KaZa-Nationalpark: Wildnis ohne Grenzen

REISEN ⋅ Er ist das grösste Schutzgebiet der Welt und erstreckt sich über die Grenzen von fünf Ländern. Wildhüter kämpfen für Afrikas bedrohte Tierwelt in dieser fantastischen Landschaft. Vom Schutz profitieren auch die Bauern. Denn ohne Tiere würden auch keine Touristen mehr in die Reservate kommen.
03. Dezember 2017, 09:06

 

Win Schumacher

Das Propellerflugzeug setzt gerade zur Landung an, als der Buschpilot plötzlich die Maschine noch einmal laut ratternd nach oben steigen lässt. Eine Gruppe Antilopen hat sich auf dem Flugstreifen breit gemacht und Matteo Salgarolo ist gezwungen, noch eine Runde zu drehen. Der italienische Pilot bleibt gelassen. Für ihn ist das Alltag. «Manchmal überqueren auch Elefanten oder Flusspferde die Landebahn», erzählt er, «dann muss ich es eben einfach noch einmal probieren.» Im grössten Schutzgebiet Afrikas hat im Zweifel immer die Tierwelt Vorrang.

Seit mehr als drei Jahren überfliegt Salgarolo das grösste länderübergreifende Schutzgebiet der Erde, die Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area. Die meisten Einheimischen nennen das Gebiet einfach KaZa. Erst vor fünf Jahren wurde das KaZa-Schutzgebiet eröffnet. Es vereint mehr als 30 Nationalparks und Reservate in Angola, ­Namibia, Botswana, Sambia und Simbabwe. Auf einer Fläche grösser als Deutschland leben Hunderte bedrohte Tierarten, darunter etwa die Hälfte aller Elefanten und die letzten Löwen Afrikas. «Eine entlegene und unglaublich vielfältige Landschaft», schwärmt Salgarolo nach der Landung in Sambias Kafue-Nationalpark. Herzstücke des Schutzgebiets sind neben Kafue und Botswanas Okavango der Caprivizipfel in Namibia und der Hwange-Nationalpark, das grösste Schutzgebiet in Simbabwe. Sie sind durch so genannte Korridore verbunden, durch die die Tierherden frei von Park zu Park wandern können.

Der Löwe steht wie auf Bestellung vor dem Wagen

Im Morgengrauen macht sich im Westen des Hwange-Nationalparks der Safari-Guide Mike Nyoni auf zur Pirschfahrt. Wie die meisten Touristen sind auch seine Gäste vor allem gekommen, um hier Löwen in freier Wildbahn zu beobachten. Sie müssen sich heute nicht lange gedulden. Wie auf Bestellung steht plötzlich ein ausgewachsener Löwe mit buschiger Mähne vor dem Geländewagen und sieht Mike Nyoni aus argwöhnischen Augen an. Bald tauchen nacheinander sieben Löwen vor dem Jeep auf und lassen sich auf einem Termitenhügel nieder. Von hier haben sie eine gute Aussicht über das umliegende Buschland. Vielleicht hat das Rudel Glück und unverhofft taucht ein Gnu oder ein Wasserbock in der Nähe auf.

«Es ist Cecils Familie», sagt Nyoni. Im Sommer 2015 geriet der Hwange-Nationalpark weltweit in die Schlagzeilen. Ein US-amerikanischer Zahnarzt hatte den Löwen Cecil in einem angrenzenden Jagdgebiet erschossen. Das mächtige Raubtier war ein Wahrzeichen Simbabwes gewesen. Seit 1999 hatten Wissenschafter der Universität Oxford das Leben des Rudelführers erforscht. «Cecil hat nicht nur im Park, sondern auch in meinem Herz eine grosse Lücke hinterlassen», sagt Nyoni. Als Guide hatte er den berühmten Löwen jahrelang begleitet. «Löwen sind in einigen Teilen des Parks oft misstrauisch und scheu, aber Cecil war vollkommen an die Jeeps gewöhnt.» Auch Cecils Sohn Xanda wurde im Juli zwei Kilometer ausserhalb des Hwange-Nationalparks von Trophäenjägern getötet. In Simbabwe ist die Löwenjagd unter besonderen Auflagen ausserhalb von Schutzgebieten noch immer erlaubt.

Löwen verlieren drei Viertel ihres Lebensraums

«Löwen und andere Arten kennen keine Grenzen», sagt Nyoni. «Das haben wir bereits schmerzlich erfahren. Daher ist es so wichtig, dass die bestehenden Schutzgebiete besser miteinander vernetzt sind. Sie müssen in Gebiete ausweichen können, wo es weniger Druck durch Jagd und eine wachsende Bevölkerung gibt.» Nicht überall stösst die grenzenlose Wildnis des KaZa-Schutzgebiets auf Begeisterung. Ausserhalb des Hwange-Nationalparks weidet Vieh im offenen Buschland, Hühner und Ziegen suchen zwischen Lehmhütten nach Fressbarem. «Erst vor vier Tagen haben Löwen eine meiner Kühe getötet», sagt Luis Kumalo aus dem Dorf Ngamo. Für den Kleinbauern und Vater von sechs Kindern ein bitterer Verlust. «Ihr habt Versicherungen für eure Autos. So etwas gibt es für uns nicht.» Der Konflikt der Bauern von Ngamo mit den Löwen von Hwange steht beispielhaft für das schwierige Miteinander von Mensch und Wildtier rund um das KaZa-Schutzgebiet. Durch eine wachsende Bevölkerung und die Ausdehnung von Weidegründen wird es für die einheimische Fauna immer enger. Viele Arten kommen nur noch in isolierten Restbeständen vor. Löwen etwa haben nach Angeben des WWF innerhalb von 50 Jahren drei Viertel ihres Lebensraums verloren. Nur noch etwa 20 000 Tiere soll es in ganz Afrika geben.

Eine Löwin in den Fängen der Wilderer

Nicht weit von Ngamo streift ein Team der Scorpion-Anti-Wilderer-Einheit von Wexau durch die Savanne. In einiger Entfernung zieht eine Gruppe Rappenantilopen vorbei. Am Himmel kreisen Geier. Fernab von den Pisten der Safari-Touristen durchkämmt die Einheit das Unterholz nach Schlingen, die in der Nacht von Wilderern ausgelegt werden. «Wir haben in den letzten fünf Jahren mehrere hundert Drähte sichergestellt», sagt Edwin Muchenje, der Leiter der Einheit. Sie sind vor allem für Antilopen bestimmt. Oft werden sie aber auch anderen Arten zum Verhängnis. «Einmal fanden wir auch eine Löwin in der Schlinge. Leider waren wir nicht rechtzeitig dort und konnten sie leider nicht mehr retten.»

Das KaZa-Schutzgebiet will verhindern, dass die Wilderei weiter fortschreitet und auch noch die letzten Wanderrouten verschiedener Arten zwischen den Reservaten verloren gehen. Indessen wächst längst auch innerhalb des Gebiets der Druck auf die Tierwelt. In Sambias Kafue-Nationalpark wurden die letzten Nashörner wahrscheinlich bereits in den 90er-Jahren ausgerottet, in Simbabwe sind sie äusserst selten geworden. Zwar hat die Elfenbein-Wilderei hier noch nicht die dramatischen Ausmasse wie in Tansania und Mosambik angenommen, Naturschützer fürchten jedoch, dass das Abschlachten der Elefanten auch in Sambia und Simbabwe zunehmen wird, solange der illegale Handel mit China und Vietnam nicht unterbunden wird.

Die Vorbehalte gegen KaZa waren bei vielen Einheimischen zunächst gross. Aber langsam setzt sich das Verständnis durch, dass alle vom Schutz profitieren können. Einige Bauern arbeiten nun als Ranger und Guides, andere bauen Gemüse für die Lodges im Park an. Selbst Kleinbauer Luis Kumalo möchte das Schutzgebiet nicht mehr missen. «Ohne den Park gibt es keine Arbeitsplätze und die Jungen ziehen in die Städte.» Als er von Cecils Tod erfuhr, war auch er erzürnt. «Wenn es die Löwen nicht mehr gibt, bleiben die Touristen weg und dieser Ort hat keine Zukunft.»


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