Manchmal kommt alles anders

KLUB DER JUNGEN DICHTER ⋅ Kimberly Labhart, Schattdorf, 6. Primar

Ich sitze an seinem Sterbebett und kann immer noch nicht fassen, wie es so weit kommen konnte. Dieser Krebs zerstört unser ganzes Leben, und wir hatten doch noch so viele Pläne.

Manchmal glaube ich, dass die Welt es nicht erträgt, wenn ich einmal glücklich bin. Aber vielleicht nehme ich mich da auch zu wichtig. Es tut weh, die Liebe meines Lebens an diesen Maschinen zu sehen.

Ich kann und will ihn nicht loslassen. Er wird wieder unruhiger, und ein leises Wimmern reisst mich aus meinen Gedanken. Die Schmerzen scheinen wieder stärker zu werden. Ich schaue auf die Uhr. Das letzte Schmerzmittel hatte er vor 2 Stunden. Die Abstände werden immer kürzer, und unsere gemeinsame Zeit scheint langsam zu Ende zu gehen. Ich nehme seine Hand und drücke mit der anderen die Klingel, um die Nachtschwester zu rufen.

Ich lege meinen Kopf neben seinen und beginne zu erzählen. «Ich hätte nie gedacht, dass mir so ein wundervoller Mensch wie du begegnen wird. Wer hätte geglaubt, dass die ‹tollpatschige Anni mit zwei linken Füssen›, wie sie mich in der Schule nannten, mit einem Sturz die Liebe ihres Lebens findet? Weisst du noch, als ich dir bei unserer ersten Begegnung fast vor die Füsse fiel und du mich gerade noch auffangen konntest? Das war an der Uni. Und als ich dir in die Augen sah, wusste ich einfach, dass wir zusammengehören. Ich werde nie vergessen, wie du zu mir sagtest: ‹Das nennt man wohl, wo die Liebe hinfällt.› Es faszinierte mich, wie wir im selben Augenblick wussten, dass wir zusammengehören. Ich …»

Die Nachtschwester kommt ins Zimmer und gibt meinem Mann endlich die Spritze gegen die Schmerzen.

Mein Mann und ich sind seit acht Jahren verheiratet, und im verflixten siebten Jahr bekam er diese schlimme Diagnose. Kinder haben wir keine, da wir immer dachten, dass wir noch unendlich viel Zeit dazu haben. Wir wollten noch viel erleben, und ja, wir haben keine Abenteuer ausgelassen. Achterbahnen fahren in Freizeitparks war das Harmloseste von allem. Auf unseren vielen gemeinsamen Reisen sind wir Fallschirm oder Bungee gesprungen. Wir hatten eine wunderschöne und spannende Zeit.

Ich kann nicht fassen, dass ich nun an einem Punkt bin, wo ich darüber entscheiden muss, ob sie bei meinem Mann die lebenswichtigen Maschinen abstellen oder nicht. Die Abstände seiner Schmerzen werden immer kürzer. Aber ich kann und will ihn nicht loslassen.

Ich erinnere mich immer gerne zurück an diesen wunderschönen Sommertag, als wir zum Picknicken an den See gefahren sind und er sich plötzlich vor mich gekniet hat und mich gefragt hat, ob ich seine Frau werden will. Ein Jahr später folgte die Märchenhochzeit. Der schönste und beste Moment ist und bleibt unser Hochzeitstanz. Eng umschlungen tanzten wir zu «Drei Nüsse für Aschenbrödel». Er flüsterte mir ins Ohr: «Wo die Liebe hinfällt.»

Bei diesen Gedanken muss ich lächeln. Aber im selben Moment kommen mir die Tränen, seine Schmerzen sind jetzt fast ununterbrochen da. Ich kann ihn nicht weiter leiden sehen, und mir wird bewusst, dass unsere gemeinsame Zeit nun zu Ende geht. Er nimmt meine Hand, seine Stimme ist leise und voller Schmerzen. «Bitte lass mich gehen, ich habe keine Kraft mehr, und ich würde dich nicht darum bitten, wenn es einen anderen Weg geben würde.»

Ich habe veranlasst, dass die Maschinen abgestellt werden. Ich bete jede Sekunde für ein Wunder. Es tut unendlich weh, meine grosse Liebe so leiden zu sehen. Plötzlich drückt er meine Hand, und ich weiss, dass es so weit ist. Das wird für immer der schlimmste Moment meines Lebens sein. Mit letzter Kraft flüstert er mir «Ich liebe dich» ins Ohr, danach schliesst er für immer die Augen.


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