Die andere Sonnenstube; Feldis GR

REISEN ⋅ Reportage über das Dorf Feldis im Bündnerland
10. September 2017, 04:38

In Chur endet die Breitspurigkeit des Unterlandes. Man kann diese bahntechnische Feststellung übrigens durchaus auch sinnbildlich nehmen, aber bleiben wir beim Verkehr. Meist heisst es im Bahnhof Chur umsteigen auf die schmalspurige Rhätische Bahn oder aufs Postauto, wobei natürlich auch das Verweilen eine lohnende Alternative ist. Diesmal wähle ich eine weitere Variante. Ich nehme ab Bahnhofplatz die Linie 1 des Churer Stadtbusses, der sich schon fast familiär «dr Bus vo Chur» nennt – und seine Rolle als Stadtbus ziemlich grosszügig interpretiert. Ein Ast der Linie 1 führt in einer gut halbstündigen Fahrt rheinaufwärts durch die Dörfer (schmuckes Domat-Ems!) bis nach Rhäzüns am Eingang ins Domleschg.

Die Endstation heisst nicht Rhäzüns, sondern Luftseilbahn. Die schwingt sich ausserhalb des Dorfes kühn über die Gleise der Albula-Zubringerlinie und den wilden Hinterrhein auf die andere Talseite und gewinnt dann rasch an Höhe. Was ist das für eine grandiose Anreise, mal sitze, mal stehe ich in der eiförmigen Gondel, allein, mitten über dem Tal, es ist wie Fliegen. Sieben Minuten Fahrt, 800 Meter Höhendifferenz, und ich bin in Feldis. Das Dorf ist auch über eine enge, kurvenreiche Strasse von Süden her erreichbar (es gibt sogar eine Postautolinie ab Tomils), 1958 wurde als wintersichere Alternative die Luftseilbahn Rhäzüns–Feldis erbaut.

Das Dorf Feldis – oder rätoromanisch Veulden – liegt grossartig auf einer Geländeterrasse. Ein schönes Ensemble von dunklen, walserisch anmutenden Holzhäusern und mit Sprüchen verzierten Steinhäusern, in der Mitte ein schöner Platz mit Brunnen, die Kirche steht am Rand, dicht am Abhang, der Friedhof mit schönster Aussicht. Es gibt zahlreiche Ferienhäuser, zwei Hotels und ein Restaurant, es gibt einen Dorfladen, und in der alten Sennerei wird gar Bier gebraut. Die Schule freilich ist geschlossen, vier Kinder zählt das Dorf gerade noch, wie mir der Hotelier am Abend erzählt. Diese Infrastruktur macht deutlich: Feldis, das seit Anfang 2015 zur fusionierten Gemeinde Domleschg gehört, ist ein Feriendorf par excellence – und kann dabei einen besonderen Trumpf ausspielen. Es gilt als das sonnenreichste Dorf Graubündens. In seinem Abc hat der Verein Pro Feldis die ewige A-bis-Z-Herausforderung mit dem Y augenzwinkernd und souverän gelöst: «Ybrig ist näher bei Zürich, Feldis ist näher bei der Sonne», heisst es da.

 

Tatsächlich sitze ich nach einem regenreichen Start ins Wochenende am Sonntag nach meiner Ankunft vor dem Hotelzimmer an der Sonne. Domleschger Bier und Brissago, Blick in die von Restgewölk umflorten Berge, vor mir grast eine Herde Alpakas, mittendrin ein kleines Ding, gerade eben erst zur Welt gekommen, wie ich später erfahre. Das «Sternahaus» am oberen Dorfrand war mal Pfarrhaus, Kinderheim, Sonderschule und Pension, seit einigen Jahren wird es als Hotel geführt, das mit mehreren Gebäudeteilen alt und neu verbindet. Gerade diesen Sommer wurde ein sehr stilvoller Neubauteil in Betrieb genommen.

Muss ich eigens erwähnen, dass man in diesem entrückten Terrassendorf nahe der Sonne (und dem Mond, wie ich nach Gitzi und Jeninser feststelle) ausgezeichnet schläft? Derart ausgeschlafen ist es auch ein wunderbares Wandern. Mich zieht es jedoch nicht in die Höhe, sondern taleinwärts, südwärts in die Tiefe. Ich spaziere los in Richtung Plazza, von dort geht es steil hinunter nach Scheid und auf der alten Strasse, jetzt ein prächtiger Feldweg, durch eine imposante Schlucht nach Tomils. Am Ostrand des Tales ziehe ich weiter durch Paspels und vorbei am idyllischen Canovasee via Almens, Scharans und Sils nach Thusis. Grandiose Talweite, und hinter mir, hoch oben, unsichtbar: die Entdeckung Feldis.

Beda Hanimann


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