Opas Doppelleben

Auf dem Estrich stiess ich auf eine alte Kiste, die ich noch nie gesehen hatte. Die Kiste war recht gross und bestand aus dunklem Holz. Sie hatte mattschwarze Beschläge aus Metall. Entgegen meiner Erwartung besass sie aber kein Schloss, sodass ich die Truhe öffnen könnte.

Erst konnte ich den Inhalt nicht genau erkennen. Dann aber sah ich unzählige Briefe und noch mehr Bilder von verschiedenen Kindern. Es handelte sich um Schwarzweiss- fotos. Die Kinder sahen irgendwie anders aus als meine Freunde aus der Schule. Sie waren seltsam gekleidet und hatten ungewöhnliche Frisuren. Auf der Rückseite standen offensichtlich die Namen der Kinder: Richard, Erika und Maria. Auch die Namen klangen anders als die meiner Kollegen.

Die Kiste musste schon eine Weile hier auf dem Estrich stehen, denn ausser den Namen stand auch die Jahreszahl 1943 auf den Bildern. Vorsichtig nahm ich die Briefe, die an Opa Knut adressiert waren und zu einem Stapel gebündelt waren, aus der Holztruhe. Die Briefe waren bereits alle geöffnet. Obwohl ich ein mulmiges Gefühl hatte, nahm ich den ersten Brief und las:

Hoch verehrter Herr Steiner

Bitte helfen Sie uns. Im Nachbarort sind die deutschen Soldaten gewesen und haben unsere jüdischen Freunde mitgenommen. Die Kinder wurden angeblich in ein Internat gebracht und unsere Freunde in ein Arbeitslager. Ich habe aber gehört, dass dies nicht stimmen soll. Man hört von schlimmen Gräueltaten. Bitte helfen Sie mir, die Kinder in Sicherheit zu bringen.

Hochachtungsvoll

Angelika Blumenbach

In der Schule und den Kindernachrichten hatte ich schon vom Zweiten Weltkrieg gehört. Aber dass Opa auch etwas damit zu tun hatte, war mir bisher nicht in den Sinn gekommen. Was war mit der Familie Blumenbach geschehen? Waren die Kinder auf den Fotos die Kinder von Angelika Blumenbach? Hatte Opa ihnen geholfen? Ich musste herausfinden, was weiter passiert war. Also nahm ich einen weiteren Brief:

Verehrter Herr Steiner

Dies ist jetzt mein letzter Brief, weil es zu gefährlich wird. Am Mittwoch bringe ich Richard, Erika und Maria zum vereinbarten Treffpunkt.

In immerwährender Dankbarkeit

Angelika Blumenbach

Ich war stolz auf Opa. Wie ich im Brief las, hatte er sich um die Kinder gekümmert und ihnen bei der Flucht vor den Soldaten geholfen. Weil ich wissen wollte, was weiter passiert war und ob die Geschichte gut ausgegangen war, öffnete ich den obersten Brief. Am Datum des Poststempels konnte ich sehen, dass der Brief am 10. September 1964 verschickt worden war.

Guten Tag Herr Steiner

Glücklicherweise konnte ich nach einigem Suchen Ihre Adresse ausfindig machen, denn es ist mir sehr wichtig, mich noch einmal bei Ihnen zu bedanken. Für uns Kinder war der Aufenthalt bei Ihnen ein grosses Abenteuer. Zwischendurch hatten wir auch grosse Angst. Heute weiss ich, dass wir in Lebensgefahr schwebten. Besonders als wir in unserem Versteck, in dem geheimen Raum unter der Treppe sassen und die Soldaten das Haus durchsuchten. Nachdem sie uns an Misses Brathwistle übergeben hatten und wir nach einer tagelangen Reise in England angekommen waren, gewöhnten wir uns schnell an unser neues Zuhause. Misses Brathwistle war wie eine Mutter zu uns. Vielen Dank, dass Sie uns in Ihrem Haus versteckt haben und uns zur Flucht verholfen haben. Gerne würden wir Sie auf einen Besuch zu uns nach Greenwich einladen.

Herzlichste Grüsse

Richard, Erika und Maria Blumenbach

Die Geschichte war also doch noch gut ausgegangen. Nach dem Abendessen würde ich im Hausflur nach dem Geheimversteck unter der Treppe suchen. Vielleicht würde ich noch etwas von den Blumenbach-Kindern finden.

Moritz Schubkegel

Schlierbach, 6. Primar

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