte. Henk legte sich mächtig ins Zeug, um Livia alles zu zeigen.

Nach vier wunderschönen Tagen sagte Henk: «Livia, du musst zurück. Wenn ein Mensch länger als vier Tage und fünf Nächte in Birdy-Island lebt, kann er nie mehr zurück!» Nein, dachte Livia, ich kann mich nicht entscheiden. Hier ist es so wunderschön, aber zu Hause ist meine Familie. «Henk», fragte sie, «wenn ich gehe, kann ich dann je wieder zurück zu dir in dieses wunderschöne Land?» Er erwiderte: «Nein, leider nicht.»

Aber Livia war schon weggerannt. Direkt auf den Wasserfall zu. Jetzt spring ich hier runter, dachte sie, dann muss ich über nichts mehr entscheiden. Eine Sekunde später sprang sie. Plötzlich landete sie auf etwas Weichem. «Bin ich tot?», fragte sie halblaut. «Nein, Livia», hörte sie Henks ruhige Stimme sagen. «Ich bleib für immer bei dir», flüsterte sie ihrem Lebensretter zu. Zum Glück hatte Henk ihr die Entscheidung abgenommen.


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