Im Land, wo nicht nur die Zitronen blühn...

APULIEN ⋅ Die Region am italienischen Stiefelabsatz, halb so gross wie die Schweiz, ist mehr als ein Geheimtipp für Menschen, die dem Rummel an Riviera und Adria entrinnen wollen. Ihre einstige «Rückständigkeit» erweist sich heute als touristischer Trumpf.
06. Juni 2017, 17:50

Gottlieb F. Höpli

Schon im Landeanflug auf den Flughafen von Bari sieht man sie, diese endlose grüne Weite: Olivenbäume, so weit das Auge blickt. Dabei hatte man doch gelesen, dass Apulien den geringsten Waldanteil Italiens besitzt? Stimmt: Falls man die 50 Millionen (wer sie gezählt hat, weiss niemand) oft jahrhundertealten Bäume mit ihren mysteriös verknoteten Stämmen nicht berücksichtigt. Jeder von ihnen sieht aus, als könnte er eine lange Geschichte erzählen. Die nicht nur davon handelt, dass 40 Prozent des italienischen Olivenöls aus dieser Region stammt. Manchmal auch jenes, dessen Etiketten weiter nördlich aufgeklebt werden. Denn wer den wahren Reichtum Italiens an Orangen und Zitronen, an Mandeln, Feigen, Wassermelonen, an unzähligen weiteren Früchte- und Gemüsesorten sehen – und vor allem: auf dem Teller geniessen – will, der ist in Apulien genau richtig. Oder, wie es in der Slow-Food-Terminologie heisst: Kilometer zero.

Und dabei war von den über 800 Kilometern Küstenlinie Apuliens noch nicht einmal die Rede. Das Meer, dessen Wellen eine weitgehend unverschandelte Küste kristallklar umspülen und die Menschen hier mit einem ungeahnten Reichtum an Meeresgetier beschenkt. Das denn auch für den Gast in unzähligen Variationen auf den Teller kommt. Am schönsten natürlich in einem der Strandrestaurants mit Blick auf den unverdorbensten – noch nicht lange her, da hiess es: rückständigsten – Teil der Adriaküste. Sei es oben in Vieste, dem Ferienort im grünen Naturpark des Gargano. Wo man noch die uralte Form des Fischfangs mit dem Trabucco sehen kann, einer fragilen Holzkonstruktion, an der das Netz waagrecht ins Meer gelassen wird, wenn ein Fischschwarm unten vorbeizieht. Oder sei es im lebensfrohen, farbigen Städtchen Otranto am untersten Ende des Stiefelabsatzes. Zum Teil kommt der tägliche Fang hier roh auf den Tisch, in Dutzenden von Antipasti, zum Teil grilliert, oder aus dem Ofen – Fischliebhaber müssen sich hier im Paradies fühlen. Oder eben: am Kilometer zero.

Historisches Einfallstor

Was die Geschichte dieser Region – immerhin halb so gross wie die Schweiz und mit vier Millionen Einwohnern – angeht, dürfen wir hingegen nicht bei Kilometer zero anfangen. Der ins Mittelmeer hineinragende Stiefelabsatz schützte die machtpolitische Achillesferse des zerrissenen Landes nicht, sondern war immer wieder Einfallstor für weltpolitische Invasionen, Raubzüge wechselnder Herren und kommune Piratenüberfälle. Diese Wechselfälle der Geschichte waren für die Bevölkerung oft genug schwer zu ertragen. Herrscher wie der Hohenstaufer Friedrich II., Erbauer des ebenso grossartigen wie rätselhaften Castel del Monte, überzogen die Küste mit einer Reihe von Burgen und Befestigungen. Und auch die Grossgrundbesitzer befestigten ihre Landsitze mit Mauern und Türmen. Diese heissen Masserien (etwa 2000 an der Zahl) und werden heute vielfach als individuelle Klein-, Boutique- oder Aparthotels genutzt und finden bei einer Klientel, die auf Qualität, Individualität und Privacy Wert legt, grossen Zuspruch. Solche Landhäuser mit selten mehr als einem Dutzend Zimmern oder Suiten gibt es fürs bescheidenere Budget ebenso wie für den Gast, der es etwas luxuriöser mag (siehe auch den nebenstehenden Artikel).

Wo alte Olivenbäume und Steine reden

Der Tourist von ennet der Alpen oder aus dem Norden Italiens kommt in der Regel ja nicht nach Apulien, um eine oder zwei Wochen nur im Strand-Liegestuhl zu verbringen. Das wäre auch schade. Er wird sich auf Entdeckungstouren – etwa per Bike – von den «ulivi seculari» jahrhundertealte Geschichten erzählen lassen, wenn er nur hinhört.

Oder er wandelt auf den lebendigen Spuren der Geschichte, die bis zu den alten Griechen zurückführt (oder sogar noch weiter zurück). Denn im untersten Teil Apuliens, dem Salento, leben tatsächlich noch rund 40000 Menschen, Nachkommen griechischer Siedler, die einen griechischen Dialekt sprechen, das «Griko». Und die in Dörfern südlich von Lecce wohnen, die so klangvolle Namen tragen wie Calimera oder Castrignano de’Greci. Auch der Name Apulien weist auf «Japugi» hin, auf «das Volk, das von der anderen Seite des Meeres kommt». Und nicht, wie Scherzbolde sagen, auf «Apluvi», das Land, in dem es nie regnet…

Nicht nur die Olivenbäume erzählen hier uralte Geschichten. Auch die Steine tun es. Die unzähligen Steine, die auf den Feldern liegen, zu Mauern oder zu den berühmten Trulli aufgeschichtet wurden, jenen kreisrunden, sich nach oben wie ein Tipi verjüngenden Steinhäusern, die es im meist von Touristen überschwemmten Dorf Alberobello zum Unesco-Weltkulturerbe geschafft haben. Aber nicht nur diese Feldsteine meinen wir: Ohne den leicht zu bearbeitenden, hellgelblichen Kalkstein aus dem Salento gäbe es das «Florenz des Südens» nicht: die Barockstadt Lecce mit ihrer schwindelerregenden Überfülle von Formen und Verzierungen, wie es die Fassade der Basilika Santa Croce zeigt (zurzeit leider wegen Renovationsarbeiten unter einer detailliert nachgebildeten Hülle verborgen) oder die Kathedrale, die nicht erst dem Kirchgänger, sondern bereits demjenigen ihre Pracht offenbart, der die grandiose Piazza del Duomo betritt.

Chianche heissen die Steine, die der Piazza mancher älterer Kleinstadt im Salento – besonders unter strahlend blauem Himmel – ihren eigenartigen Glanz verleihen. Eine schöne Erklärung für diesen Glanz haben wir von Ein- heimischen gehört: Die Steine seien eben von den Kerzen der vielen Prozessionen, die immer wieder darüberziehen, förmlich gewachst worden. Nun, so viele Prozessionen kann es auch im Land der vielen Heiligen, von Padre Pio bis zur Santa Serafina, nicht geben – Letztere kann man in einer Privatkapelle eines wunderschönen Palazzo im Städtchen Fasano bewundern. Sie hat nur den Nachteil, dass es eine solche Heilige gar nicht gibt…

Die Bewohner Apuliens mussten sich von den Norditalienern lange als «Terroni» beschimpfen lassen, als übelriechende, ungebildete «Dreckfresser». Dabei war der Norden keineswegs unschuldig daran, dass es Süditalien nach der gloriosen garibaldischen Einigung Italiens vor 150 Jahren dreckig ging. Man war nicht viel mehr als eine Kolonie des Nordens, voller Briganti (Krimineller), für die der neue Staat nichts übrig hatte und die er sträflich vernachlässigte. Und so waren die Pugliesi zu Zehntausenden zur Auswanderung gezwungen. Auch in die Schweiz kamen sie zu Tausenden.

Aber inzwischen hat der Süden Selbstbewusstsein getankt. Die einstige Rückständigkeit, das Fehlen von Bettenburgen entlang der Küste etwa, hat sich zum Vorteil für einen sanfteren Tourismus, für einen schonenderen Umgang mit Natur und Umwelt gewandelt.

Das neue Selbstbewusstsein des Südens

Und so sieht der (wirtschaftlich) blühende Norden Italiens, aus über 1000 Autobahnkilometern Distanz betrachtet, eben etwas anders aus, als sich die Bewohner der Lombardei oder des Piemonts selber sehen. Oder gar wir Nordlichter. «Mailand, Turin – da fühle ich mich nie sicher. Da hilft dir keiner, wenn dir auf der Strasse etwas passiert. Das gibt es bei uns nicht», sagt Amanda, die 30-jährige Chefin einer High-Tech-Firma zur Veredelung von Oberflächen (etwa von Flugzeugen), die wir zusammen mit ihrem Mann Fabio, einem Bauunternehmer aus Ostuni, der «weissen Stadt», zu einer Cena treffen. In einem zum modern gestylten Restaurant umgebauten Stationsgebäude, mit einer auf saisonale Frischprodukte ausgerichteten Küche der Sonderklasse.

Amanda und Fabio haben beide im Norden studiert, aber beide würden nie aus Apulien wegziehen. Der zurückhaltende Fabio entspricht so gar nicht dem Bild eines Immobilienhais. Er kennt Geografie, Geschichte und Beschaffenheit seiner Heimat wie ein Professor, ist an ganzheitlichen, mit der Geschichte und der Natur kompatiblen Lösungen orientiert. Er ist nicht der Einzige: Bauen heisst hier nicht mehr einfach, möglichst viel Beton zu verbauen. – Gut, den Immobilienhai haben wir auch getroffen, der mit EU-Geldern am Rande der Autobahn, sonst aber mitten im Nirgendwo, ein Hotel gebaut hat, das innen und aussen an Geschmacklosigkeit schwer zu übertreffen ist. Wenn es nicht rentiert, macht das auch nichts: Gesellschaften, die solche Projekte realisieren, sind in der Regel gleich nach oder schon vor der Bauvollendung pleite. Klar, auch das gibt es in Apulien. Aber nicht nur hier.


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