Marmeladengläser

Auf dem Estrich stiess ich auf eine alte Kiste, die ich noch nie gesehen hatte. Wortwörtlich stossen. Ich musste mich erst einmal auf den Boden setzen und mit schmerzverzerrtem Gesicht meinen kleinen Zehen vor dem Eintritt in die ewigen Jagdgründe retten. Das war schon das dritte Mal in dieser Woche. Könnte mein Zeh sprechen, würde er mich garantiert auf Schmerzensgeld verklagen. Armes Kerlchen.

Meine Aufmerksamkeit wurde aber nun ganz von der geheimnisvollen Kiste in Beschlag genommen, vergessen war das schmerzende Körperteil. Eine Weile ruckelte ich an den Verschlüssen herum, sie sassen ziemlich fest. Schliesslich, nach einer gewissen Zeit und einigen unschönen Wörtern, ging das geheimnisvolle Ding endlich auf.

Im ersten Moment war ich enttäuscht. Einen Haufen Marmeladengläser, da hätte ich mich auch gleich in der Küche bedienen können. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass die Gläser alle beschriftet waren. Vanessas 5. Geburtstag, stand auf einem. Machte mich stutzig, da ich zum einen Vanessa bin, zum einen, zum anderen aber keine Spezialkonfitüre kannte, die extra für meinen 5. Geburtstag hergestellt wurde. Weitere Gläser waren mit 40. Hochzeitstag, Vanessas erste Schritte und Verlobung Miranda & Oliver beschriftet. Als ich mir das letzte Glas anschaute, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Miranda. Meine Mutter. Oliver. Mein Vater. Ich erinnerte mich kaum an sie. Sie kamen bei einem Autounfall ums Leben, als ich noch ganz klein war. Meine 5. Geburtstagskonfitüre konnten sie auf jeden Fall nicht mehr probieren.

«Oma», schrie ich die Treppe hinunter, «was ist das für komisches Altglas auf dem Dachboden?» Keine zwei Sekunden später stand meine Grossmutter auf der Matte. «Nicht fallen lassen!», rief sie im selben Moment. Vor Schreck rutschte mir das Glas natürlich erst mal gleich aus der Hand. Erschrecken? Kann Oma. Zum Glück fiel das Glas nur auf mein Bein, ich sass immer noch am Boden.

«Hach», sagte meine Grossmutter, ihre Züge wurden auf einmal ganz weich. Sie nahm das Glas, schraubte es auf und roch daran. Versonnen schloss sie die Augen. «Was ist das?», fragte ich neugierig. «Das», antwortete Oma geheimniskrämerisch, «das sind Erinnerungen. Riech mal daran.» Sie hielt mir das Glas unter die Nase. Eine Augenbraue hochgezogen, roch ich daran. «Ich schmecke nichts», sagte ich langsam, vorsichtig, als würde ich gerade Omas Backkünste beleidigen.

Oma lächelte. «Denkst du nicht manchmal, dieser Moment, dieser eine Moment, den würde ich gerne für immer behalten?» «Doch», antworte ich, «doch, doch.» Ich erinnerte mich an letzte Weihnachten. An das Lagerfeuer mit meinen Freunden. An eine lange Wanderung mit anschliessendem Sonnenuntergang.

«Das ist es», meinte meine Grossmama mit erhobenem Zeigefinger, «das sind Erinnerungen.» Sie reichte mir das Glas mit dem Hochzeitstag meiner Eltern. Ich hielt es mir unter die Nase, genau wie vorher das Glas mit meinem fünften Geburtstag. Immer noch nichts. «Ich rieche nichts!», sagte ich erneut zu Oma. Sie verdrehte die Augen. «Kindchen», sagte sie nachsichtig, «du musst es auch nicht riechen. Du musst es fühlen.»

Sie gab mir ein neues Glas. Es war beschriftet mit Mirandas, Olivers & Vanessas erster Tag als Familie. Ich öffnete es. Warf Oma einen Blick zu. Hielt es mir unter die Nase. Und dann spürte ich es. Vielleicht war es eine Täuschung. Vielleicht auch nur Wunschdenken. Aber ich fühlte es. Ich fühlte die Wärme. Es kam mir vor, als hörte ich ein Lachen. Ein kleines Baby, welches herumkräht. Glück. Liebe. Ich sah auf, meiner Oma ins Gesicht. Sie lächelte. «Das ist es, was Erinnerungen sind», meinte sie, «sie sind ein Teil von uns. Sie sind der Teil, der wir sind, egal, was gegangen ist und egal was noch kommen wird.»

Anna-Lena Beck

Büren, 3. Lehrjahr

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