Gottes Werk oder Teufels Beitrag?

WALLIS ⋅ In den Jahren 1714 und 1749 kam es im Wallis zu verheerenden Bergstürzen. Auf tragische Weise liessen diese einen wunderschönen See entstehen: den Lac de Derborence. Früher, so dachte man, spiele der Teufel ein böses Spiel. Wanderungen durch Urwald und inmitten einer Felsarena lassen das Herz höher schlagen.
13. August 2017, 10:11

Lioba Schneemann


Allein schon der Weg ins Tal Derborence ist abenteuerlich. Postbus und Auto begegnen sich hupend auf schmaler Strasse oder in dunklen Tunnels, enge Kurven behindern die Sicht. Stets fällt der Blick in die tiefe Schlucht der Lizerne. Kein Zuckerschlecken für Ängstliche! Kaum zu glauben, dass die Bergleute bis Mitte der 50er-Jahre nur zu Fuss auf halsbrecherischem Weg zu ihren Maiensässen gelangten. Damals gab es gerade mal zwei Ausweichstellen, an welchen man ausruhen und kreuzen konnte. Heute gelangt man von Mai bis November auf der sicheren Route ins Tal. Im Winter jedoch gehört es ganz der Natur, da Lawinen die Zufahrt verhindern.

Nach einer halben Stunde ist das Paradies inmitten der gigantischen Felsarena erreicht. Würde man wie der einheimische Bartgeier Gildo durch die Lüfte schweben, sähe man eine Auenlandschaft, einen glasklaren Bergsee, einen Urwald und riesige Geröllhalden mit lichtem Pionierwald. Als Fussgänger nähert man sich der einzigartigen Flora gemächlich Schritt für Schritt. 

Alphütten, Menschen und Tiere unter Schutt begraben

Die Geburt dieses Naturwunders war katastrophal: Zwei grosse Bergstürze in den Jahren 1714 und 1749 haben das Hochtal gänzlich verändert. Diese als «grösste historische Ereignisse der Schweizer Alpen» bezeichneten Stürze liessen rund 50 Millionen Kubikmeter Gestein zu Tal poltern. 55 Alphütten, 120 Tiere und zahlreiche Menschen wurden unter Schutt begraben. «Dank unterirdischem Grollen im Bergesinnern, das Tage vor der Katastrophe zu vernehmen war, hatten Hirten und Herden Zeit, um zu verschwinden, und die meisten taten es auch», wie man nachlesen kann. Damals konnten sich die Menschen das Unfassbare nur als ein Werk des Teufels vorstellen. Nicht ohne Grund tauften sie den Gipfel des Tour St-Martin, der die Felsarena krönt, Teufelskegel. Und so ist verständlich, dass man auch hier versuchte, der Katastrophe mit Teufelsaustreibungen zu begegnen. 

Bekannt wurde das Tal später durch den Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz, der mit dem Roman «Derborence» aus dem Jahr 1934 grossen Erfolg hatte. Er erzählt von Antoine Pont, der sieben Wochen lang unter dem Schutt begraben war.

Sogar der Wolf  hat hier sein Revier 

Geschützt wird das Tal im Norden vom Diablerets-Massiv – einem kolossalen Felsengürtel von über 1300 Metern Höhe. Nicht nur Bartgeier finden hier eine Heimat, sondern vor allem auch eine eindrückliche Palette von seltenen Pflanzen. So verwundert es nicht, dass das Walliser Geografen- und Botaniker-Paar Sabine und Charly Rey Carron ihr Herz hier verloren haben. Sie haben zudem mit anderen Autoren zusammen ein dickes Sachbuch herausgegeben, das alle nennenswerten Informationen über das Tal enthält. «In der Region von Derborence werden 775 Arten an Flora gezählt», erklärt Charly Rey. Grund dafür sei das spezielle Klima, das hier auf fast 1500 Metern Höhe herrscht. «Vor allem die Niederschläge beeinflussen das Lokalklima stark.» 

Mit 1600 Millimetern pro Jahr fallen im Val Derborence im Vergleich mit anderen hoch gelegenen Tälern des Zentralwallis fast ein Drittel mehr Niederschläge. Die Vegetation passt sich dem feuchten Klima an; so wächst hier die Buche, die im Haupttal oberhalb von Martigny kaum vorkommt. Auffallend sind jedoch vor allem die stattlichen Pinien wie Bergföhre und Legföhre sowie Lärchen und Birken, die sich im Pionierwald auf den dicken Kalkbrocken des Geröllfeldes breit machen. «Der Stinkende Nieswurz, die Kohldistel oder die Gelbe Berg-Platterbse, um nur drei von den vielen Pflanzen zu nennen, profitieren ebenfalls vom speziellen Klima», sagt Sabine Rey. Natürlich fühlen sich auch Tiere wohl wie Steinbock, Reh und Hirsch sowie Luchs, Feld- und Schneehase. Sogar der Wolf hat hier ein Revier. 

Viele verspüren den Wunsch, zurückzukehren

Einige leichte Wanderwege, perfekt für Familien, aber auch anspruchsvolle Routen über Bergpässe findet man hier. Lieblingsorte und -wege zu finden, fällt nicht schwer: Sei es die Tour rund um den grossen hellgrünen See, am Fusse des Urwalds entlang, sei es der Wanderweg mitten durch das grosse Geröllfeld mit den riesigen Kalkbrocken. Wasser ist vor allem im Frühjahr das beherrschende Element: Überall rauscht es, die Wege kreuzen kleine Bächlein und tosende Gebirgsbäche. Ein Stück Wald ist gar im Fluss versunken, Holzbrücken helfen über das tosende Nass. Und das weite Auengebiet mit seinen kalkreichen mageren Schotterflächen eignet sich fürs Sonnenbaden. Der See bildete sich erst nach dem ersten Bergsturz und ist somit der jüngste See der Schweiz. Eindrücklich ist auch der Urwald, der am Nordhang von Ecorcha zwischen dem See und der Alpe Vérouet wächst und seit 1959 Schutzstatus geniesst. Er gilt als einer der urtümlichsten der Schweiz. 

Einige Fichten und Tannen sind Riesen: Über 80 Exemplare sollen einen Stammdurchmesser von mehr als 100 Zentimetern aufweisen. Bis zu 44 Meter hohe und 450 Jahre alte Tannen sind wichtige Zeugen für die Erfassung der Luftverschmutzung. Heute ist eine Fläche von mehr als 260 Hektaren im Tal unter der Kontrolle von Pro Natura, das Herz des Naturschutzgebietes ist der 25 Hektaren grosse Urwald. In der Strauchschicht wächst die Vogelbeere, die sich vor allem dank des Sturmes Vivian im Jahr 1980, als viele Bäume umstürzten, gut entwickelt hat. 

Kennzeichen des ganzen Tals ist die dauernde Veränderung. Im Gegensatz zu vielen Orten in den Alpen darf die Natur hier schalten und walten. So bilden sich um den See Alluvialkegel, die sich je nach Wasserführung der Wildbäche verändern. Diese sind seit 1992 im Bundesinventar der Auen von nationaler Bedeutung. Auf ihrer stabilen Seite wachsen vor allem Weiden, Gräser und eine Vielzahl von Alpenblumen, die Nahrung für Schmetterlinge sind. Kaum ein Besucher verlässt den Ort, ohne den Wunsch zu verspüren, zurückzukehren, liest man in der Einführung des Buches «Derborence». Jedoch ist die Saison kurz, denn schon Mitte Oktober kann der See gefrieren. Und im Winter herrscht hier Stille, da können die wenigen mutigen Besucher nur mit Ski ins Tal gelangen.
 

Ein Tal voller wilder Schönheiten, Urwald und Legenden

Busverbindungen: Seit den Jahren 1960 kann das Tal befahren werden, und das Postauto fährt regelmässig. www.carpostal.ch/valais 

Wandern: Infos zu Wanderungen und anspruchsvollen Gebirgstouren (z. B. Pass Sanetsch, Glacier 3000 oder Ovronnaz): www.lescoteauxdusoleil.ch

Ausgeschilderte Wanderungen/kleine Wanderkarte vor Ort erhältlich. Tour im Tal: Länge 12 km, 850 Höhenmeter. Dauer 4:40 h / Tour im Geröllfeld: Länge 6 km, 280 Höhenmeter. Dauer 2:30 h / Tour um See: 1,3 km, 40 min., 380 Höhenmeter.  

Einkehren/Übernachten: Auberge du Godet Tel. 027 346 31 41 / Refuge du Lac Tel. 027 346 14 28

Buch: Derborence. Natur und Mensch. Von Sabine und Charly Rey Carron und andere Autoren. Mit 13 kommentierten Wanderungen. Verlag Iterama, 2014. 

Weitere Informationen: Les Couteaux de Soleil, Office du Tourisme, 1964 Conthey,  Tel. 027 346 72 01. www.derborence.ch


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