Steile Küsten, tiefblaues Meer

ITALIEN ⋅ Es müssen nicht die Cinque Terre sein – die ligurische Küste hat auch sonst viel zu bieten, sogar im Winter.
27. August 2017, 05:02

Schon am frühen Morgen treibt uns der steile Aufstieg den Schweiss aus allen Poren. Vorbei an Villen aus dem 19. Jahrhundert, Palmen, Zypressen, Kiefern und Blumen windet sich die schmale Strasse den Hügel hinauf. Tief unten leuchtet tiefblau das Ligurische Meer hinauf. Nach den letzten Häusern des Dorfes geht es durch Olivenhaine, Wald und zwischendurch auch kleine Weinberge weiter. Weit schweift der Blick vom höchsten Punkt über die steile und spektakuläre Felsenküste. In der Ferne klebt ein buntes Dorf am Felsen. Der Aufstieg hat sich gelohnt. Doch die Freude, es nun geschafft zu haben, währt nur kurz. Immer wieder geht der herrliche Küstenweg, der sich einen Grossteil der ligurischen Küste entlangzieht bis in die berühmten Cinque Terre, hinauf und hinunter. Etwas Kondition, Ausdauer und Vorsicht sind schon gefragt. Der Weg ist manchmal nur schwer zu erkennen und bisweilen eher ein kleiner Pfad. Verlaufen kann man sich jedoch kaum. Denn die Ausschilderung ist sehr gut.

Der Küstenabschnitt zwischen Genua und La Spezia gehört sicherlich zu den spektakulärsten am Mittelmeer, vor allem bei Portofino, Santa Margherita und Rapallo und später ab Sestri Levante. Da speziell diese fünf Dörfer aber meist hoffnungslos überlaufen sind, bietet es sich an, auszuweichen. Um die Nachbarorte Moneglia, Framura oder Bonassola sowie die belebteren Orte Lévanto und Sestri Levante ist es kaum weniger schön, dafür aber, ausser im Juli und August, deutlich ruhiger. Wie an einer Perlenkette sind die Dörfer über den Küstenwanderweg verbunden. Zwischendurch locken kleine Hinweisschilder zum Abstieg an einen einsamen Strand. Die meisten Orte liegen an mehr oder weniger tief eingeschnittenen Buchten mit Sand- oder Kieselstränden, die zum Bad einladen. Die Wanderungen lassen sich fast jederzeit beenden. Denn jeder Küstenort hat einen Bahnanschluss. Der Zug verkehrt relativ eng an der Küste entlang und bringt den Wanderer schnell und für nur wenige Euro zurück zum Ausgangspunkt.

Mittags genügt den meisten Wanderern ein Sandwich. Doch abends knurrt der Magen dann schon. Glücklicherweise lockt das zwischen Bergen und Meer eingezwängte Ligurien mit Fisch in allen Variationen. Kaninchen, Gnocchi mit Pesto aus Pinienkernen und dem hier besonders schmackhaften Basilikum, Ravioli und vieles mehr gehören zur Speisekarte. Die Weine der Region sind eher einfach, aber gut. Der den Steilhängen mühsam abgerungene Süsswein Sciaccetrà eignet sich zum Dessert und ist nicht günstig, aber probieren lohnt sich. Anders etwa als die Küstenorte der Adria sind die kleinen Orte auch ausserhalb der Saison ab September belebt – auch wenn es merklich ruhiger zugeht. Selbst im Winter kommen Gäste. Einige Hotels und Unterkünfte haben fast das ganze Jahr über auf. Die Tage sind dann oft sonnig und klar, sodass man sich häufig selbst in der kalten Jahreszeit zur Mittagszeit an den Strand setzen kann. Auch dann ist die Vegetation üppig. Irgendetwas blüht immer und beim Wandern ist es nicht gar so heiss. Zwischen Levantò, Bonassola und Framura hat man die ehemaligen Tunnels der etwas von der Küste ins Landesinnere verlegten Bahn für Fussgänger und Radfahrer reserviert, sodass man auch mühelos in die Nachbarorte kommt. Veloverleihstationen gibt es fast überall.

Genua: Liebe auf den zweiten Blick

Sollte das Wetter einmal nicht so schön sein, locken Ausflüge in die Hafenstadt La Spezia mit ihrer Bucht, an deren Ende das herrliche Portovenere quasi das natürliche Ende der Cinque Terre darstellt, auch wenn es offiziell nicht dazu gehört. Der Romantiker Lord Byron hat hier einst für Furore gesorgt, weil er die Bucht durchschwamm. Noch interessanter ist ein Ausflug nach Genua. Die Stadt ist nicht auf den ersten Blick schön, so wie andere Hafenstädte. Doch sie hat viel zu bieten, wunderbare Märkte, Museen und Gärten, mit dem Staglieno einen der schönsten Friedhöfe Europas, aber auch Fischerdörfer wie Boccadasse oder den ehemaligen Winterkurort Nervi, den schon Nietzsche schätzte. In der schmalen Via Balbi reihen sich spektakuläre Paläste aneinander. In der breiten Einkaufsstraße Via XX Settembre locken Boutiquen und ein Lebensmittelmarkt. Am Ende des Prachtboulevards steht das von dem berühmten Architekten Renzo Piano, einem Sohn Genuas, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs erst spät wieder aufgebaute Opernhaus. Auch sonst ist in Genua in den letzten 20 Jahren einiges geschehen. Seit der Hafen in den Westen der Stadt verlegt wurde, ist hier ein Vergnügungszentrum mit vielen Cafés und einem Meeresaquarium entstanden. Doch nach dem Trubel der Stadt ist man abends froh, wieder in den Zug nach Moneglia, Levantò oder Bonassola zu steigen.

 

Gerhard Bläske


1 Leserkommentar

Anzeige: