Ziemlich beste Feindinnen

KLUB DER JUNGEN DICHTER ⋅ Laura Grepper, Schattdorf, 6. Primar

Wir hatten uns seit der Sache von damals nicht mehr gesehen ... und plötzlich sassen wir uns unverhofft im Zug gegenüber. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich, Lotta Witzig, hatte seit Jahren zu meiner Feindin keinen Kontakt mehr. Heute, als ich mit dem Zug unterwegs zu meiner Tante ins Tessin war, sass sie mir gegenüber und blätterte in einer Modezeitschrift. Auch Bella, meine Feindin, scheint mich erkannt zu haben. Doch sie würdigt mich keines Blickes. Denn eines kann Bella gut: stur sein. Ich holte meinen spannenden Krimi aus dem Rucksack und begann zu lesen. Es war wirklich sehr spannend, und ich hatte das Buch schnell durchgelesen.

Plötzlich hörte ich eine Durchsage: «Liebe Fahrgäste, wegen eines technischen Defekts im Tunnel müssen wir einen Nothalt einlegen. Bitte bewahren Sie Ruhe. Wir werden in Kürze die Reise fortsetzen.» Ich sah, wie Bella unruhig wurde. Plötzlich sahen wir die Flammen, welche aus einer Seitenkammer des Tunnels kamen und Bella und mir einen Riesenschrecken einjagten. Da kam schon der Schaffner zu uns geeilt und keuchte: «Schnell, beeilt euch! Wir müssen aus dem brennenden Tunnel. Der Zug kann nicht weiterfahren. Lauft! Lauft!» Mit diesen Worten stürzte er davon.

Bella und ich waren starr vor Schrecken. Sofort nahmen wir unsere Beine «in die Hand» und stürzten aus dem Zug. Die Luft draussen war erfüllt von beissendem Qualm. Wir nahmen uns an den Händen. Es war ein komisches Gefühl, aber wir wussten beide, jetzt durften wir uns nicht verlieren. Wir irrten eine Weile im Tunnel umher. Endlich, nach einer halben Ewigkeit, ertastete Bella im dichten Rauch eine Leiter. «Ich glaube, wir müssen hier hinauf», hustete ich, suchte mit der Hand nach Sprossen und kletterte hinauf. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass Bella nicht mehr hinter mir war. Ich hätte jetzt weitergehen können, aber jetzt, wo es darauf ankam, wollte ich sie nicht im Stich lassen. Also kletterte ich die Leiter wieder hinunter.

Bei den letzten Sprossen sah ich sie. Bella hatte sich mit ihren Stöckelschuhen in der Leiter verhakt. Ich half ihr, sich zu befreien. Danach kletterten Bella und ich nach oben in einen dunklen Gang. Es brannte kein Licht und ich tastete mich voran. Plötzlich stiess ich mit meinem Kopf an etwas Hartes, dann wurde mir schwindlig. Ich musste mich setzen und Bella setzte sich neben mich. Da ging plötzlich ein Licht an. Ich wollte schreien, aber da merkte ich, dass Bella ihr Handy aus der Tasche gekramt hatte und nun das Display aufleuchtete. «Gehts dir? Können wir weiter?», fragte sie. Ich nickte und stand langsam auf.

Wir liefen weiter, und Bella leuchtete uns mit ihrem Handy den Weg. Endlich sahen wir Licht am Ende des Tunnels. Wir rannten die restliche Strecke, und als wir draussen waren, sogen wir gierig die frische Luft ein. Da kam der Schaffner auf uns zu. «Ihr seid die Letzten. Jetzt befindet sich niemand mehr im Tunnel.» Alle Passagiere wurden ins nächste Dorf gefahren. Dort würden sie bleiben und am nächsten Tag mit einem Ersatzbus weiter ins Tessin fahren. In der Pension da Giuseppe fragte die Wirtin: «Nehmt ihr ein Zimmer zu zweit?» Wir sahen uns an und nickten.

Am Abend, als wir müde in unseren Betten lagen, fragte ich Bella: «Verzeihst du mir die Sache von damals?» «Ähm ..., aber was war denn da los? Ich weiss es nicht mehr.» Ich tat so, als müsste ich überlegen: «Ich glaube, ich habe dir den Benedikt ausgespannt.» «Ach ja, stimmt!», rief Bella, «aber das ist nun Schnee von gestern.» Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief ich ein und freute mich auf eine tolle Freundschaft mit Bella.


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