Sebastians Abrechnung

Cornel Suter, Küssnacht, 6. Primar

Wir hatten uns seit der Sache von damals nicht mehr gesehen. Und plötzlich sassen wir uns unverhofft im Zug gegenüber.

Ich schaute von meiner Zeitung auf und senkte meinen Blick sofort wieder. Gegenüber hatte sich ein gut gekleideter Herr mit einem Fünftagebart hingesetzt. Den kenne ich. Es ist lange her. Sebastian! Was, wenn er mich erkennt? Ich versteckte mich wieder hinter der Zeitung. Sebastian! Weshalb muss er jetzt, ausgerechnet jetzt auftauchen? Das gibt Ärger! Wird er mich zusammenschlagen?

War es richtig, dass ich ihn verpfiffen hatte, damals? Er war völlig abhängig. Diese verdammten Drogen! Zudem hatte er den Stoff auch noch verkauft! Selbst an Primarschüler – das war zu viel! Ich ging zum Rektor. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Zuerst kamen zwei Polizisten in Zivil, mit braunen Lederjacken und hochstehenden Kragen. Natürlich trugen sie dunkle Sonnenbrillen, wie im Film. Der eine stand im Hintergrund und deckte seinen Kollegen mit gezückter Pistole ab. Der andere warf Sebastian von hinten auf den Boden und drückte seine ausgemergelte Wange ins frisch geschnittene Gras. Er fesselte seine Hände übers Kreuz mit dicken Kabelbindern. Die ganze Aktion verlief blitzschnell, und Widerstand war absolut zwecklos. Dann näherten sich laute Sirenen eines blauen Polizeitransporters, dessen Räder um die letzten Kurven quietschten. Vier uniformierte Polizisten mit Helmen und Schlagstöcken sprangen heraus und schleiften den benommenen Sebastian zum Transporter. Eine halbe Minute später fuhren sie bereits wieder davon – diesmal ohne Sirene. Kaum waren sie weg, summte mein Handy. Es war die Staatsanwaltschaft. Die Dame forderte mich mit krächzender Stimme auf, am nächsten Morgen als Zeuge auszusagen.

Ich weiss es noch genau: Es war an einem Mittwoch um 10.00 Uhr. Im kargen Sitzungszimmer der Staatsanwaltschaft roch es übel nach Schweiss. Vermutlich war vorher schon eine Einvernahme. Herr Munz war freundlich, aber sehr bestimmt. Er stellte unendlich viele Fragen. Wenn ich zu schnell antwortete, rief er: «Stopp!» Er wollte wissen, was ich gesehen habe, ob ich auch Drogen konsumiere und woher ich Sebastian kenne. Als ich das Sitzungszimmer nach ungefähr einer Stunde verliess, geschah es. Wir begegneten uns im düsteren Flur. Sebastian war mit silbern blitzenden Handschellen gefesselt und wurde von zwei uniformierten Polizisten begleitet. Er fauchte mich an: «Du Verräter! Dir werd ich es heimzahlen …» Später las ich in der Zeitung, dass Sebastian verurteilt wurde: 36 Monate unbedingt.

Das war vor zwölf Jahren. Und dann sass er da, direkt gegenüber und las auf der Rückseite meiner Zeitung die vermischten Meldungen. Soll ich weglaufen? Soll ich den Zug bei der nächsten Station verlassen, obwohl ich da gar nicht aussteigen will? Wird er mich schlagen und dann würgen, oder umgekehrt? Ich wippte unruhig hin und her. Plötzlich schlug der obere Rand meiner Zeitung um. Wir sahen uns direkt in die Augen. Jetzt war es geschehen!

Sebastian starrte mich eindringlich mit zusammengekniffenen Augen an. Gefühlt vergingen Minuten. Mein Atem stockte. Mein Körper war wie gelähmt, und ich hatte einen Klos im Hals. Da verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln. Er flüsterte mit heiserer Stimme: «Du hast mir das Leben gerettet, damals.»


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