Prinzen, Hexen und Falken auf der Riegersburg

STEIERMARK ⋅ Der Liechtensteiner Prinz Emanuel wohnt in einer Trutzburg, die jährlich 80 000 Touristen anlockt.
31. Dezember 2017, 13:00

Wer von Liechtenstein durch Österreich bis nahe an die ungarische Grenze fährt, könnte glauben, nach einer Tagesreise wieder in Liechtenstein angekommen zu sein. Da steht man vor einer Trutzburg, an deren Felsfuss drei blau-rote Fahnen mit der Fürstenkrone im Wind flattern. Schnell ist klar: Das ist nicht Schloss ­Vaduz, sondern die Riegersburg in der Südoststeiermark. Doch der Burgherr ist zweifelsfrei Liechtensteiner, Prinz Emanuel von und zu Liechtenstein: «Die Burg ist Privatbesitz der Liechtensteiner, das wissen viele Leute nicht.»

Emanuel fühlt sich nicht als Österreicher, er sei «Liechtensteiner im Pass und Steirer im Herzen». Hier, in der gleichnamigen Ortschaft Riegersburg, wurde er geboren, hier ging er zur ­Schule und in Graz hat er studiert.

Manche Leute sagen «Eure Durchlaucht» zu ihm

Emanuel und sein jüngerer Bruder Ulrich entstammen einer Nebenlinie, Fürst Hans Adam II. ist ein Onkel zweiten ­Grades. Der 39-jährige Emanuel hat die Riegersburg 2009 als Geschäftsführer übernommen. Als dem älteren der beiden Söhne von Prinzessin Annemarie und Prinz Friedrich sei ihm diese Position automatisch zugefallen. «Ich habe mich nie dagegen gewehrt, ich fühle mich als Burgherr pudelwohl», versichert er. Von Beruf ist der Burgherr Arzt ohne eigene Praxis. Er springt für Kollegen ein, wann immer es nötig ist. Wie rea­gieren Patienten, wenn sie von einem Prinzen behandelt werden? «Ach, die meisten haben eh keine Ahnung davon.» Auf huldvolle Anrede lege er ohnehin keinen Wert. Manch ältere Leute sprechen ihn mit «Eure Durchlaucht» an, Freunde begrüssen ihn flapsig mit ­«Servus, Durchlaucht».

Die Riegersburg ist seit 1822 im liechtensteinischen Besitz – Fürst Johannes I. ersteigerte sie für 150 000 Gulden. Der Feldmarschall und Held der Fran­zosenkriege kaufte die Burg wegen der Ländereien und schuf damit die Grundlage des Unternehmens Riegersburg – Tourismus, Land- und Forstwirtschaft sowie Weinanbau. Nachfahre Emanuel hat Konzept und Marketing gründlich modernisiert, die Riegersburg ist heute die grösste Touristenattraktion in der südoststeirischen Thermenregion. Über Winter ist sie geschlossen; am 24. März 2018 eröffnet sie aber wieder.

Die Heisswasserquellen haben der früher ärmlich-bäuerlichen Gegend erst in den letzten Jahrzehnten Wohlstand gebracht und zugleich der Burg immer mehr Besucher. Führungen und die Dauerausstellung im Burgmuseum, das Waffenmuseum und die seit 30 Jahren immer wieder aktualisierte Schau über die Geschichte des Hexenkults bieten Zeitreisen in die Vergangenheit. Zum Angebot zählt auch eine Greifvogel­warte. Die imposante, gut erhaltene Wehr­anlage, 1138 erstmals urkundlich erwähnt, thront inmitten einer sanften ­Hügellandschaft auf dem Rest eines erloschenen Vulkans. Als «stärkste Festung der ­Christenheit» pries sie Raimondo ­Montecuccoli (1609–1680), italienischer Feldherr in österreichischen Diensten. Drei Kilometer Wehrmauern, sechs Tore und zwei Wassergräben hielten allen Reiterheerstürmen aus dem Osten stand, auch den osmanischen Eroberern auf ihrem Vormarsch nach Wien. «Die Riegersburg wurde nie eingenommen», erzählt der Burgherr. Damals diente die Burg als Fluchtpunkt vor Schlachten, Hungersnöten und Natur­katastrophen.

Heute wird die Riegersburg von jährlich rund 80 000 Touristen «erobert», und das auf bequeme Art: An der Nordostflanke ist seit 2003 ein Schrägaufzug in Betrieb. Bis dahin führte nur ein steiler Fussweg hinauf. Freilich gab es anfangs Proteste, die Prinz Emanuel im Nach­hinein beschwichtigend «ästhetische Bedenken» nennt. «Aber zur Erhaltung der Burg mussten wir den Lift bauen, um die Besucherzahlen deutlich zu steigern», rechtfertigt er den Eingriff.

Die meisten Besucher kommen aus Österreich und den Grenzregionen Ungarns und Sloweniens. Der Liechtensteiner Burgherr wünscht sich, dass mehr Deutsche und Schweizer kämen, aber für sie sei der südöstlichste Winkel Österreichs wohl zu abgelegen. Da ­müsste sich der Prinz, der auch Obmann des örtlichen Tourismusvereins ist, für sein Liechtenstein im Osten etwas einfallen lassen.

Rudolf Gruber


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