Der lange Weg in den Sarek-Nationalpark

SKANDINAVIEN ⋅
16. Juli 2017, 10:27

Text und Bilder: Frank Eberhard

 

Es wird schwarz vor Augen. Zumindest tauchen überall dunkle Punkte auf und flirren um einen herum. Sie landen im Gesicht, in den Ohren, im Nacken, einfach überall. An diesem Klischee ist etwas dran: In Lappland gibt es viele Mücken. Warum sollte man also ausgerechnet dorthin fahren? Nun, im Norden Schwedens liegt eines der letzten grossen Wildnisgebiete Europas. Drei Nationalparks vereinen sich zum gigantischen Unesco-Welterbe Laponia, das in einer ohnehin fast völlig verlassenen Gegend liegt. 

Von der Fjällstation Kvikkjokk, einer winzigen Insel der Zivilisation, liegt die Grenze des bekanntesten nordischen Nationalparks Sarek noch eineinhalb Tagesmärsche entfernt. Zur nächsten Stadt, einem charmanten Nest namens Jokkmokk nahe am Polarkreis, führen 130 Kilometer asphaltierte Buckelpiste. Wer auf eigene Faust mit dem Auto nach Lappland anreist, ist lange unterwegs. Und das alles nur, um sich von Zigtausenden Mücken ärgern zu lassen? Nein. Reisende werden auf ihrem Tausende Kilometer langen Roadtrip um die Erkenntnis reicher, dass Europa noch riesige leere Landschaften und faszinierende Monotonie zu bieten hat. Entschleunigung pur, in einem der entwickeltsten Landstriche der Welt.

Elche und Rentiere stapfen durch die Sümpfe

Richtig los geht es mit der Waldwildnis Nordeuropas auf der Höhe der grossen Seen Vänern und Vättern. Je nach Startpunkt kommen bis dahin bereits rund eineinhalb Tage Autofahrt zusammen. Was die nächsten zwei Tage folgt, klingt langweilig, bietet aber meditative Züge: 1300 Kilometer schlängelt sich die meist zweispurige E45 «Inlandsvägen», der Inlandsweg, vom Südende des Vänernsees bis an den Polarkreis. Kein Name könnte die Strasse besser beschreiben. Sie führt mitten durch Schweden – fernab der grossen Städte an den Küsten, durch scheinbar endlose Wälder, in denen Elche und Rentiere durch Sümpfe stapfen. Wer eine Campingausrüstung im Kofferraum und keine zu hohen Ansprüche hat, braucht sich auf der Strecke keine Gedanken über Übernachtungsplätze zu machen. Am Strassenrand gibt es genug Plätze, sein Zelt aufzubauen. Allemansrätt oder Jedermannsrecht heisst das Zauberwort, das jedem Besucher Skandinaviens erlaubt, sich frei in der Natur zu bewegen und zu übernachten, wo es ihm passt. 

Um sich bei all der Fahrerei die Beine zu vertreten und einen Vorgeschmack auf den berühmt-berüchtigten Sarek-Nationalpark zu erhalten, bietet sich der Hamra-Nationalpark an. Ein Fünf-Kilometer-Abstecher über Schotterpiste von der Inlandsvägen führt zu dessen Nordeingang. Befremdlich, im positiven Sinne, und gleichzeitig bezeichnend für das progressive Land wirken die Behindertenparkplätze mitten in der Wildnis. 

Der moorige Urwald hat noch nie eine Motorsäge gesehen

Der Hamra-Nationalpark gehört zu den ältesten der 29 schwedischen Schutzgebiete und damit Europas. Denn Schweden war 1909 das erste Land auf dem Kontinent, das Gebiete zu Nationalparks erklärte. Der Hamra birgt einen moorigen Urwald, der noch nie Axt oder Motorsäge sah. Dort findet sich die grösste Bärendichte Schwedens. Das sorgt für ein mulmiges Gefühl beim Spaziergang über die sorgfältig angelegten Plankenwege, obwohl die Tiere sich extrem selten zeigen. «Ein Bär bemerkt euch lange bevor ihr überhaupt wisst, dass er da ist», sagt ein Rentnerpärchen aus dem Süden des Landes. Auch die Nationalparkverwaltung sieht in Meister Petz keine grosse Gefahr: «Will man eine Begegnung vermeiden, sollte man sich ab und zu unterhalten oder ein Liedchen summen, damit man gehört wird», heisst es in den Broschüren. 
Doch zurück auf die Strasse in Richtung Norden. Auch nach ein paar Stunden im Hamra bleibt noch genügend Fahrzeit bei Tageslicht. Denn wer im Sommer dem Polarkreis entgegenfährt, erlebt, wie die Tage länger werden und dann gar nicht mehr enden. Bereits Hunderte Kilometer südlich des Polarkreises geht die Sonne unendlich langsam unter und wirft ein rotes Leuchten über Wälder und Moore. Das entschädigt dafür, dass die Nordlichter nur im Winter am Himmel tanzen – dazu muss dunkle Nacht sein. Gefühlt befinden sich Autofahrer auf dem Weg nach Laponia immer im Wald. Hin und wieder taucht ohne grosse Ankündigung ein Dorf auf. Der Weg nach Jokkmokk zieht sich. Auf der Strecke gilt oft Tempolimit 90. 

Kurz vor Jokkmokk wartet mitten im Wald ein Höhepunkt jeder Lapplandreise: der Polarkreis. Keiner würde etwas merken. Wären da nicht ein Rastplatz und dieses Schild, das einen auf verschiedenen Sprachen an der unsichtbaren und für viele doch so wichtigen Linie willkommen heisst. Denn es ändert sich – nichts. Klar, jenseits des Polarkreises geht die Sonne gar nicht mehr unter. Aber zwischen den Bäumen erkennt ohnehin keiner, ob die Feuerkugel knapp über oder unter dem Horizont wandert. Ausserdem wandert der Polarkreis aufgrund von Massenbewegungen der Erde jedes Jahr an eine andere Stelle. Doch davon lässt sich keiner sein Erinnerungsfoto vor dem Schild vermiesen. 

Und dann kommt Jokkmokk. Jener aufgelockert gebaute Ort mitten in der Wildnis. Die riesige Gemeinde, fast so gross wie Sachsen, beheimatet nur 5500 Einwohner. «Hier ist immer etwas los», sagt Tenneh Kjellsson von der Touristinfo. Sie behält Recht: Eine Schulband spielt auf dem zentralen Platz Jason Mraz Reisesong «I’m yours». Opelfreunde halten ein Oldtimertreffen ab. Die indigenen Samen, die hier das Zentrum ihrer Kultur haben, bieten auf Märkten handgefertigte Waren feil. Im friedlichen Jokkmokk ist es stets ruhig, aber niemals still. Für Touristen ist der Ort vor allem eins: Tor zur Wildnis. Die fängt zwar direkt am Stadtrand an. Doch wer es bis hierher schafft, will Lakonia sehen. Nach besagten 130 Kilometern welliger Stichstrasse ist dann vorerst Schluss mit Autofahren. Die Gegend um Kvikkjokk setzt neue Akzente: Verschneite Berge ragen hinter den vielen Gewässern auf. Die Landschaft wird dramatisch. Wer bis in den Sarek-Nationalpark möchte, hat noch immer einen langen Weg vor sich: Gut 20 Kilometer Strecke wollen bis zur nächsten unsichtbaren Linie, der Nationalparkgrenze, erwandert werden. Bäche und Flüsse, meist ohne Brücken, und häufiger Regen garantieren nasse Füsse. Rentiere tauchen wie aus dem Nichts auf und bewegen sich lautlos wie Waldgeister. Mit Glück zeigt sich ein Elch. 

Am Tag nach einer Übernachtung an der Hütte Pårte erreichen Wanderer mit Hunderten Moskitos im Schlepptau eine Tafel. Sie heisst die Abenteurer im Sarek willkommen. Nun stehen sie vor der Wahl: Sie können drei Tage weiterlaufen, bis sie im Norden eine Fähre erreichen, die zur nächsten Strasse schippert. Die Strecke in den Sarek führt über eine Etappe des berühmtesten Fernwanderwegs in Schweden, dem Kungsleden. Dieser Königspfad erschliesst Hunderte Kilometer lappländischer Wildnis. Er führt im Norden bis in den Abisko-Nationalpark nahe der Grenze zu Norwegen, wo neue Abenteuer warten. Eine andere Option ist, vor der Umkehr nach Kvikkjokk in einigen Stunden ein paar hundert Höhenmeter aufzusteigen, bis der Kungsleden einen Bergsattel passiert. Dort oben liegt im Sommer noch Schnee und der frische Wind vertreibt die Mücken. Eine Felskuppe bietet einen Blick auf die zurückgelegte Strecke. Kein Haus, keine Strasse und kein Strommast stören das Bild. Eine Reise durch Lappland fühlt sich an wie eine Reise am Ende der Welt. Einer Welt jedoch, mit Abenteuern ohne Ende.   
 

Im Sommer bleibt’s auch in der Nacht taghell

Lage: Jokkmokk liegt in Nordschweden, wenige Kilometer nördlich des Polarkreises. Bis nach Lulea an der Bottnischen See sind es 170, bis an die norwegische Grenze knapp 350 Strassenkilometer. Gut 1000 Kilometer trennen den Ort von der Hauptstadt Stockholm.
Anreise: Mit dem Auto führt eine landschaftlich beeindruckende Strecke über die E45 Inlandsvägen. Diese erreicht man zum Beispiel nach einer Fährüberfahrt vom dänischen Frederikshavn nach Göteborg. Ein längerer, aber schnellerer Weg führt an der Ostküste entlang – eine gute Alternative für den Rückweg.

Beste Zeit: Die Monate Juni, Juli und August eignen sich am besten, um den Norden Schwedens zu bereisen. In dieser Zeit wird es nicht dunkel, die Temperaturen erreichen meist angenehme Werte.

Weitere Infos: Die Internetseite www.sverigesnationalparker.se stellt alle Nationalparks Schwedens vor. Alles über Jokkmokk: www.destinationjokkmokk.se  
 


Leserkommentare

Anzeige: