Sommer in der Piazza-Stadt

ZOFINGEN ⋅ Zofingen liegt an der Nord-Süd-Achse Basel–Chiasso. Doch von Osten her gibt es eine Anreisealternative, ein Bummelzüglein, das von Lenzburg über Suhr haarscharf an Aarau vorbeizieht und direkt Zofingen anpeilt.
11. Juni 2017, 04:38

Die Linie ist ein Überbleibsel aus den wilden Anfängen des Eisenbahnzeitalters, als lauter einzelne Bahnunternehmen ihre Extrazüge fuhren. Die Schweizerische Nationalbahn baute 1877 die Linie Zofingen–Lenzburg als Teilstrecke einer Verbindung von Vevey nach Singen, es war eine Antwort auf die Linienführung der Schweizerischen Centralbahn, die 25 Jahre zuvor mit der Verbindung Zürich–Bern nicht Zofingen, sondern Olten zum Bahnknoten gemacht hatte. Grundidee der Nationalbahn war es, möglichst viele abgeschnittene Täler anzuschneiden und möglichst viele beleidigte Städte anzufahren, wie der Aargauer Schriftsteller Hermann Burger in seinem Roman «Schilten» wunderbar süffisant schreibt. Dieser Burger ist immer eine schöne Einstimmung auf eine Reise in den Aargau.

Die Sache ging dann nicht auf, schon 1878 machte die Nationalbahn pleite, und die Stadt Zofingen als grösste Aktionärin litt jahrzehntelang unter den Folgen des Fiaskos, erst gegen Ende des Zweiten Weltkriegs konnte die letzte Obligation abbezahlt werden. Am Ende aber ist es nur ein Kapitel in einer unglaublich langen Stadtgeschichte. Schon die Kelten waren da, die Helvetier, die Römer, die Alemannen. Dann die Berner, die der Stadt aber ungewöhnlich viele Freiheiten liessen. 1798 wurde Zofingen gegen den Willen der Stadtregierung aargauisch, man wehrte sich ein bisschen, doch 1803 machte Napoleon alles klar und endgültig: Zofingen kam zum Kanton Aargau.

Die Geschichte ist allgegenwärtig, was ist das für eine urban-historische Potenz! Die Altstadt ist in Ausdehnung und Anlage weitgehend erhalten, das ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass aus den Bahnknoten-Träumen nichts wurde und die Stadt mit 12000 Einwohnern überschaubar geblieben ist. Was mich vom ersten Schritt an einnimmt: Diese Stadtanlage ist von unglaublicher Grosszügigkeit. Oft begrenzen ja Talengen oder Flussschlaufen die Fläche mittelalterlicher Städtchen, oder die Häuser sind eng aneinandergedrängt, als wären die Bodenpreise schon immer horrend gewesen. Nicht so in Zofingen. Was für eine Weite, wie viel Raum zum Atmen! Und was für Plätze! Zofingen ist eine einzige Ansammlung grandioser Plätze, die nicht voll gestellt oder übermöbliert sind. Reich geschmückte Brunnen. Autos, das ja, aber mit Mass. Und eine Dichte von Strassenrestaurants, die ihresgleichen sucht. An manchen Häusern fällt mir ein Schild mit der Aufschrift «Piazza» auf. Zofingen als Piazza-Stadt, das passt – auch wenn die Tafeln etwas anderes meinen. «Piazza» ist die Abkürzung für «Pro innovative Aktivitäten zur Zofinger Altstadt». Der langen Rede kurzer Sinn: Ich bin höchst angetan, lasse den Abend mit einem Merlot aus dem Misox ausklingen, vor mir die Weite des Niklaus-Thut-Platzes.

Der Wegweisermast beim Bahnhof listet Ortsnamen auf, die mir nichts sagen. Ich entscheide mich für Grossdietwil, grobe Richtung Süden, hinein in sanftes Hügelland. Endlose Waldwege, wofür ich an diesem heissen Tag dankbar bin. Und ich möchte wieder einmal betonen: Es mache sich kein Gipfelstürmer über das Wandern im sogenannten Unterland lustig, es gibt da ein paar giftige Steigungen. Nach dem Mittagshalt in Pfaffnau – mittlerweile bin ich im Luzernischen – bestimme ich Altbüron zum Wanderziel. Vor dem Abstieg ins Dorf liege ich zwanzig Minuten im Gras, im Schatten eines Baumes, vor mir die emmentalisch-hügelige Landschaft mit prächtigem Blick hinüber zum Jura. Zum Träumen schön.
  

Wie anreisen, wo nächtigen

  • Die letzte Meile: Interregio von Olten oder Luzern – oder als hübsche Alternative mit der S28 von Lenzburg über Suhr und Safenwil nach Zofingen
  • Der Hoteltipp: Hotel Zofingen, Kirchplatz 30, Tel. 062 745 03 00                                     www.hotel-zofingen.ch



Beda Hanimann


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