Von Schloss zu Schloss zu Schloss

BADEN-WÜRTTEMBERG ⋅ Der deutsche Adel hat zwar keine Privilegien mehr, aber viel von seiner gesellschaftlichen Ausstrahlung behalten. Das zeigt der Besuch in drei Schlössern in der Region Hohenlohe. Sie sind auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Man kann dort Festspiele besuchen, Hochzeiten feiern, Museen durchstreifen – und rundherum viel schöne Landschaft geniessen.
25. Juni 2017, 17:19

Marlies Strech


Wir sitzen im Rittersaal von Schloss Hohenlohe-Neuenstein. Links und rechts an den Edelholzwänden hängen kostbare Gemälde zwischen imposanten Hirschgeweihen. Auf der bemalten Kassettendecke entdeckt man Pferde- und Familienszenen. Auf dem frontalen Balkon schwingen dreidimensionale Schwäne ihre Flügel. Gleich wird mit einem Konzert der 31. Hohenloher Kultursommer eröffnet, der bis Oktober 2017 dauert und 170 Veranstaltungen in der Region Hohenlohe in Baden-Württemberg umfasst. Auf dem Podest spielt die Kammerphilharmonie St. Petersburg mit Leidenschaft, sehr festlich, sehr farbig, ein bisschen zu laut. Beim Es-Dur-Klavierkonzert KV 271 von Mozart greift der chinesische Pianist Haiou Zhang, schmal und ernst, wuchtig in die Tasten. Bei der Dreingabe einer Piano-Solo-Variation zu Mendelssohns Hochzeitsmarsch aus dem «Sommernachtstraum» setzt Zhang noch einen drauf. Fast fürchtet man, die Wände stürzten ein. 

Anschliessend festlicher Empfang im Gemeindehaus von Neuenstein – eigentlich für den Schlosshof geplant, aber das Wetter spielt Vabanque. Das Publikum, so erfahren wir, stammt zu knapp 40 Prozent aus der Region, weitere 60 Prozent sind von weiter her angereist. Unter den Feiernden viele adelige Namen und ebenso viel Geldadel. Schirmherren der Festspiele sind Kraft Fürst zu Hohenlohe-Oehringen und der Grossindustrielle Reinhold Würth, beide über 80 Jahre alt.

Verlorener Schuh der Kaiserin

Fürst Kraft von Hohenlohe-Oehringen ist ein leutseliger Mann, der das Interview mit unserer kleinen Mediengruppe zum Vergnügen macht. Wo steht das Geschlecht der Hohenlohe heute? Wie finanziert der Fürst sein Schloss? Das zugehörige Museum stellt Immobilien und Intarsien von sieben ausgedienten Hohenlohe-Schlössern aus. Dazu Bilder- und Waffensammlungen, ferner einen Hut des schwedischen Königs Gustav II. Adolf  und einen Schuh der russischen Kaiserin Katharina der Grossen. Wo ist der zweite Schuh, hat er mit dem Aschenbrödel-Märchen zu tun? Natürlich nicht, Katharina war keine verschupfte Märchenheldin. Der Schuh, zum Tanzen geeignet, beweist aber, dass die Hohenlohes im 18. Jahrhundert Kontakt zur russischen Kaiserin hatten.

Der Fürst beantwortet unsere Fragen mit Engagement und heiterer Ironie. Das Geschlecht der Hohenlohe – nicht zu verwechseln mit den Hohenzollern – reicht bis in 12. Jahrhundert zurück. Es wurzelt hier, in dieser hügeligen Region zwischen den Flüssen Kocher, Jagst und Tauber. Im Mittelalter besassen die Hohenloher viel Land und Forst; später kamen Besitztümer in Schlesien dazu. Nach dem 1. Weltkrieg büsste der ganze deutsche Adel seine Privilegien ein, behielt aber teilweise seinen hohen gesellschaftlichen Status. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Schlesien samt den Hohenlohe-Besitztümern – Land, Schlösser, Bergbau – durch die Oststaaten enteignet und teilweise zugrunde gerichtet. Einiges ging nach 1990 an die ursprünglichen Besitzer zurück. 

Woher kommt das Geld fürs Familienschloss?

Fürst Kraft von Hohenlohe-Oehringen, geboren 1933, kam noch im alten Schlesien zur Welt. 1944/45 folgte die Flucht nach Westen. Bis heute wurde und wird das Familienschloss in Neuenstein renoviert. Woher kommt das Geld dazu? Gewiss nicht von den Eintritten ins Museum – dieses ist defizitär. Aber die Stammfamilie bewirtschaftet weiterhin viele Hektar Land in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt sowie einen Musterhof in Mecklenburg-Vorpommern. 2007 gründete der Fürst zusammen mit seinem Sohn, Erbprinz Kraft,  ein grosses Weingut mit Schlosskellerei. Und schliesslich besitzt die Familie Anteile an der Hohenloher Kunststofftechnik und weiteren Industrien.

Kofi Annan und Prinz Charles waren schon da

Wir fahren durch Feld, Wald und Weinberge von Neuenstein nach Langenburg – eine verwunschene Landschaft, der man nicht mehr ansieht, dass sie vor einem Jahr von schweren Überschwemmungen heimgesucht wurde. Dann taucht die Silhouette von Schloss Hohenlohe-Langenburg auf. An dessen Eingangspforte empfängt uns der 1970 geborene Stammherr, Fürst Philipp. Ein brauner Labrador liegt zu seinen Füssen, eine kleine Prinzessin tänzelt herum. Doch der Fürst, Schlossherr seit 2004, ist nicht besonders guter Laune. 

Viele Quadratmeter teils verwitterte Schlossmauern haben Renovationsbedarf. Mauer-Mühsal! Zusammen mit dem Innenausbau verschlingt das jährlich 200 000 Euro und mehr. Dazu legt die Denkmalpflege dem Schlossherrn ständig Steine in den Weg. 

Muss man Fürst Philipp bedauern? Das denn doch nicht. Allmählich hellt sich seine Laune auf. Zwar bringen auch hier die Schlossführungen wenig ein. Gut läuft es dagegen mit dem Langenburger Automuseum, dem berühmtesten seiner Art in ganz Deutschland. Politisch ist der Fürst «natürlich CDU», aber von seinen Tätigkeiten her könnte er ein Grüner sein. Der Waldgrossbesitzer hat einen Kletterpark eingerichtet, hält alljährlich gut besuchte «Fürstliche Gartentage» ab, investiert in die Windenergie – Letzteres nicht nur zur Freude seiner Umgebung. 
Im weiträumigen Schloss organisiert man Hochzeiten und andere Festivitäten. Oder Kongresse mit internationaler Prominenz – kürzlich war Kofi Annan hier. Zusammen mit Prinz Charles hat der Fürst eine Tagung zur Vermarktung nachhaltig erzeugter Produkte durchgeführt. 
Nicht nur zu Charles, sondern auch zu den übrigen Royals pflegt der Fürst gute Beziehungen. Verwandtschaftliche! Seine Grossmutter war die Schwester von Prinz Philip, dem Gemahl von Queen «Lilibeth». Der kam schon mehrmals hierher. Umgekehrt wird das Hohenloher Fürstenpaar auch nach England eingeladen, zu Pferderennen, zur Jagd, auch zur Hochzeit von Prinz William mit Kate Middleton. 

Wir fahren in die abendliche Dämmerung. Der Westhimmel leuchtet blau-rot-golden. Die Landschaft wirkt überaus friedlich, der Wald «steht schwarz und schweiget». Attraktiv, hier im Hohenlohekreis Ferien zu machen, Natur und Kultur zu geniessen, ein wenig Sport zu betreiben und Tafelfreuden zu frönen. Nachteil: Für Jugendliche oder Familien mit Kindern läuft vielleicht zu wenig.

Schloss aus dem Dornröschenschlaf geholt

Bunt und lebhaft geht es dafür auf Schloss Weikersheim zu, nicht mehr im Hohenlohe-, sondern im angrenzenden Main-Tauber-Kreis gelegen. Schlossverwalterin Monika Menth, munter und engagiert, holt zu einem geschichtlichen Überblick aus. In Stichworten: Weikersheim, ältester Hohenlohe-Sitz, im 12 . Jahrhundert als Wasserschloss in der Tauber gegründet. Im 16./17. Jahrhundert von Graf Wolfgang II. umgewandelt in ein repräsentatives Schloss im Renaissancestil. Plünderungen während des Dreissigjährigen Kriegs. Im 18. Jahrhundert erweiterte Graf Carl Ludwig die Schlossanlage fast bis zur heutigen Form. Nachdem der Graf 1756 ohne Nachkommen gestorben war, verzettelte sich das Erbe. Weikersheim fiel in einen Dornröschenschlaf, erlebte erst nach dem 2. Weltkrieg einen neuen Aufschwung und wurde vom Land Baden-Württemberg 1967 übernommen. 

Heute sieht Weikersheim piekfein aus und ist ein fantastischer Publikumserfolg. Leute aus ganz Deutschland, sogar Gruppen aus Übersee rücken an. Im Schloss finden Ausstellungen und Führungen statt, Kinder dürfen sich verkleiden und einmal Prinz und Prinzessin sein. Ein Lustgarten à la Klein-Versailles bezaubert mit Orangerie, Springbrunnen, Steinstatuen, darunter eine Zwergengalerie. 

Der Mörder und sein Elefant

Eine Dame in Barockkleidung gesellt sich zu uns, heftig mit dem Fächer wippend. Sie stellt sich als Christiana Frederica von Ilten vor, 30 Jahre lang Hofdame der zweiten Gemahlin des Grafen Carl Ludwig, deren Kinder vor dem Tod der Eltern starben – darum keine direkten Erben, siehe oben. Sie lächelt uns freundlich an, führt uns an intimen Schlafzimmern vorbei, zeigt uns stolz den barocken Rittersaal. Dessen Wände sind mit Tierplastiken geschmückt. Darunter ein dunkler Elefant, dessen Stosszähne komischerweise direkt aus dem Maul herauswachsen. Offenbar fehlte die direkte Anschauung. Kein Wunder, war der Bildhauer doch ein Häftling – ein Mörder, der nicht gehängt, sondern zugunsten der Kunst begnadigt wurde. 

Das kluge und etwas schnippische Hoffräulein Christiana Frederica von Ilten verabschiedet sich später von uns, nun in Zivil. Die vorher unter der Haube versteckten Haare sind rot. Jutta Gromes war früher Finanzbeamtin, hat Mann und drei Kinder, macht seit 13 Jahren Schlossführungen. Der Rollentausch verwirrt sie manchmal: «Dann weiss ich selbst nicht mehr, wer ich eigentlich bin.»
Wir selber wissen noch, wer wir sind:  eine kleine Gruppe aus Deutschland und der Schweiz, die keine adeligen Privilegien besitzt und auch nicht vermisst. Aber mit Genuss einmal in die drei Hohenlohe-Schlösser Neuenstein, Langenburg und Weikersheim hineinschaute.
 

Schlosshotels im Veloparadies

Zu den vielen Schlössern des Hohenlohekreises gehört das prächtige Schloss Stetten. Die Frau von Wolfgang Freiherr von Stetten, Silvia, stammt aus Winterthur. Tochter Franziska führt zusammen mit ihrem Vater vornehme, aber gar nicht so teure Altersresidenzen und Pflegestationen rund um die Burg. www.schloss-stetten.de

Wo Schlösser sind, gibt es auch Schlosshotels. Am luxuriösesten das Wald- & Schlosshotel Friedrichsruhe. Einfacher, aber auch schön und viel günstiger ist das Schlosshotel Ingelfingen.
www.schlosshotel-friedrichsruhe.de
www.schloss-hotel-ingelfingen.de

Hohenlohe ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht versorgt. Wohl aber ein Veloparadies, z. B. auf dem Kocher-Jagst-Radweg. www.kocher-jagst-weg.de. 
Infos über Rad- und Wanderwege, Schlossbesuche, Festspiele, Ortsführungen, Unterkünfte usw. im Hohenlohe-Gebiet, auch Vermittlung von Broschüren und Karten: Touristikgemeinschaft Hohenlohe, Telefon +49 7940 18206, 
www.hohenlohe.de

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der Tourismus Marketing Baden-Württemberg und die Touristikgemeinschaft Hohenlohe eingeladen hatten.


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