Alles steht kopf

Auf dem Estrich stiess ich auf eine Kiste, die ich noch nie gesehen hatte.

Ich bin Lilli, 12 Jahre alt, habe rote Haare und freche, braune Augen. Neugierig öffnete ich vorsichtig diese Kiste. «Eeeeeeendlich ...!» Ich zuckte zurück und liess den Deckel fallen. «Hey!», klang es empört aus der Truhe. Ich hob den Deckel wieder hoch, und da sah mir ein nettes, aber gspässiges kleines Gesicht entgegen und sagte: «Hui, endlich befreit! Meine Glieder sind schon fast erstarrt ...! Wie heisst du?» «Ich heisse Lilli. Und du?» «Milu. Ich bin ein kleines Gespenst. Erst 213 Jahre alt, war immer in dieser Kiste und möchte jetzt die Welt entdecken!» Daraufhin antwortete ich, dass es okay wäre, aber nur, wenn niemand sie sieht. «Abgemacht», sagte Milu und hielt die Hand hin. Ich schlug ein.

Am nächsten Morgen lief ich zur Schule. Mama und Papa arbeiteten. Am Mittag war Mama vor mir zu Hause, und das Mittagessen stand auf dem Tisch. Aber es war kein Mittagessen, sondern ..., das sieht nach einem Frühstück aus! Merkwürdig ...

Als Papa nach Hause kam, machte er ein verdutztes Gesicht: «Nanu, was ist denn das? Frühstück am Mittag?», fragte er. Mama warf einen Blick auf den Tisch, sah verdutzt drein, schüttelte den Kopf und stellte kurzerhand warm gemachte Spaghetti von gestern auf den Tisch.

Am nächsten Mittag hingen alle Bilder verkehrt herum an den Wänden! Zuerst sah nur ich es, doch Mama bemerkte es dann auch. Sie schaute mich prüfend an: «Warst du das?»

Ich lief in den Estrich zu der Truhe. Als der Deckel geöffnet war, lugte ich vorsichtig hinein. Nichts. Danach rannte ich polternd die Treppe nach unten.

Am nächsten Mittag: Schon wieder! Mama spricht so komisch! «Illil, schit ned cked!» Ich fragte, welche Sprache das sei. «Ud eiw, schtued. Schit ned tztej cked!» Komisch, irgendetwas stimmt da nicht!

Wieder sprang ich die Treppe hoch zu Milu. Dieses Mal guckte sie mich an. «Milu, hast du Mama so verwirrt gemacht, die Bilder verkehrt hingehängt und ... was hast du jetzt mit Mama gemacht?», fragte ich. «Oh ...», druckste Milu herum. «Ja ich war es. Es sollte ein Spass sein», sagte sie beschämt. «Und deine Mama spricht rü ... Das sag ich dir nicht. Aber sag es niemandem, sonst passiert etwas!!» Mit einem «Tschüss!» verschwand sie in der Truhe. Eine Sprache mit «Rü» am Anfang? Rü, rü, rü ... rü ... rückwärts ... «Mama, du sprichst ja rückwärts!»

Am nächsten Mittag kam Papa nach Hause und ... er ging auf den Händen! Das sah zu komisch aus! Mama und ich lachten wie verrückt! Schon fragte Mama, wer das alles gewesen sei. Ich konnte nicht gut lügen, deshalb sagte ich, dass Milu – ein kleines, nettes Gespenst – das gewesen sei.

Plötzlich fühlte ich, dass Milu mich rief. Ganz leise. Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte ich zu Milu. Die Kiste war offen und Milu sah mich ernst an: «Jetzt hast du es gesagt. Ich werde hier drin bleiben und die Truhe kann man frühestens in 70 Jahren wieder öffnen. Bis es so weit ist, wird sie unsichtbar bleiben. Ich hoffe, dass du immer wieder nach oben kommst, um nach mir zu schauen.» Mit diesen Worten verschwand Milu in der Kiste und es wurde so hell, dass ich die Augen schliessen musste. Als ich sie öffnete, waren Milu und die Kiste verschwunden. Aber ich fühlte, wie nah mir Milu war und dass wir für immer Freundinnen bleiben.

Sereina Kulli

Wolhusen, 5. Primar

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