SBB Reisemagazin September 2017

Pionierstadt zwischen Wald und Weinberg

Überraschend vielfältig, modern und dynamisch: So zeigt sich Stuttgarts Stadtbild. Selbst Reisenden, die schon viel gesehen haben, beschert die schwäbische City so manches Aha-Erlebnis.
«Was willst du dort?», fragte mich meine Freundin aus dem Allgäu, als ich ihr vom geplanten Städtetrip nach Stuttgart erzählte. Schon klar, sie spielte auf die gängigen Vorurteile über die Schwaben an: Pingelig und sparsam sollen sie sein – auch beim Smalltalk. Wer nach Stuttgart kommt, wird das hie und da durchaus feststellen, aber noch öfter das Gegenteil erfahren. Das haben Schweizer Gäste längst erkannt. In der Übernachtungsstatistik der Stadt steht unser Land an dritter Stelle, nur Deutsche und Amerikaner übernachteten im vergangenen Jahr noch häufiger in Stuttgart. Und das liegt nicht nur daran, dass die rund 600 000 Einwohner zählende schwäbische Metropole ein starker Wirtschafts- und Bildungsstandort mit internationaler Anziehungskraft ist.

Stadtblick im Kingsize-Format
Kultur und Kulinarik, Tradition und Moderne sowie die von Wäldern und Reben geprägte Landschaft machen die Stadt im Talkessel zu einem attraktiven Reiseziel. Schon kurz nach der Einfahrt in den Stuttgarter Hauptbahnhof, wo bis 2021 auf der zurzeit grössten Baustelle Europas der neue unterirdische Bahnknotenpunkt entsteht, wird dem Besucher klar: Diese Stadt schaut nicht nur auf ihre Geschichte zurück; sie blickt auch weit nach vorn. Gut zu beobachten ist das etwa vom Dach des markanten Bahnhofsturms mit dem Mercedes-Stern als Spitze. Hier gewinnt man einen ersten Überblick über die historische Stadtmitte und das Bahnhofsareal, wo ein ganz neues Stadtviertel entsteht. Bahnfans, die auf das imposante Gelände mit den zahlreichen Kränen hinunterblicken und den Baufortschritt verfolgen, sind hier genauso anzutreffen wie Stadttouristen. Letztere lassen sich noch mehr vom «königlichen» Ausblick fesseln, den die südliche Turmseite bietet. Denn da liegt dem Betrachter die Königstrasse zu Füssen, mit 1,2 Kilometern Länge übrigens die längste verkehrsfreie Flaniermeile Deutschlands. Gesäumt wird sie von zahlreichen Geschäften.

In unmittelbarer Nähe finden sich historische Prachtbauten wie das Alte Schloss, wo heute das Landesmuseum untergebracht ist. Herzog Liudolf von Schwaben soll es im Jahr 950 zum Schutz seines Stutengartens angelegt haben. Das schwarze «Rössle» im Stadtwappen zeugt bis heute davon. Gegenüber breitet sich das Neue Schloss aus, wo bis Mitte des 19. Jahrhunderts die württembergischen Könige residierten. Die anliegenden Gartenanlagen mit dem Schlossplatz als Zentrum sind ein beliebter Treffpunkt und willkommener Naherholungsraum.

Würfel für Kunst und Bücher
In Gehdistanz trifft man auf weitere Wahrzeichen wie die Stiftskirche mit ihren beiden ungleichen Türmen oder die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaute und erweiterte Staatsgalerie. Und auch am gläsernen Würfel, der tagsüber den Wolkenlauf am Himmel reflektiert und nachts sein Innenleben preisgibt, kommt jeder Stadtflaneur vorbei: Die Rede ist vom 2005 erbauten Kunstmuseum an der Königstrasse. Es beherbergt nebst wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst auch die bedeutendste Sammlung von Werken des Malers Otto Dix – diese sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen! Ein zweiter Kubus ziert das Gelände auf der nördlichen Bahnhofsseite. Im jungen Europaviertel, wo früher der zentrale Rangierbahnhof Stuttgarts lag, wurde 2011 die Neue Stadtbibliothek eröffnet. Der koreanische Architekt Eun Young Yi hat hier einen schlicht atemberaubenden weissen Würfel hingezaubert. In dessen Innern laden luftige Galerien zum stundenlangen Verweilen ein. Ein nahezu magischer Ort ist der Kubus auch nachts: Dann erstrahlt dessen Fassade in geheimnisvollem Blau.

Wo grosse Namen herkommen
Die Schwaben gelten übrigens auch als «gscheid», strebsam und erfinderisch. Kein Wunder, wurden hier besonders viele Pionierleistungen vollbracht. Der in Ulm geborene Albert Einstein ist zweifellos das berühmteste Beispiel dafür. Doch auch in Stuttgart wurde stets getüftelt und Neues erfunden. Das Auto zum Beispiel: Sowohl Mercedes-Benz als auch Porsche haben hier ihre Wiege. Das vor elf Jahren eröffnete Mercedes-Benz-Museum – ein weiteres architektonisches Juwel – erzählt die Geschichte des Automobils und der weltbekannten Automarke auf anschauliche Art und Weise. Aha-Erlebnisse sind selbst bei eingefleischten Autofahrern garantiert. Porsche-Fans finden ihr Mekka ebenso in Form eines Museums. Auch andere Stuttgarter Unternehmen wie Bosch und Boss haben ihre Marken zu Weltruf gebracht. Und dann wären da noch die quadratische Tafelschokolade Ritter Sport und – um beim Sport zu bleiben – der VfB: der Verein für Bewegungsspiele, wie der heimische Fussballverein heisst.

Stadt in Feierlaune
Sie öffnen dann ihre Türen, wenn die meisten Werktätigen Feierabend machen: Stuttgarts berühmte Weinstuben. Bei einem weissen oder roten Viertele lässt es sich hier herrlich entspannen. Und wenn dann eine frische Brezel, eine weitere Stuttgarter Erfindung, oder herzhaft gefüllte Maultaschen den Hunger stillen, ist die Welt schwer in Ordnung. Weinfreunden ist eine Stuttgartreise sowieso ans Herz zu legen. Im Herbst laden die bunten Weinberge dazu ein, einen der zahlreichen Weinwanderwege unter die Füsse zu nehmen und die Winzer und deren Tropfen kennen zu lernen. Der Herbst ist auch für Familien eine gute Reisezeit. Vom 22. September bis 8. Oktober steigt nämlich das grösste Volksfest der Stuttgarter: der Cannstatter Wasen. Am Ufer des Neckars, im Stadtbezirk Bad Cannstatt, locken Festzelte und Lunapark-Bahnen ohne Ende. Wer es beschaulicher mag, schlendert durchs Bohnenviertel mit seinen Künstlerateliers, Boutiquen, Antikläden und Restaurants – oder besucht eine Aufführung des Stuttgarter Balletts, eines der weltweit führenden Tanzensembles. Stuttgart bietet also eine ganze Menge – das musste auch meine allgäuische Freundin zugeben.

Antonio Russo
 

Stuttgart mit dem AboPass


Ab Zürich HB dauert die Reise mit dem Intercity drei Stunden. Das AboPass-Billett der «Luzerner Zeitung» ist vom 16. 9. bis 30. 11. gültig. Es berechtigt zur Hin- und Rückfahrt in allen Zügen an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Mit Halbtaxabo kostet das vergünstigte Billett in der 2. Klasse 54 Franken, in der 1. Klasse 74 Franken. Ohne Halbtax jeweils 64 bzw. 94 Franken. Kinder unter 16 Jahren reisen in Begleitung der Eltern oder Grosseltern gratis. Billette sind gegen Vorweisen des AboPasses an allen Vorverkaufsstellen des LZ-Corners erhältlich.
luzernerzeitung.ch/stuttgart

Stuttgart – da müssen Sie hin!

 

Übernachten


«Der Zauberlehrling»
Das Designhotel an der Rosenstrasse 38 im Bohnenviertel verzaubert seine Gäste in jedem der 13 Zimmer und 4 Suiten. Kein Raum ist wie der andere, das Haus pflegt einen bunten Einrichtungsmix. Hier schläft man in einem wahren Schmuckstück von Hotel.

 

Kaffeetrinken


Grand Café Planie, Charlottenplatz 17
Die Deutschen sind ein Volk von Kuchen- und Tortenessern. Einen Einblick in die süsse Seele gibt das Café Planie, das täglich (!) von morgens um 7 bis nachts um 2 Uhr geöffnet hat. Das Ambiente ist zwar etwas in die Jahre gekommen, aber die süsse Anziehungskraft ist stärker, lockt doch eine riesige Auswahl an frischen Kuchen und Torten.

Café Apotheke, Hausmannstrasse 1
In einer ehemaligen Apotheke befindet sich jetzt eines der angesagten Cafés der Stadt. Leckeres und originelles Frühstück gibt es hier genauso wie Kaffee und Kuchen. Samstags Brunch bis 15 Uhr. Übrigens: Im dritten Stock des «Apotheken»-Hauses hat Vicco von Bülow gelebt, besser bekannt als Loriot. Daran erinnern eine Gedenktafel und eine Mopssäule. Der Mops war bekanntlich des feinsinnigen Komikers liebste Hunderasse.

 

Einkaufen


Feinkost Böhm
Die Kronprinzstrasse 6 ist eine feine Adresse für alle, die etwas Feines aus Stuttgart nach Hause mitnehmen oder gleich vor Ort – etwa in Böhms hauseigenem Restaurant – geniessen möchten. «Vom Guten das Beste» lautet das Firmencredo, und das glaubt man schon beim ersten Bestaunen der Auslagen. Nicht nur die Auswahl ist exzellent, auch der Service ist es.

Markthalle
Böhm hat in der Stuttgarter Markthalle einen Stand. Unter den Dacharkaden des hundertjährigen Jugendstilbaus finden Gourmets weitere Feinkostanbieter, die unwiderstehliche nationale und internationale Spezialitäten sowie edle Accessoires verkaufen.

Buchhaus Wittwer
Stuttgart ist eine Verlegerstadt, was man auch an den gut sortierten Buchhandlungen erkennt. Wittwer am Schlossplatz ist eine der grössten in Süddeutschland und lädt zu stundenlangem Schmökern ein.

Breuninger
Auch wer keine Kaufhäuser mag: An Breuninger kommt keiner vorbei, denn dieses Stuttgarter Modegeschäft ist eine Institution. Zum Flagshipstore an der Marktstrasse gehören zehn Filialen in ganz Deutschland. Das Modegeschäft punktet mit einem exklusiven Markensortiment an Kleidung, Schuhen, Accessoires und Beauty-Produkten.

 

Schöne Aussichten


Stuttgart ist nicht nur die Stadt der Schlösser, Autos, Museen und des Weines. Sie ist auch die Stadt der Türme. Es gibt sie im Zentrum genauso wie am Stadtrand und sie bieten tolle Ausblicke. Hier lohnt es sich hochzusteigen:
  • Bahnhofsturm am Hauptbahnhof
  • Westturm der Stiftskirche in der Innenstadt
  • Tagblatt-Turm in der Eberhardstrasse
  • Killesbergturm im Killesberg-Park
  • Fernsehturm, das bekannteste Wahrzeichen Stuttgarts

 

Architektur


Weissenhofsiedlung und Museum
Über ein Dutzend Architekten des «Neuen Bauens», darunter Le Corbusier, Gropius oder Taut, schufen 1927 unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe bei der Killesberghöhe die Weissenhofsiedlung. Sie entstand in nur 21 Wochen und zählte 21 Häuser mit insgesamt 63 Wohnungen. Das Projekt war Teil der Ausstellung «Die Wohnung». Eines der Häuser, das Doppelhaus von Le Corbusier, beherbergt heute im einen Teil das Museum Weissenhof, im anderen begeht man die damalige Wohnung im «Originalzustand».

 

Pärke


Stuttgart liegt zwischen bewaldeten Hügeln und Weinbergen. Auch im Zentrum gibt es viele grüne Oasen, in denen man sich vom Stadtbummel erholen kann. Hier die schönsten:
  • Unterer und Mittlerer Schlossgarten
  • Höhenpark Killesberg
  • Wilhelma: der zoologisch-botanische Park am Neckar

 

Abendprogramm

 

Die schwäbische Metropole hat ein reiches Kulturleben, das Spektrum reicht von Kleinkunst bis zur grossen Oper. Die Staatsgalerie, das Kunstmuseum, das Staatstheater sowie die Liederhalle und die Staatsoper («Opernhaus des Jahres 2016») bieten hochkarätige Kulturerlebnisse.

Weltweit bekannt ist das von John Cranko gegründete Stuttgarter Ballett, das sich seit über 50 Jahren an der Weltspitze hält. Es tritt regelmässig am Opernhaus, am Schauspielhaus und am Kammertheater Stuttgart auf und gibt deutschlandweit und auf der ganzen Welt Gastspiele.
Antonio Russo

Weitere Tipps rund um Stuttgart: stuttgart-tourist.ch  
 

 

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