Macau dreht am Glücksrad

ASIEN ⋅ Die chinesische Sonderverwaltungszone erzielt mit Glücksspiel sechsmal mehr Umsatz als Las Vegas. Das beschert Macau Reichtum, aber auch ein Problem.
07. August 2017, 13:42

Die Einheimischen nennen ihn den «Bus des Glücks». Von morgens um 8 bis um Mitternacht dreht er seine Runden, steuert ein Casino nach dem anderen an. Und von denen hat es in Macau nicht ­wenige. Über 38 sind es mittlerweile, die sich in der 30,3 Quadratkilometer grossen chinesischen Sonderverwaltungs­zone niedergelassen haben. Aus gutem Grund: Macau ist der einzige Ort in China, wo das Glücksspiel erlaubt ist.

Das hängt mit der Geschichte der ehemaligen portugiesischen Kolonie ­zusammen. Bereits im 16. Jahrhundert gab es am Hafen erste Spielstätten – vor allem für chinesische Bauleute. Im ­ 19. Jahrhundert war es dann das 65 Kilometer weiter entfernte Hongkong, das Macau zwang, alles auf die Karte Glücksspiel zu setzen: Der Hafen in Hongkong wurde immer grösser und immer profitabler, während Macau als Handelsplatz das Nachsehen hatte. Deshalb hat die Stadt das Spiel ums Geld legalisiert. Daran änderte sich auch nichts, als Macau 1999 an China überging. Seit 2002 sind selbst ausländische Casino-Betreiber ­zugelassen.

Macau verdankt seinen Wohlstand vornehmlich dem Glücksspiel. Heute erzielt es sechs Mal mehr Umsatz als Las Vegas. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) beläuft sich der Beitrag der Casinobranche an der Wirtschaftsleistung der Stadt auf fast 90 Prozent. Die Casinos mit ihren Hotels werden immer gigantischer – die Umsätze, welche die Betreiber damit erzielen, auch. Das «Sands Macau» mit seiner goldenen Fassade soll innerhalb eines Jahres die Baukosten wieder hereingespielt haben. Als drei Jahre später im August 2007 das «Venetian Macao» aufging, zählte es fünf Monate später bereits 10 Millionen Gäste.

Venedig samt Gondoliere – Paris samt Eiffelturm

Das «Venetian» ist nach Nutzfläche das sechstgrösste Gebäude der Welt. Über dem Casino verteilen sich auf 39 Stockwerken 3000 Suiten. Um die Shopping-Mall abzulaufen, benötigt man mindestens 45 Minuten, und dann hat man noch bei keinem der 700 Läden einen Halt eingelegt. Und das «Venetian» hält, was es verspricht: Durch das Gebäude zieht sich ein venezianischer Kanal – singende Gondoliere inklusive. Doch die Konkurrenz ist gross. Im vergangenen Jahr nahm gleich unmittelbar neben dem «Venetian» eine weitere Huldigung an Europa seinen Betrieb auf: das «Parisian». Es bietet nochmals mehr Pomp und einen Eiffelturm im Massstab 1:2.

«Ohne Macau hätte China ein Problem», sagt unser Reiseführer Manuel Ferreira, der wie die meisten hier einen portugiesischen Namen trägt, aber Portugiesisch weder spricht noch versteht. auch wenn es noch immer die offizielle Amtssprache in Macau ist. Ferreira zielt mit seiner Aussage nicht auf die finanziellen Aspekte, sondern den ausgeprägten Spielbetrieb der Chinesen. In den Casinos sieht man denn fast nur sie, nicht aber Einheimische. Diese führt fast ausschliesslich ihre Arbeit in die Glücksspieltempel. Denn ein Gesetz besagt, dass als Croupiers ausschliesslich Einheimische tätig sein dürfen – nicht umsonst liegt die Arbeitslosenquote in der Stadt am Mündungsdelta des Perlflusses bei lediglich 1,8 Prozent. Die vielen Casinos haben aber auch einen positiven Einfluss auf die Zimmerpreise. Diese fallen mit durchschnittlich 204 Franken äusserst moderat aus, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass in Macau praktisch alle Hotels im höheren Segment angesiedelt sind. Es gibt nur ein einziges Hotel ohne Casino: das «Mandarin Oriental». Man habe sich ganz bewusst dafürentschieden, meint eine Sprecherin. «Wir wollen unseren Gästen eine familiäre Atmosphäre bieten.»

Dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, musste in den vergangenen gut eineinhalb Jahren allerdings auch Macau lernen. Die Umsätze in den Casinos ­gingen empfindlich zurück: 2015 um 34,56 Prozent, im vergangenen Jahr um 10,22 Prozent. Erst im August 2016 hat das Wachstum langsam wieder eingesetzt. Grund dafür ist vor allem der ­geringer ausfallende Zustrom an chinesischen Gästen; in Macau sind neun von zehn Touristen Chinesen. Die verschärften Bestimmungen im Kampf gegen Korruption sowie die Einschränkungen beim Kapitalabfluss liessen manchen vorderhand auf den Macau-Besuch verzichten.

Die Party ist deswegen aber noch lange nicht vorbei, ist Jonas Schürmann überzeugt. Der Schweizer wird Ende Jahr als Managing Director das «Grand Lisboa Palace» eröffnen, zu dem unter anderem das erste Hotel von Stardesigner Karl Lagerfeld gehört. «Chinesen können sehr gut mit solchen Situationen umgehen», wendet er ein. «Hier ist nicht das nächste Quartalsergebnis entscheidend, sondern wie sich ein Projekt auf lange Sicht, auf fünf, zehn Jahre entwickelt», erklärt er. Aus diesem Grund stand denn das von Schürmann betreute Projekt nie auf dem Prüfstand – und beim «Grand Lisboa Palace» geht es ­ um Investitionen von nicht weniger als 4 Milliarden Dollar.

Die Suche nach einem zweiten Standbein

Es fehlt jedoch nicht an mahnenden Worten seitens der Stadtverwaltung. «Macau hat sich zu sehr auf das Glücksspiel konzentriert. Jetzt bietet sich die Chance, uns Gedanken über eine Diversifizierung zu machen», sagte Paulo Chan, der Direktor des Glücksspielinspektorates, in einem Onlinevideo. Macau verfüge über die besten Hotels, die bestens Casinos, garantiere faire Wettbewerbe – aber die Bewohner der Stadt könnten sich nicht nur auf das abstützen. «Das wäre sehr gefährlich», warnt er. Die Glücksspielindustrie werde zwar auch künftig eine wichtige Rolle spielen, aber Macau müsse noch andere Standbeine aufbauen. «Wir müssen hart daran arbeiten, dass wir unseren Wohlstand verteidigen können», betont Chan. Eines dieser Standbeine soll der Tourismus sein – jener, der nicht in direktem Zusammenhang mit den Casinos steht.

Macau hat durchaus einiges zu bieten. Das Klima ist angenehm und die Stadt weist noch immer zahlreiche tolle Bauten aus der portugiesischen Kolonialzeit auf, das Essen ist entsprechend vielseitig. 2005 erklärte die Unesco die Altstadt mit ihren Plätzen und historischen Gebäuden samt der Ruine von São Paulo zum Weltkulturerbe. Daneben gibt es zahlreiche Tempel, Parks sowie die Inseln Tampa sowie Coloane zu entdecken, und Hongkong ist für einen Tagesausflug mit der Fähre schnell erreichbar. Dank einer neuen Autobahnbrücke wird die Reise noch kürzer. Ein erster Schritt wurde bereits getan: Seit einiger Zeit ist Macau Austragungsort von Auto- und Motorradrennen. Ob dies genügt? «Macau wird touristisch unterschätzt. Die Atmosphäre hier ist viel in entspannter als beispielsweise in Hongkong», sagt Jonas Schürmann und fügt mit einem Lächeln hinzu: «Überzeugen Sie sich selbst.»
 

Dominik Buholzer
 

Die Reise wurde unterstützt von Tourasia und Cathay Pacific.


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