Zwischen Inseln und Meer

BRÜCKEN UND FÄHREN ⋅ Vor der Südwestküste Finnlands liegen über 20 000 Inseln, die das Schärenmeer bilden. Eine Velotour in diesem Naturparadies bedeutet Meeresluft, Moosgeruch, Stille und Genuss – und keine grossen Steigungen.
11. Juni 2017, 04:38

Text und Bilder: Monika Neidhart
 

Sie fällt sofort auf bei der Überfahr von einer Insel zur nächsten im Schärenmeer von Finnland: die gut 60-jährige Frau in Lederbekleidung, mit pinkigem Helm und gleichfarbigen Lederstiefeln neben der schweren Yamaha Cruiser. Auf ihrem Schoss hält sie streichelnd ihren Hund. Er ist durchgestylt wie sie selber: pinkiger Helm, Lederjacke mit Harley-Em­blem. Dazu eine Töffbrille, wie man sie früher kannte. Ein «Hei, Hei» (das finnische Grüezi und eines der wenigen Worte der so fremden Sprache, die ich mir merken kann) genügt, um in Kontakt mit der Finnin zu kommen, die aus Tampere hierher gefahren ist. Wie viele Einheimische, spricht sie fliessend Englisch. Sprudelnd erzählt sie aus ihrem Leben: «Mindestens einmal im Jahr muss ich die Ringstrasse fahren. Bei dieser 250 Kilometer langen Rundreise ab Turku kann ich gleichzeitig die Natur geniessen und fast gratis Schiff fahren. Dazu habe ich alles dabei, was mir lieb ist. Was will ich mehr?», meint sie zufrieden. Während sie die Runde in einem Tag schafft, geht es mit dem Velo gemächlicher in vier bis fünf Tagesetappen im Gegenuhrzeigersinn über 12 Brücken und mit 9 Fähren von Insel zu Insel.

Wind und Fährenfahrplan als Begleiter

Unser Gepäck lassen wir vom Organisator transportieren. Dass dies eine gute Investition ist, bestätigt indirekt ein junges Paar aus dem Emmental, das seinen grossen Rucksack auf dem Velo mitträgt: «Wir hatten am ersten Tag zur Bed-and-Breakfast-Unterkunft so viel Gegenwind, dass wir kaum 10 km pro Stunde schafften.» Der Wind ist in dieser Inselwelt ein ständiger Begleiter; mal heftiger, mal sanfter. Ansonsten stellt die Strecke keine nennenswerten Herausforderungen. Von Steigungen zu sprechen ist fast nicht angebracht. Die App, die die Strecke aufzeichnet, zeigt für einen Tag 200 Meter Auf- und Abstieg.

Der einzige Stresspunkt können die sehr unregelmässigen Fahrzeiten der Fähren sein. Auf kurzen Strecken verkehren sie in der Regel laufend, die 45-minütige Überfahrt von Teersalo nach Hakkeenpää zum Beispiel ist jedoch nur frühmorgens oder um 15 Uhr möglich. Dass wir da rechtzeitig vor Ort sein wollen, erklärt sich von selbst. So haben wir genügend Zeit, dem Duft von Holzfeuer nachzugehen. Neben der Anlagestelle der Fähre räuchert Veetie ganze Lachsseiten in einem offenen Ofen während der kurzen Sommersaison. «Damit sie nicht austrocknen, räuchere ich sie drei Stunden bei mässiger Hitze.» Ein Stück davon geniessen wir auf der Überfahrt mit dem hier typischen Brot, Skärgardslimpa. Es ist kräftig-aromatisch, lebkuchenähnlich, dunkelbraun, und auch ein kleines Stück wiegt schwer. Das sanfte Dahingleiten, die Sonne, blauer Himmel, die Weite des Wassers und im Blick kleinere und grössere Inseln geben eine Kulisse ab, die jede Mahlzeit zum Festessen macht. Wieder an Land, pflücken wir uns zum Dessert Heidelbeeren, die wir immer wieder am Wegesrand sehen.

Mökkis sind das Paradies für die Städter

In leichtem Auf und Ab führt der Weg abwechselnd durch Naturlandschaften. Mal sind es kleinere Getreidefelder. Dann geht’s vorbei an extensiv genutztem Grasland und durch Wälder. Der herrliche Duft von sonnengewärmtem Harz streift flüchtig die Nase. Dann und wann ist der Blick frei auf das Wasser und erinnert daran, dass wir uns auf einem riesigen Inselreich bewegen. Die Verkehrstafel «Vorsicht Elch» steht nicht umsonst am Wegesrand. Von einer der Unterkünfte beobachten wir Wild mit dem Feldstecher, am nächsten Morgen brauchen wir kein Hilfsmittel mehr: Eine Hirschkuh grast wenige Meter vom Strassenrand weg im lichten Wald, als wir um die Kurve radeln. Je weiter wir uns vom Festland bei Turku entfernen, desto karger werden die Inseln teilweise. Fast blanke, abgerundete Felsen sind spärlich mit Moos und Flechten bewachsen. Die knorrigen Kiefern in solchen Abschnitten erinnern mich ans Engadin.

Reihen von Briefkästen, die durch ein rotbraunes, ausladendes «Giebeldach» geschützt am Weg stehen, zeigen, dass die Region auch etwas besiedelt ist. Nach einer kleinen Schussabfahrt stehe ich mitten auf einer Brücke. Es ist ein herrlicher Blick auf das Meer, das gekräuselte Wasser. Am sanft abgerundeten Felsufer wiegt das rotbraun blühende Schilf im Wind. Ein Holzsteg führt zum einzigen Haus auf der kleinen Insel. Es ist wohl eines der unzähligen Mökkis, der geliebten Ferienhäuschen der finnischen Städter. Eltern, Bekannte, irgendjemand hat ein Häuschen, wo man das einfache Leben mit Segeln, Fischen, oft auch ohne Strom, dafür sicher mit Sauna geniessen kann. Das Holzhaus ist, wie überall, rotbraun angemalt, die Fensterrahmen und die Dachkanten weiss. Diese Farbe ist immer wieder ein Blickfang in der grünen Landschaft und dem Blau am Himmel und im Wasser.

Punamulta als Farbakzent in der Landschaft

In einem der wenigen kleinen Dörfer riecht es Ende Juli noch nach Linden­blüten. Ein riesiger Maibaum, der für das Mittsommerfest (vor dem 25. Juni) mit Laubblättern geschmückt worden ist, steht am Dorfeingang. Im einzigen Restaurant ist gerade noch Platz neben einem finnischen Paar aus Rauma, einer Stadt mit zwei Weltkulturerbestätten, eine Autostunde von Turku entfernt. Ihre Fischsuppe riecht verführerisch. Der Mitdreissiger trägt ein T-Shirt in der Farbe der Blockhäuser. Und prompt bekomme ich von ihm die Erklärung für dieses Rotbraun. «Schon vor Jahrhunderten kochten hier die Einheimischen eisenhaltige Erde. Je länger sie gekocht wurde, desto dunkler wurde der Farbton. Punamulta, wie die Farbe heisst, ist sehr robust. Sie hält Temperaturen von minus 30 Grad bis rund 20 bis 25 Grad im Sommer stand.» Dass sein T-Shirt nichts damit zu tun hat, sehe ich später. Er ist durch und durch ein Turin-Fan. Mit seinem schnittigen Fiat-Cabriolet-Old­timer hat er es, wie wir, auf die nächste Fähre geschafft.

An den Abenden ist es lange hell. Um Mitternacht könnte man noch draussen lesen. Das Zeitgefühl geht verloren. Ich sitze auf einem abgerundeten Felsen und geniesse die Stille und die reine Luft. Hinter mir im Hafen das Meer von Masten der Segelboote. Vor mir das ruhige blaue Wasser. Ein weites, offenes Blickfeld. Darin grüne oder fast nackte Inseln. Ein lauer, sanfter Wind im Schilf. Sonst nichts.

 Rund um die Schären

  • Reisezeit: Juni/August/September, sehr lange hell, bis ca. 25 Grad warm, windig
  • Ringstrasse im Schärenmeer: 250 km lang, ab Turku (erste Etappe sehr stark befahren), besser ab Nagu. (Velotour: Organisation inkl. Gepäcktransport u.a. bei Kontiki Reisen) www.saaristo.org

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