Das Amulett des Glücks

Auf dem Estrich stiess ich auf eine alte Kiste, die ich noch nie gesehen hatte. Ich traute meinen Augen kaum und rieb mir zaghaft die Nase. Komisch, dachte ich, dass ich so was übersehen hatte. Ich war doch fast jeden Tag hier oben.

Ich nahm die Kiste vorsichtig in die Hand und schüttelte sie ein wenig. Ein dumpfes Geräusch war zu hören. Ein silbernes Schloss verriegelte die Kiste, mit blossen Fingern würde ich sie wohl nicht öffnen können. Ich beschloss, die Kiste in meinem Zimmer genauer zu betrachten. Gesagt getan, nun sass ich auf meinem Bett und rätselte weiter, wie ich sie öffnen konnte, ohne alles zu beschädigen.

Als ein Sonnenstrahl durch mein Fenster auf die Kiste viel, fing diese an zu glitzern, und eine leise Melodie war zu hören. Gänsehaut überfiel mich, und es schauerte mir, im gleichen Atemzug überkam mich eine unbändige Neugier auf das irgendwas in dieser Kiste. Die Melodie verstummte, als kein Sonnenstrahl die Kiste mehr berührte. Mein Gehirn arbeitete nun auf Hochtouren, die Kiste musste doch zu öffnen sein. Plötzlich hatte ich einen genialen Einfall. Ein kleiner Sonnenstrahl leise Musik, was würde passieren, wenn die Sonne ihre ganze Wärme darauf scheinen liesse?

Im Garten angekommen, stellte ich die Kiste auf den Rasen, es war herrlich und magisch zugleich. Was nun passierte? Sobald ich die Kiste aus meinem Schatten liess, begann die Melodie, und es begann zu knacken und zu knarren. Mit einer kleinen Rauchwolke öffnete sich die Kiste. Vorsichtig streckte ich meine Hand aus und griff in die Kiste. «Hoffentlich schnappt sie nicht zu», schoss es mir durch den Kopf. Ich ertastete etwas Rundes, Hartes mit einer Kette dran. Sollte ich es rausziehen? Die Frage musste ich mir eigentlich gar nicht stellen, denn bevor ich fertig gedacht hatte, baumelte vor meinem Gesicht ein wunderschönes, funkelndes Amulett aus purem Gold. Mir verschlug es fast den Atem, so schön war es. Ich betrachtete es eine ganze Weile und sass stumm im Rasen.

In jener Nacht träumte ich von einem Ort mit lauter glücklichen und zufriedenen Menschen, die miteinander lachten, sangen, tanzten und musizierten. Die Musik aus der Kiste holte mich aus meinem Traum. Der Schein des Mondes hatte die Kiste zum Musizieren gebracht.

Als ich am Morgen aufwachte, griff ich entschlossen zum Amulett und band es mir um den Hals. Merkwürdigerweise hatte ich überhaupt keine Angst, was konnte schon Schlimmes geschehen. Es war Sonntag, und sonntags traf sich meine Familie immer im Garten zu einem Brunch. Es ging lustig und unterhaltsam zu und her, bis wir merkten, dass uns eine sehr alte Frau beobachtete. Meine Eltern und meine zwei Geschwister gingen ins Haus. Ich dagegen schritt zielstrebig und ohne Furcht zur alten Frau hin. Auf ihr Gesicht schlich sich ein Lächeln. Sie wisperte: «Du hast es gefunden, nicht wahr?»

Ich griff um meinen Hals und holte das Amulett hervor. «Meinen Sie das?» Nun begann die alte Frau so richtig zu strahlen. Voll entzückt sang sie die Melodie der Kiste und meinte: «Wie schlau du bist, konntest du die Kiste öffnen? Nun bin ich erlöst und darf endlich nach Hause gehen. Solange du das Amulett trägst, wird dir das Glück zu Füssen liegen, das schwör ich dir.»

Die alte Frau verschwand mit leiser Musik hinter einem Baum. Ein tolles befreiendes Gefühl umströmte mich. Einige Tage später in der Bibliothek stiess ich auf ein Buch mit einer Sage über ein Amulett des Glücks. Ich musste zweimal hinschauen, die Autorin glich exakt der alten Frau.

Olivia Birrer, Werthenstein, 3. Oberstufe

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