Fürsten-Allee 59

Auf dem Estrich stiess ich auf eine Kiste, die ich noch nie gesehen hatte … Eigentlich wollte ich ja nur einen Koffer für die Ferien holen, doch nun packte mich die Neugier. Ich zögerte ein wenig, da es ja eigentlich nicht höflich ist, in den Sachen anderer zu stöbern. Doch der Drang, die Kiste zu öffnen, siegte.

Mein Herz begann etwas schneller zu schlagen, als ich vorsichtig den staubigen Deckel der Kartonschachtel hob. In der Kiste lagen mehrere sehr schöne alte Skizzen und Zeichnungen. Alle sehr unterschiedlich: manche farbig, manche sehr detailliert und realistisch, andere eher ab­strakt. Landschaftsskizzen, aber auch Porträts und viele andere Zeichnungen. Auf einer Zeichnung waren viele verschiedene Menschen gezeichnet, und unten stand der Satz: Gleiche Rechte für alle! Ausserdem fand ich in der Kiste einen zerknitterten Zettel. Es war kaum mehr lesbar, doch darauf stand 26. Juni 1936, Fürsten-Allee 59, Backsteinmauer – 59, 3 nach unten. Das muss ein Treffpunkt gewesen sein, irgendetwas ist an diesem Tag passiert.

Es war auch ein alter Zeitungsausschnitt mit einem Foto in der Kiste. Darauf war eine junge Frau zu sehen. Sie trug einen Rock, und ihre Haare waren hochgesteckt, so wie es wahrscheinlich zu dieser Zeit üblich war. Stolz hielt sie eine Zeichnung in der Hand. War sie diejenige, die all diese Kunstwerke gezeichnet hat? Vorsichtig nahm ich die Kiste in meine Hände und kletterte die Leiter des Estrichs hinunter. Fast unten angekommen, rutschte mir die Kiste aus der Hand und fiel mit einem Knall runter, sodass sich alles auf dem Boden verteilte. Warum muss ich nur so ungeschickt sein. Schnell sammelte ich alles wieder ein und legte es zurück in die Kiste.

«Alles okay bei dir?», hörte ich plötzlich meine Mutter von unten rufen. Dann kam mir in den Sinn, dass die Kiste vielleicht ihr gehörte und ich habe einfach darin herumgestöbert, obwohl es mich ja eigentlich überhaupt nichts angeht. «Ja, ich bin nur von der Leiter gefallen, aber es geht mir gut», antwortete ich meiner Mutter. «Das hat sich aber ziemlich schmerzhaft angehört», rief sie. Ich verschwand erst einmal für die nächsten zwei Stunden in meinem Zimmer und erledigte meine Hausaufgaben. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr anders und lief mit der Kiste zu meiner Mutter. Ich erzählte ihr, dass ich sie zufälligerweise beim Aufräumen gesehen und dann geöffnet habe. Natürlich entschuldigte ich mich auch für meine Neugierde. Doch schliesslich fragte ich sie, wer die Frau auf dem Foto aus der alten Zeitung sei und ob die ganzen Zeichnungen von ihr seien.

Sie erzählte mir, dass die Frau meine Urgrossmutter sei, die sie selber auch nie kennen lernen konnte. Bevor sie Kinder bekam, liebte sie es zu zeichnen, und sie wollte unbedingt eine Kunstschule besuchen, doch sie hatte die Möglichkeit dazu nicht, denn ihre Eltern fanden, dass Kunst ein brotloser Beruf sei, und unterstützten ihr Talent nicht. Mehr wollte meine Mutter nicht dazu berichten. Sie meinte nur, es sei damals eine schwierige Zeit gewesen.

Der zerknüllte Zettel liess mir aber keine Ruhe. Deshalb fuhr ich mit der Strassenbahn in die Stadt und stieg bei der Fürsten-Allee aus und suchte das Haus mit der Nummer 59. Schliesslich stand ich vor einem herrschaftlichen Gebäude, welches von einer Backsteinmauer umgeben war. Ich zählte vom Nummernschild drei Steine nach unten, und der dritte Backstein war locker und liess sich etwas herausschieben. Dahinter entdeckte ich eine kleine Blechbüchse. Ich nahm sie heraus und öffnete sie. Darin lag ein vergilbter Zettel, worauf stand: «Keine weiteren Treffen. G wurde verhaftet.»

Livia Brüschweiler, Kerns, 2. Gymi

Anzeige: