Neue Barockpracht und eine Portion Kultur

DRESDEN ⋅ Der barocke Neumarkt war bis zu seiner Zerstörung Herz und Seele von Alt-Dresden. Jetzt steht er wieder da – wie Phönix aus der Asche. Architekten kritisieren den Wiederaufbau nach historischem Vorbild, alteingesessene Dresdner setzten sich leidenschaftlich dafür ein. Zudem investiert die Hauptstadt des Freistaats Sachsen kräftig in die Kulturszene.
29. Mai 2017, 08:34

Text und Bilder: Thomas Veser

Residenzschloss, Hofkirche, Brühl’sche Terrasse und Frauenkirche bildeten einst die barocke Skyline von Alt-Dresden, die der venezianische Maler Bernardo Bellotto in seinem berühmten «Canaletto-Blick» 1748 verewigte. «Dresden – hier wurde die Schönheit erfunden. Nichts als Fluss und Wiesen – in zartesten Farben und märchenhaftem Licht», schrieb in jenen Jahren Johann Joachim Winckelmann.

Dank dieser architektonischen Meisterleistungen, harmonisch eingebettet in das landschaftlich ansprechende und weitgehend unbehelligt gelassene Flusstal, gelangte Dresden unter der Bezeichnung «Kulturlandschaft Dresdner Elbtal» 2004 auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Fünf Jahre darauf wurde der Titel allerdings aberkannt. Die Anlage der Waldschlösschen-Flussbrücke beeinträchtigte nach Ansicht der Unesco das Gesamterscheinungsbild. Dresdens Bevölkerung, die dem Bau per Volksentscheid mehrheitlich zugestimmt hatte, nahm den Entzug mit erstaunlicher Gelassenheit hin.

Dafür traten die Bewohner der sächsischen Landeshauptstadt umso engagierter für den Wiederaufbau des am 13. Februar 1945 in Schutt und Asche gesunkenen Neumarkts ein. Er war einst Herz und Seele von Alt-Dresden. Inzwischen wurden fast zwei Drittel der Neumarkt-Gebäude überwiegend nach historischem Vorbild rekonstruiert. Ende 2016 konnte mit der Vollendung des Jüdenhof-Ensembles eine weitere Lücke geschlossen werden.

Überragt werden die Gebäude von der mächtigen Kuppel der 2005 geweihten Frauenkirche. Der 180 Millionen Euro teure Wiederaufbau dieses Wahrzeichens, überwiegend mit Spenden bezahlt, hatte die von privaten Investoren finanzierte Neumarkt-Rekonstruktion eingeläutet. Aus der Ferne betrachtet, erinnern die Häuser mit ihren eleganten Barockfassaden, den typischen «Hochrechteckfenstern», der ursprünglichen Farbgebung und den Ziegeldachlandschaften an Darstellungen des alten Dresden vor dem Feuersturm.

Elbsandstein und Originale aus den Trümmern

Aber das ist nicht mehr als ein Trugbild. Das neue Alt-Dresden ist eine ziemlich gut gelungene Kopie. Keines der Gebäude, die meist aus Fertigbetonteilen mit der heutzutage vorgeschriebenen Dämmschicht bestehen, ist älter als elf Jahre. Über vier Jahrzehnte erstreckte sich im Stadtzentrum eine riesige Brache, auf der eine neue sozialistische Stadt wachsen sollte. Gewachsen war stattdessen eine innerstädtische Grassteppe. Keiner hatte das besser auf den Punkt gebracht als der Dresdner Romanist Victor Klemperer: «Das war Dresden. Modernes Pompeji.»

Alt-Dresden ersteht seit 2006 wie Phönix aus der Asche. Ohne den renommierten Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Fritz Löffler wäre dieser Kraftakt nicht gelungen. Sein grundlegendes Werk «Das alte Dresden» erlaubte dank zahlreicher Fotografien und detaillierter Beschreibungen, Gebäude in ihrer Gesamtheit zu rekonstruieren.

Zur Gestaltung der vorgehängten Barockfassaden nahm man Steine aus dem Elbsandsteingebirge und nach dem Krieg aus dem Trümmermeer oftmals von Einwohnern geborgene Originale, darunter viele Stuckelemente, die in die neuen Gebäude eingebaut wurden. Deshalb weist auch die protestantische Frauen­kirche, die zum grössten Teil aus gelbem Sandstein rekonstruiert wurde, stellenweise schwarze Stellen auf. «Diese Teile stammen aus der Ruine. Elbsandstein verfärbt sich, in ein paar Jahrzehnten wird das ganze Bauwerk wie vor der Zerstörung schwarz sein», versichert Jürgen Borisch von der Gesellschaft Historischer Neumarkt.

War der benachbarte Altmarkt mit der berühmten Kreuzkirche als Dresdens ältester Platz in den 1950er-Jahren im Stil des «sozialistischen Klassizismus» gestaltet worden, wollte man auf dem Neumarkt an den einstigen barocken Charakter anknüpfen. Zeitgenössische Bauwerke, mit denen die Stadt­verwaltung anfangs geliebäugelt hatte, sind nach Ansicht der Gesellschaft Historischer Neumarkt dort fehl am Platz. Damit handelte sie sich heftige Kritik ein: Architekten erhoben den Vorwurf, der Neumarkt sei demnach als reine «Traditionsinsel» ohne Bezug zur Gegenwart vorgesehen. «Wir sind nicht grundsätzlich gegen neue Architektur, aber in Alt-Dresden hat sie nichts zu suchen», versichert Borisch und verweist auf moderne Highlights wie die Neue Synagoge oder das von Daniel Libeskind gekonnt umgeformte Militärhistorische Museum. Als Hauptziel der Gesellschaft beschreibt er die «Bemühungen, mit den rekonstruierten Bauwerken auch greifbare Dresdner Geschichte ins Bewusstsein zu rufen». Dass der Neumarkt nach historischem Vorbild wiedererstand, darf die Gesellschaft als ihr Verdienst beanspruchen. Immer wieder hatte sie Einspruch erhoben gegen moderne Neubauprojekte, die nicht ins Erscheinungsbild passten. In einigen Fällen gab es Bürgerentscheide, bei denen die Einwohner den Standpunkt der Gesellschaft teilten und das Vorhaben scheitern liessen.

«Das ist bezeichnend für Dresden, das über 50 in einigen Fällen international renommierte Museen verfügt und sich auch während der DDR-Zeit als Kunststadt verstand», erläutert Historiker Albrecht Hoch, der thematische Führungen durch die Stadtviertel anbietet. Im Gegensatz zu Leipzig, das heute gerne mit seinem alternativ angehauchten Bohème-Milieu kokettiert, geben sich die Dresdner laut dem Historiker mehrheitlich bodenständig und konservativ.

«Die Dresdner fragen einen gar nicht, ob einem die Stadt gefällt. Sie sagen es einem», bemerkte einst Schriftsteller Umberto Eco. Und deshalb zeigt der alteingesessene Jürgen Borisch, von Beruf Kaufmann, dem Besucher mit sichtlichem Stolz einige Paradebeispiele auf dem Neumarkt. Dazu zählt neben der rekonstruierten Rampischen Strasse, die einst als eine der elegantesten Wohnstrassen im Barockstil galt, auch das Kurländer Palais und das Heinrich-Schütz-Haus.

Junges Theater und Operetten im «Kraftwerk Mitte»

Dass Boutiquen, die Luxusmarken feilbieten, oftmals schon nach kurzer Zeit wieder dichtmachen müssen, geht auf die geringe Kaufkraft der Einheimischen zurück. Schon deswegen hofft man in Dresden auf mehr Touristen. Dabei könnten sich auch die jüngsten Investitionen in die Kulturszene als hilfreich erweisen. Durch den Verkauf kommunaler Wohnungen 2006 war Dresden über Nacht als einzige Stadt Deutschlands schuldenfrei geworden. Mit dem Erlös gönnt sich Dresden, das 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden will, eine ordentliche Portion Kultur. So finanzierte man den etwa 100 Millionen teuren Umbau eines stillgelegten Kraftwerks in Zentrumsnähe. «Kraftwerk Mitte» genannt, beherbergt der 39000 Quadratmeter grosse und denkmalgeschützte Komplex seit Ende 2016 zwei renommierte städtische Ensembles – das Theater Junge Generation, bundesweit grösstes Kinder- und Jugendtheater, und das Operettentheater, einziges selbstständiges Operettentheater in Deutschland. Beide Bühnen waren seit den 1950er-Jahren provisorisch am Stadtrand in Gebäuden mit viel zu kleinen Räumen untergebracht.

Den Schlussakkord setzt Dresden mit der Umgestaltung des Kulturpalasts am Rand des Neumarkts. Der Betonklotz zählt zu den wenigen DDR-Gebäuden, die angesichts der neuen barocken Pracht geradezu alt und schäbig wirken. Ende der 1960er-Jahre errichtet, wird er der Dresdner Philharmonie einen heutigen Anforderungen entsprechenden grossen Saal bieten.

Keines der Gebäude lässt die DDR-Geschichte stärker lebendig werden als der soeben wiedereröffnete Kulturpalast. Und auch «Der Weg der Roten Fahne», wie das im Laufe der Zeit verblasste Monumentalmosaik an der Westfassade heisst, wurde inzwischen gründlich restauriert.


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