Meine Woche

Subversiver Vogel Strauss

Nie mehr! Das wünschte man sich bei uns, als damals die unerträglichen Bilder von den in Biafra ausgehungerten Menschen um die Welt gingen. Doch in dieser Woche sind vergleichbare Bilder erneut aufgetaucht. Diesmal aus Syrien. Da werden aktuell Zehntausende von den Kriegsparteien wortwörtlich ausgehungert. Leere Kinderaugen, die erschöpft in Kameras schauen. Wer das Menschsein nicht verlernt hat, kann da nicht simpel wegklicken und verdrängen. Ebenso wenig, wie wenn vom Horror flüchtende Menschen in den Meeresfluten wie Karnickel absaufen. Da heisst es im Gegenteil: die Hand reichen und konkrete Hilfe organisieren.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite aber, die gibt es auch. Und die hat das topmoderne und wohlhabende Deutschland zum Jahreswechsel erlebt. Und auch da ist hinschauen Bürgerpflicht. Denn was in deutschen Grossstädten wie Hamburg und Stuttgart, vor allem aber in Köln in der Silvesternacht abging, das unterminiert nichts weniger als den Rechtsstaat und konkret die Unversehrtheit seiner Bürger im öffentlichen Raum. Konkret lancierte da ein Mob von Hunderten jugendlicher Männer vornehmlich aus Syrien, Irak und Afghanistan sexuelle Attacken gegen Frauen. Die Beschreibungen von Opfern wie von involvierten Polizisten sind unerträglich. «Ich bekam sie zu packen. Sie schrie und weinte. Man hatte ihr den Slip vom Körper gerissen. Ihre drei Freundinnen konnten wir nicht aus dem Pulk retten. Denn wir wurden selbst mit Böllern beworfen.» So erlebte es in Köln ein Polizist mit vielen Dienstjahren auf dem Buckel.

Dass dieser Skandal mitten in Deutschland aber die breite Öffentlichkeit erst nach einer halben Woche erreicht hat, das ist der zweite Skandal. Dies, weil die Polizeileitung kommunikativ den Hinterausgang gesucht und vorerst sogar von einem «friedlichen» Silvester palavert hatte. – Kunststück! So menschlich lobenswert das Engagement der deutschen Bundeskanzlerin in der Flüchtlingsfrage sein mag, so lange hat sie als erste Frau im Staat die Augen verschlossen. Dies vor der schieren Überforderung ihres Landes bei der Aufnahme von über einer Million Flüchtlingen in einem einzigen Jahr. Was Wunder also, dass diese Vogel-Strauss-Politik im Angesicht der Engpässe und Auswüchse bei der Masseneinwanderung nun auch bei Verantwortlichen der Sicherheit Schule gemacht hat! Oder, wie es Alice Schwarzer, die deutsche Ikone der weiblichen Emanzipation, in diesen Tagen in einem Zeitungsinterview auf den Punkt gebracht hat: «Die sogenannte Political Correctness erweist sich schon länger als Garant für Denkverbote und das Verschweigen von Wahrheiten.»

Denkverbote aber wirken in der Demokratie geradezu subversiv. Sie sind gefährlicher als jeder noch so revolutionär wirkende Denkansatz.
 

Thomas Bornhauser, Chefredaktor

 


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