Mitten ins wilde Herz

ENGADIN ⋅ Wildromantisch liegt das Blockhaus Cluozza zwischen unberührten Wäldern und Wiesen im Schweizerischen Nationalpark. Auf dem Wanderweg trifft man seine Bewohner an: Murmeltier, Gämse oder Hirsch, was nicht nur Kinderherzen höherschlagen lässt.
07. August 2017, 13:39

Lioba Schneemann

Da steht er plötzlich vor uns, inmitten eines für hier so typischen Geröllfeldes, das sich ins Tal der Cluozza ergiesst. Steht still, kaut und schaut zu uns hinunter. Gänzlich unberührt von unserer Anwesenheit senkt er wieder seinen Kopf und zupft an zarten Blättchen. «Ein stattlicher Gamsbock!», erklärt unser Guide Martin Schmutz und stellt das grosse Fernrohr auf. «Schon ein älterer Herr, so 10 bis 12 Jahre alt. Das erkennt man an den Hörnern, die schön gebogen sind. Und recht struppig ist er.» Ist das Tier schon mit blossem Auge gut zu sehen, wird dank moderner Ausrüstung jedes Detail des Bocks erkennbar. «Seht ihr den Gamsbart auf dem Rücken?» Das ist also ein Gamsbart! Natürlich kennen wir diese Pinsel, welche die Tirolerhüte zieren. Nun endlich wissen wir, dass diese vom Rücken der Gämsböcke stammen.

Als wir vor gut zweieinhalb Stunden im Besucherzentrum in Zernez aufbrachen, hofften wir auf Begegnungen mit der einheimischen Tierwelt, denn die sollen hier fast unvermeidlich sein. Und enttäuscht werden wir nicht. In der tierreichsten Region der Alpen und auf einer Fläche von rund 170 Quadratkilometern findet man nicht nur ein Hirschparadies vor, sondern stösst auf putzige Murmeltiere, Gämsen und stattliche Steinböcke, Tannenhäher – dem Wappentier des Schweizerischen Nationalparks (SNP) – manchmal auch auf Adler oder Bartgeier. Lassen wir uns überraschen! Lohnend ist es jedenfalls, mit einem Wanderleiter loszuziehen, alleine schon wegen des Equipments. So stellt Martin Schmutz immer wieder das Stativ mit dem Teleskop auf. «Auf der anderen Talseite weiden einige Hirschkühe mit ihren Kälbern», erklärt der Wanderleiter. Und schon beugen wir uns nacheinander über das Stativ und schauen gebannt auf die vier Tiere auf den sattgrünen Wiesen.

Rothirsch: Tier des Jahres 2017

Die Tiere im Park seien sich gewohnt, dass wir Zweibeiner auf den Wegen blieben, sagt Martin. «Daher kann man sie auch so gut beobachten. Wenn wir die Distanz einhalten und nicht die Wege verlassen, fühlen sich die Tiere sicher.» Manche Leute kämen mit der Erwartung hierher, einen «Tierpark» vorzufinden. Das sei es natürlich nicht, ergänzt Martin Schmutz. Oder doch? Wenn auch auf besondere Art: Wir Menschen müssen uns für einmal an Grenzen halten, es sind unsichtbare Zäune, die uns auf Wegen wandern lassen oder in mit gelben Pflöcken abgesteckten Picknickarealen rasten. Die Gebotsschilder und auf den ersten Blick «strengen» Regeln tragen dazu bei, dass sich die Natur frei von menschlichen Einflüssen entwickeln kann. Wir sind Eindringlinge, die Tiere heimisch. Das Geschenk ist unbezahlbar: Ein unverfälschter Blick auf Tiere in freier Wildbahn, den man nirgendwo mehr findet auf Schweizer Boden.

Der Rothirsch ist natürlich der Trumpf des Parkes. Etwa 2000 Tiere leben im Gebiet. Im Sommer wandern die Tiere grössere Strecken zwischen Tag- und Nachtquartier, im Winter sind sie in tieferen Lagen ausserhalb der Parkgrenzen in den Nachbartälern anzutreffen. Spektakulär ist die Brunft im September, wenn das sonore Röhren so manchen Wanderer erschauern lässt. Dann kommen täglich über 1000 Besucher in den Park. Bekannt ist das Val Trupchun am Südwestrand des Schutzgebietes, in welchem das Buhlen um die Gunst der Kühe verfolgt werden kann. Zur Gründungszeit des SNP im Jahr 1914 ahnte wohl niemand, dass das Wild eine derart zentrale Rolle spielen würde. Da begann das aus dem Engadin verschwundene Rotwild gerade erst wieder in die Region einzuwandern. Der Rothirsch wurde von Pro Natura zum «Tier des Jahres 2017» erkoren. Die Naturschutzorganisation will damit auf die stark zerschnittene Landschaft und die Notwendigkeit von durchgängigen Wildkorridoren hinweisen. Erstaunlich sind auch einige aktuelle Forschungen über das Wild und seine Beeinflussung des Lebensraums: So stellte man fest, dass sich die Artenvielfalt auf den beästen Hirschweiden im Park von 1917 bis 1999 im Schnitt verdoppelt hat. Die Tiere sind sozusagen «Gärtner» und sorgen dafür, dass das Nahrungsangebot erhalten bleibt.

Waschhaus mit grandioser Aussicht

Auch in der Berghütte Cluozza kann man im September die Hirschböcke röhren hören. Zu Beginn der Saison wie heute, ist es jedoch ruhig. Hier in der Urzelle des Parks herrscht besonders am Abend eine atemberaubend Stille: Vor einem liegt das weite Tal mit dem rauschenden Gebirgsbach und den unberührten Wäldern, die abgelöst werden von majestätischen grauen Bergen. So dauert jeder Gang zum Waschhaus meist länger – die Aussicht zieht einen immer wieder in den Bann. «Das erinnert mich wirklich an Alaska», kann es dann plötzlich neben einem tönen. Drinnen im Blockhaus herrscht meist schon Betriebsamkeit. Wie heute unternehmen meist auch einige Familien mit kleineren Kindern den gut begehbaren Wanderweg ab Zernez. Frühzeitig buchen ist also ein Muss. Die Crew sorgt denn auch liebevoll für die nötige Ordnung. «Dessert gibt es erst, wenn ihr die Tische abgewischt habt», heisst es da etwa. Und punkt 22 Uhr ist es plötzlich totenstill im Haus.


Leserkommentare

Anzeige: