Spurlos verschwunden

KLUB DER JUNGEN DICHTER ⋅

Auf dem Estrich stiess ich auf eine alte Kiste, die ich noch nie gesehen hatte. Ihr Deckel war mit Steinchen verziert, die wie Kristalle aussahen und im Dunkeln schimmerten. Obwohl die Steinchen mit einer dicken Schicht Staub bedeckt waren, hatten sie meine Aufmerksamkeit erregt. Ich blieb einen Moment lang unentschlossen stehen. Ich überlegte mir, ob ich das Buch holen sollte, für welches mich meine Mutter auf den Estrich geschickt hatte, oder ob ich doch schnell einen Blick in die Kiste werfen sollte, um herauszufinden, was drinnen ist. Es interessierte mich nämlich sehr, herauszufinden, was darin verborgen war.

«Lisa!» Ich zuckte zusammen, als ich die Stimme meiner Mutter hörte. «Mach vorwärts, ich warte immer noch auf das Rezeptbuch.»

Ich suchte mit meinem Blick ein grosses Buch mit einem dunkelgrünen Einband. «Ich komme!», rief ich, als ich es ganz oben auf dem Bücherregal sah. Mit meiner Grösse von einem Meter sechsundsechzig gestaltete es sich jedoch als sehr mühsam, das Buch zu erreichen. Aus diesem Grund holte ich einen staubigen Stuhl vom anderen Ende des Raumes. Ich packte das Rezeptbuch und rannte den Gang hinunter. Als ich am Spiegel vorbeilief, bemerkte ich, dass ich ausser dem Rezeptbuch auch einen Teil des Staubes vom Estrich mitgenommen hatte. Ich bemühte mich, den Staub von meinen schwarzen Haaren und meinem rosaroten Lieblings-T-Shirt abzuschütteln. Danach lief ich weiter zur Treppe.

Unten angekommen, konnte ich, ohne bemerkt zu werden, das Buch auf den Tisch legen, da meine Mutter in der Küche beschäftigt war. Ich ging ins Wohnzimmer und bemerkte, dass meine Lieblingsserie im Fernsehen lief. Doch die Kiste liess mir keine Ruhe. Meine Neugier siegte und brachte mich dazu, mich auf den Zehenspitzen wieder Richtung Estrich zu schleichen.

Wie jedes vierzehnjährige Mädchen hatte ich Angst vor solchen dunklen und düsteren Räumen. Unser Estrich erinnerte mich immer an einige Horrorfilme. Doch ohne Rücksicht auf meine Angst ging ich Schritt für Schritt zur Tür, die zum Estrich führte. Dort angekommen, tastete ich vorsichtig die Wand ab, um den Lichtschalter zu finden, und knipste das Licht anschliessend an. Im gleichen Moment lief mir ein kalter Schauer über den Rücken: Die Kiste war weg! Ich sah nur noch den Umriss auf dem staubigen Boden, wo sie einst gestanden hatte.

«Aber ... sie war hier!», murmelte ich vor mich hin. Verwirrt stand ich da und überlegte, was ich machen sollte. Ich konnte es aber niemandem sagen, sonst kämen noch Fragen auf, was ich wieder auf dem Estrich tat. Ich entschied mich dafür, mich so zu verhalten, als ob nichts passiert wäre.

Noch immer schockiert lief ich die Treppen herunter zu meinem Zimmer. Als ich es betrat, stiess ich einen ungewollten Schrei aus. Die Kiste stand plötzlich neben meinem Bett auf dem kleinen Nachttisch. Momente später waren auch meine Eltern vor meiner Tür.

Sie hatten natürlich meinen Schrei gehört. «Was ist passiert?», fragte mein Vater besorgt. Während ich versuchte, meinen Eltern zu erklären, was passiert war, fing mein Vater plötzlich an laut zu lachen.

Meine Mutter fragte verwirrt: «Was ist so witzig?»

«Ich hatte Lisa auf dem Estrich gesehen, wie sie die Kiste bewundert hatte. Da dies die Schmuckschatulle von meiner Mutter war, dachte ich, es wäre eine gute Idee, sie Lisa zu schenken», meinte mein Vater schmunzelnd.

Etwas beschämt senkte ich meinen Kopf: «Ich weiss, es war irrsinnig, zu denken, dass es Geister gibt. Bekomme ich jetzt eine Umarmung von der Frau, die mir gerade Kekse macht, und vom Geist aus dem Estrich?» Meine Eltern umarmten mich, und wir lachen noch bis heute über dieses Ereignis.

 

Sandra Mitic, Emmenbrücke, 9. Schuljahr

 

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