Val Müstair – weit weg von Rummel und Nebel

ENGADIN ⋅ Tagsüber Schneeschuhwandern, nachts unendlich weit ins ­Sternenmeer blicken – das Val Müstair bietet viele genüssliche Ferienerlebnisse.
03. Dezember 2017, 09:04

«Nebel?» Auch wenn das Rätoromanische im Val Müstair von den rund 1500 Einwohnern gepflegt wird, muss Lucia ­Ruinatscha von der Gäste-Information Val Müstair einen Moment studieren. Sie braucht das Wort selten, weil es hier «la Tschiera» kaum gibt. Während die Unterländer unter der Nebeldecke litten, hatte das Tal im Dezember und Januar nur Sonne, blauer Himmel, keine Wolken. Dafür ist die Schneedecke Ende Januar dünn. Es reicht dennoch für eine ge­nüssliche Schneeschuhtour entlang des «Senda da l’uors», dem Bärenpfad. Beginnend bei Fuldera ist er bestens mit pinkfarbigen Pfählen und einem aufrechten Metallbären gekennzeichnet. Der knapp 10 Kilometer lange Weg bis Santa Maria eignet sich auch für An­fänger, ohne Angst vor Lawinen oder grossem Gefälle.

In kurzer Zeit tauchen wir ein in die Natur. Vor uns die Weite des Tales, eingerahmt von Schneebergen, die bis knapp 3000 Meter hoch sind. Wir sind alleine. Der harte Schnee knirscht unter den Schneeschuhen, der Rombach plätschert dahin, blauer Himmel – sonst nichts. Die flachen, grossen Eiskristallplättchen glitzern im Sonnenlicht. Am Ufer des Baches liegen Eisplatten, deren Ränder sich entlang der kleinen Wasserfälle runden. Beim Langlaufzentrum in Furom wechselt der Pfad die Talseite und führt entlang des Waldrandes und durch lichten Wald. «Oh Schreck, der Weg führt über einen in Eis erstarrten Bach». Meine Angst ist umsonst, die Krallen der Schneeschuhe tragen mich ohne Rutschen ans andere Ufer. Schaibiettas, Feigenbrot, ein Stück «Tuorta da nusch» oder eine der vielen süssen Köstlichkeiten bei Meier-Beck in Santa Maria haben wir uns nach rund 4? Stunden redlich verdient. Hafer, Roggen, Honig und die Milchprodukte, die die Bäckerei verarbeitet, stammen von Bauern im Tal. Rund 30 sind es, viele produzieren nach biologischen Richtlinien. Später stärken uns Pizzokels, fingerdicke Nudeln aus Buchweizen an einer Rahm-Schinken-Sauce, für die sternenklare, kalte Nacht.

Minimale Lichtverschmutzung: Eine Rarität in Europa

«Lü» heisst Licht. Und gerade das fehlt nachts im gleichnamigen Dorf auf knapp 2000 Meter, oberhalb von Fuldera. «Es gibt kaum mehr schwarzen Himmel. Lü ist eine Rarität in Europa, es gibt hier minimale Licht- und Luftverschmutzung», schwärmen die ehemaligen Hirnforscher Vaclav und Jitka Ourednik, die hier oben das Alpine Astrovillage Lü-Stailas aufgebaut haben. «Offene Sternhaufen» oder «Pferdekopfnebel» sind für mich ab­strakt, die Fotos, die Vaclav Ourednik davon im Vortrag zeigt, erstaunlich. Doch draussen in der Nacht zu stehen und den Sternenhimmel zu beobachten, packt. Nach gut 20 Minuten sind die Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Einmalig bleibt der Blick durch das riesige Teleskop, das Vaclav Ourednik Richtung «Schwert des Orions» richtet. Am unteren Ende dieser Sternformation liegt der «Grosse Orionnebel». Die Nebelschwaden umschliessen wie zwei lange, dünne Flügel im Zentrum vier Sterne. Dieses «Sterntrapez» funkelt. Und wir staunen über das Universum.

Lichte Wälder und Pulverschnee bei Buffalora

Nach der klaren Nacht fällt am nächsten Tag fast ununterbrochen Schnee. Isidor Sepp, Biobauer und Schneeschuhtourenleiter für die Gästeinformation Val Müstair, strahlt: «Es ist mystisch, bei diesem Wetter durch die verträumte Landschaft von Buffalora nach Jufplaun zu gehen.» Und tatsächlich ist es traumhaft: Von der Ofenpassstrasse gehen wir in südlicher Richtung durch offenes Gelände und durch kurze Waldabschnitte zur Alp ­Buffalora. Die Umgebung erscheint in dunkelgrau-weissen Farbtönen. Die ­Gipfel des Piz Daint (2968 m) und Munt Buffalora (2627 m) sind in den Wolken versteckt, die Flanken werden von den Wolken umspielt. Dann und wann bricht die Sonne durch; fast so, wie eine Astrofotografie von Vaclav Ourednik.

Ab Buffalora gibt es keine Markierungen Richtung Jufplaun. Isidor Sepp spurt uns seinen Weg. Die Lawinengefahr entlang des Osthangs des Munt Buffalora ist heute kein Thema. Tief und weich sinken die Schneeschuhe ein. Schritt für Schritt. Kein Ton. Die Schneekristalle sind klein und fein. Einzelne Bäume sind durch Wind und Wetter geformt – Kunstwerke der Natur und bis zu 500 Jahre alt. Auf einem Wipfel sitzt ein Tannenhäher. Das Bartgeierpaar, das im Nationalpark brütet oder anderes Wild sehen wir heute nicht, auch keine anderen Schneeschuhläufer – die weite Hochebene von Jufplaun gehört uns alleine.

Noch ein satter Anstieg, bevor wir beim Grenzhaus «Chasa da Cunfin» auf 2289 Meter, geschützt vor dem Wind, nach gut 2? Stunden Mittagsrast machen. Auf der gegenüberliegenden Talseite führt der Weg über ein Moorgebiet und lichte Föhrenwälder zurück. Der leichte Pulverschnee stiebt, als Isidor Sepp einzelne kurze, steilere Passagen hinunter «springt», aber nicht, bevor er den Anfängern Tipps gibt: «Achtet darauf, dass der Schwerpunkt der Knie über den Krallen der Schneeschuhe bleiben. So können die Krallen erst richtig greifen.» Und wenn doch einmal jemand bei dieser als WT1 (=Leichte Schneeschuhwanderung) eingestuften Tour fällt, passiert nichts. Zu weich und sanft ist der Neuschnee. Ein kurzes Abschütteln der Flocken und weiter geht es.

Schneepolster hängen in den Föhren- und Arvennadeln. Ein Baumstamm wölbt sich ein paar Meter über unseren Weg wie eine Brücke. «Hört ihr den Bach ­plätschern?», fragt Isidor Sepp. Tatsächlich hören wir das Wasser, der Bach aber liegt unter der Schneedecke. Nach gut fünf Stunden sind wir zurück am Ausgangspunkt.

Die Wangen sind vom Wind und Wetter leicht gerötet, die Gesichter strahlen: Traumhaft, durch eine solche verträumte, verschneite und einsame Landschaft zu gehen. Dieses Erlebnis wird uns im Unterland wieder über ­manche Nebeltage hinweghelfen.

 

Monika Neidhart


Leserkommentare

Anzeige: