Athen: Selfie nur inklusive Baugerüst

GRIECHENLAND ⋅ Ein Erdstoss der Stärke 4,9, und die Griechen schliefen an Silvester einfach weiter, als hätten sie 2017 schon abgehakt. Kann die Hellenen nichts mehr erschüttern? Eine Momentaufnahme zum Jahreswechsel.
07. Januar 2018, 17:26

Wenn es hier wackelt, dann wackelt der ganze griechische Tourismus. Stellt man sich Europas erste Kulturhauptstadt einmal ohne ihre historischen Baudenkmäler vor, dann hat man nur noch hässliche Appartementhäuser aus der Junta-Zeit – und auf deren Flachdächern alte Fernsehantennen.

Dass das historische Erbe des Olymps erhalten werden muss, ist nicht erst seit der Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe klar. Doch die marode Akropolis wird praktisch nur noch von Metallklammern zusammengehalten – Selfie nur inklusive Baugerüst möglich. Das antike Griechenland zerbröselt vor den Augen der Einheimischen.

Wer ihnen in der Silvesternacht Schlag Mitternacht ins Gesicht blickt, der meint, diese Erosion auch im griechischen Gemüt festzustellen. Selbst auf dem Syntagma-Platz, dem belebtesten Treffpunkt, seit jeher auch Dreh- und Angelpunkt der Politik, ist die Stimmung verhalten. Dagegen wirkt die Ehrengarde geradezu lebendig, die hier am Grab des unbekannten Soldaten mit stoischem Blick Wache steht und ungefragt für Souvenirfotos herhalten muss.

Da gibt es keine grosse Uhr, deren Zeiger sich der grossen Zwölf nähert, da läuten keine Glocken das neue Jahr ein, und kein Moderator zählt die Sekunden ab. Gespart wird auch am Feuerwerk. Vom offiziellen Griechenland geht nicht mehr in die Luft, als was der Durchschnittsschweizer so am 1. August abfeuert. Und niemand, wirklich niemand, tanzt spontan den Sirtaki. Fünf Minuten danach sind die meisten Hellenen unterwegs in ihr Bett. Ausser der Gruppen von Albanern, sie stellen die grösste ethnische Minderheit: Junge Schreihälse proben die politische Demonstration, doch zu mehr als einer Runde Dosenbierfussball reicht’s nicht. 

«Hier bezahlen wir für Europa»

Am 1. Januar gönnt die Akropolis sich einen Tag im Jahr Ruhe. Nachts ist sie von goldenem Licht bestrahlt – nicht von Sparlampen. Dann sind die Touristen wieder da, über eine Million steigen jährlich auf den Felsen, der mit seinen 156 Metern höher wirkt, als er ist. Ja, der Tempelbezirk steht noch. Dabei haben Archäologen schon Alarm gegeben, ein Beben könnte ihn zum Einsturz bringen.

Nach 2500 Jahren gehört Altersschwäche zum Image. Die Akropolis ist – nach der Wirtschaftskrise – der grösste Totalschaden des Landes. Der Parthenon, quasi Zentrum der hellenischen Welt, ist seit Gedenken eine Dauerbaustelle. Mal von christlichen Architekten zur Marienkirche konvertiert, dann von Osmanen mit Minarett verziert. Und 1687 in die ständige Bauruine verwandelt, wie sie heute aussieht. Die Sanierung leistete sich mehrere Fehlstarts: In den 30er-Jahren sollten Eisenklammern den Marmor begradigen (Eisen rostet). Seit den 80ern werden frühere Verschlimmbesserungen nun verbessert. Doch das ehrgeizige Restaurierungsprogramm zieht sich wegen fehlender Mittel hin. 

Schon früh in der Krise schockten Ökonomen mit der Idee, die Akropolis zu privatisieren, das griechische Tafelsilber zu verkaufen. Sparauflagen der internationalen Kreditgeber lasten auf den brüchigen Bauten, das Kulturbudget ist um die Hälfte gekürzt.

Jetzt müssen Touristen tiefer in die Tasche greifen. Die Eintrittspreise zu Top-Attraktionen sind um fast 70 Prozent erhöht. 30 Euro muss man es sich kosten lassen, an der Wiege der Demokratie zu stehen. «Europe starts here!», schreit in Grossbuchstaben das Schild bei der Kasse, und ein Deutscher, der für Europa ungern nochmals die Brieftasche öffnet, lässt sich vernehmen: «Hier bezahlen wir für Europa!» Die Kunst imitiert das Leben: Die alten Griechen weihten ihre Tempel mächtigen Göttern, die nun die Devisen anziehen. Höchster Gott ist freilich der Euro. 

Und doch: Die Touristen kommen in immer grösseren Scharen. Auch die begüterten. Im Hafen von Piräus liegen ihre Luxusyachten vor Anker. Ist die Zugbrücke hochgezogen, findet man sie in den Penthouse-Bars der Luxushotels. Im obersten Stock des «Grand-Bretagne» oder am Galaxy-Tresen des «Hilton», auf Augenhöhe mit der Akropolis. Die Terrasse ist bepflanzt mit – die hätte man hier nicht erwartet – Alpenveilchen.

So demokratisch sind diese Sky-Bars, dass auch Normalsterbliche Zugang zum Olymp der Reichen haben. Ins Auge fällt der Nachwuchs der chinesischen Elite: jung an Jahren, aber bereits beschlagen darin, eine Kubanische korrekt anzuschneiden und dazu den richtigen Single Malt zu schwenken. Unaufgeregt lassen sie den Ausblick bis zum Mittelmeer auf sich wirken: Für sie hat Athen Perspektiven. 

Verbittert sind die Bewohner den Besuchern gegenüber nicht, im Gegenteil: Ihre Kellner sind mehr als zuvorkommend. Und ehrlich. Auf die Frage, was er auf der Karte empfehlen kann, antwortet einer: «Nehmen Sie unbedingt die Paella – unser Chef ist Katalane.» Und ein anderer: «Wenn es Ihnen nicht zu kalt ist, dürfen Sie gerne draussen sitzen», wobei er sich wie selbstverständlich im Schritt kratzt.

Die Verhaltensregeln muss man kennen: Versuch nicht, bei der Person, die dir das (überall kostenlose) Wasser serviert, gleich die Bestellung aufzugeben (sie bringt nur das Wasser); versuch nicht, bei der Person, die die Menukarte aushändigt, gleich zu bestellen (sie bringt nur die Karte); und versuch nicht, bei der Person, die dich bedient hat, gleich zu bezahlen (dafür kommt der Neffe vom Chef).

Zwischen Hipstern und Wohnungslosen

Die Erfindung des Heizpilzes hat die Saison der Gartenbeizen verlängert. Im Dezember hängen die Bäume voller reifer Zitrusfrüchte, und alles, einfach alles wird angerichtet mit Olivenöl, dem Geschenk der Göttin Athene, Namenspatronin der Stadt. In den Markthallen von Varvakios, dem Magen von Athen, rufen Metzger in blutigen Schürzen die Marktpreise aus wie Broker – Preise, die dem Schweizer Fleischliebhaber den Mund wässrig machen. 

Staatskrise hin oder her: Die jungen Griechen scheinen den Seiten eines Modekatalogs entsprungen. Die Töchter der Aphrodite haben die Haare entweder lang und pechschwarz oder blond gefärbt und kurz. Die griechische Frau liebt ihr Leopardenmotiv, hat die dünnen Lippen dunkelviolett gefärbt und reckt das Kinn stets einen Zentimeter höher als nötig, als stünde sie einem Bildhauer Modell. Auf Stilettos stöckelt sie mühelos über pentelischen Marmor.

Beim modernen Mann haben Stilberater nicht mehr viel zu tun. Der Hipsterbart korrekt gestutzt, die dunklen Augen hinter einer Sonnenbrille von Ray Ban. Krasser Kontrast: die Wohnungslosen. Eine Roma-Frau lässt ihre Kinder mit Triangel «Jingle Bells» singen (ihr Gesang ist so furchtbar wie ihr Schicksal), und direkt beim Theater des Dionysos, wo das Theatralische seinen Ursprung hat, trägt ein Mann ein Transparent: «Ich habe einen Hirntumor, und die Regierung tut nichts.»

Wie ist es um die Loyalität zur Regierung bestellt? Frage an jemanden, der tagtäglich Griechen wie Touristen befördert: Taxifahrer Jannis. Der kann gleichzeitig pilotieren, das neue Fussballstadion zeigen und mit seinem Schwager telefonieren. Er lastet es den unfähigen Politikern an, dass viele Landsleute als Wirtschaftsflüchtlinge ihr Bündel schnüren. «Wir wollen nicht vier von fünf Tagen für die da oben arbeiten!» Der ohnehin tiefe Taxitarif wird nur auf den Euro aufgerundet, doch fürs Trinkgeld bedankt Jannis sich überschwänglich. Der letzte Tag des Jahres endete mit einem Rumpeln. Im neuen Jahr rumort es weiter.

Roland Schäfli


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