Nur das Postauto macht auf Helvetisch

NAHVERKEHR: COMOLOGNO TI ⋅
13. August 2017, 10:22

Eine kleine Enttäuschung ist es schon. Beim Verlassen des Gotthardtunnels ist es genau so grau wie nördlich der Alpen. Und keine Hoffnung mehr wie einst, das werde im gemächlichen Herunterschlängeln durch die Leventina schon noch. Wir sind ja schon fast in Bellinzona, wenn der neue Tunnel das Tessin freigibt. Beim Umsteigen in Richtung Locarno beginnt es sogar zu regnen, es beginnt zu giessen, aus Kübeln, die Berge versinken hinter einem Regenvorhang. Noch sitze ich im Zug, später im Postauto, aber etwas bange frage ich mich doch: Gibt es hinter diesem Vorhang noch etwas? Um es kurz zu machen: Ja. In Comologno, siebzig Postautominuten ab Locarno, ist das Pflaster trocken, und während ich auf der Terrasse der Osteria Il Palazign beim Bier auf die Hotelfrau warte, drückt zaghaft die Sonne durch. Blaue Löcher im Gewölk, immer grössere.

Aber das Wetterschauspiel ist nur das eine. Mindestens so grandios ist das Natur- und Landschaftsspektakel. Man hat ja von diesem Onsernonetal schon allerhand gehört, Lobgesänge, Schwärmereien, Liebeserklärungen. Für mich ist Premiere, und ich schliesse mich der Begeisterung vorbehaltlos an. Welch grossartige Wildnis ein paar Kilometer abseits des Locarneser Filmfestivalrummels! Das Tal so eng und steil, dass in der Tiefe nur Platz für den Fluss bleibt, den Isorno, kein Durchkommen sonst. Die schmale Strasse zieht sich der nordseitigen Bergflanke entlang in die Höhe, da kleben auch die Dörfer, dem Wald und Fels abgetrotzte Lebens- oder Überlebensbehauptungen. Bilder wie in den Anden oder in Nepal, nur das Dreiklanghorn des Postautos macht beharrlich auf helvetisch. Und meine Hochachtung vor Postautochauffeuren steigt ins Unermessliche.

«Vor allem in den Kurven: der Körper erfasst Landschaft durch Fahrt, Einstimmung wie beim Tanzen», notierte Max Frisch in sein Tagebuch. Über zwanzig Jahre lebte er in Berzona, vor ihm war schon der Schriftstellerkollege Alfred Andersch da. Aber auch Comologno, das zweithinterste Dorf im Tal, übte einen Reiz auf Intellektuelle aus. In den 1930er-Jahren lebten die Schriftstellerin Aline Valangin und ihr Ehemann Wladimir Rosenbaum im Palazzo della Barca, sie empfingen da illustre Gäste wie Kurt Tucholsky oder Elias Canetti, ihr Haus wurde in der Zeit des Faschismus zum Zufluchtsort politisch Verfolgter. Der Palazzo della Barca ist einer von mehreren stattlichen Palazzi, welche in Comologno das Dorfbild prägen. Erbaut wurden sie Ende des 18. Jahrhunderts von Auswanderern, die in der Fremde reich geworden und dann zurückgekehrt waren. Auch der Palazzo Gamboni ist einer dieser Zeugen der Talgeschichte, seit zwanzig Jahren beherbergt er ein Hotel, am grossen Kamin in der ehemaligen Küche versammelt man sich zum Frühstück.

Über Karottensuppe und Pollo alla contadina im «Il Palazign», der zum Hotel gehörenden Osteria, klart der Himmel auf. Vorhang auf für eine Vollmondnacht im Onsernonetal, alles passt zusammen. Und ich muss Max Frisch ein bisschen widersprechen, nicht nur im Fahren erfasse ich die Landschaft, sondern intensiver noch im Sitzen. Die Ruhe, der Blick von der Kirchenzinne in die Endlosigkeit dieser grossartig modellierten waldigen Steilhänge, das macht andächtig und glücklich. Nichts weniger. Die Wegweiser verheissen stundenlange Wanderungen, aber mir ist nicht nach Schweiss und Höhendifferenzen. So spaziere ich anderntags auf der Strasse talauswärts, wie einst die Auswanderer. Anders als sie aber bin ich schon beim Verlassen des Tales bereichert, nicht im materiellen Sinn natürlich, sondern im Innern. Und ich bin sicher: Ich werde zu denen gehören, die zurückkehren.

Wie anreisen, wo nächtigen

Die letzte Meile: Locarno–Comologno, Postautolinie 62.324
Der Hoteltipp: Palazzo Gamboni, Comologno (historische Zimmer aus dem 18. Jahrhundert; Saison bis 31. Oktober) Tel. 091 780 60 09 www.palazzogamboni.ch


Beda Hanimann


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