SBB Reisemagazin September 2017

S wie Seen, Schlösser, S-Bahn

Unverbaute Uferlandschaften und mittelalterliche Burgen liegen näher, als man denkt. Das Seetal empfiehlt sich als vielfältige Ausflugsregion und ist dank der S9 bequem und rasch erreichbar.
Denkt man an Landschaften mit Schlössern, Seen und Wäldern, fallen einem Länder wie Schottland oder Slowenien vielleicht als Erstes ein. Für solche Augenweiden muss man aber nicht durch halb Europa reisen. Eine Bilderbuchlandschaft liegt praktisch vor unserer Haustür. Die Rede ist vom Seetal. Der Landstrich zwischen Emmen und Lenzburg soll sowohl landschaftlich als auch kulturell allerhand zu bieten haben. Davon will ich mich selbst überzeugen und beschliesse, das Tal der Schlösser und Seen in einem Tagesausflug zu erkunden.

Entdeckungslustig steige ich in die S9. Im Halbstundentakt verkehrt sie ab Luzern bis ins aargauische Lenzburg. Mit insgesamt 18 Haltestellen ist die Strecke durchs Seetal gerade bei Tagesausflüglern sehr beliebt. Es stellt sich schnell heraus, dass die grösste Herausforderung des Tages darin besteht, zu entscheiden, wo man denn aussteigen möchte. So beginnt bereits in Ballwil der Höhenwanderweg über dem Baldeggersee. Die rund viereinhalbstündige Wanderung führt an alten Bauernhäusern vorbei bis nach Hitzkirch. Da mein Schuhwerk aber nicht gerade wandertauglich ist, bleibe ich sitzen und geniesse die Aussicht. Die Redensart «Der Weg ist das Ziel» scheint für diese Bahnstrecke passender denn je. Trotzdem will ich noch ein wenig aktiv werden und steige in Baldegg aus.

Ein Tête-à-Tête mit Fauna und Flora
Mit seinen gerade mal fünf Quadratkilometern ist der Baldeggersee nur halb so gross wie der benachbarte Hallwilersee, aber: Der kleine See ist das grösste Naturschutzgebiet im Luzerner Mittelland. Seit 1940 gehört das Gewässer der Stiftung Pro Natura und ist somit der grösste Schweizer See in Privatbesitz. Dank seinem Naturlehrpfad lässt sich das Schutzgebiet rund um den Baldeggersee hautnah erleben. Er bietet Naturfreunden an fünf markierten Beobachtungsstationen beste Gelegenheiten für ein Tête-à-Tête mit Fauna und Flora. Die aufgebauten Stationen und Beobachtungshütten sind mit bebilderten Infotafeln bestückt. Verbinden lässt sich diese lehrreiche Entdeckungstour hervorragend mit einem einstündigen Spaziergang entlang von Weihern ins benachbarte Hochdorf.

In «Hofdere» angekommen, gibt es mehrere Möglichkeiten, den angebrochenen Nachmittag zu verbringen: Entweder man steigt wieder in die nächste S-Bahn und fährt damit tiefer ins Seetal hinein, oder man macht mit dem «Erlebnis Natur» weiter und setzt die Tour in einem knapp zweistündigen Marsch bis nach Hitzkirch fort, oder aber man gönnt sich bei der «Braui» auf dem wunderbaren Aussenplatz sein wohlverdientes kühles Blondes. Auch wenn Letzteres verlockend klingt, ich entscheide mich für die erste Variante.

Adeliges Leben im Wasserschloss
Ab Hochdorf setzt man sich vorzugsweise auf die linke Abteilseite, um nochmals einen Blick auf den Baldeggersee zu werfen. Kenner wechseln den Platz spätestens in Mosen und setzen sich in Fahrtrichtung rechts. Hier beginnt nämlich der Hallwilersee. Dessen Ufer steht zum grössten Teil unter Naturschutz und darf nicht bebaut werden. Die Schifffahrtsgesellschaft am Hallwilersee bietet nebst Kursfahrten bis Oktober viele Sonderfahrten an. Die Schiffsstationen mit S-Bahn-­Anschlüssen befinden sich in Mosen, Beinwil am See, Birrwil und Boniswil.

Wem das Wasserschloss Hallwyl noch kein Begriff ist, der sollte unbedingt in Hallwil aussteigen. Mit seinen Türmen und Wassergräben gilt das Schloss Hallwyl als eines der schönsten und romantischsten der Schweiz. Verbunden mit einer Brücke, steht es auf zwei Inseln im Aabach. Die im 12. Jahrhundert erbaute Adelsbehausung ist als Museumsteil öffentlich zugänglich. Hier erzählt eine Ausstellung vom Leben der einstigen Adelsfamilie und ihrer Untertanen.

Prähistorisches und ein Weltkulturerbe
Wer glaubt, die Zeitreise in die Vergangenheit ende beim Schloss Hallwyl, wird spätestens in Boniswil eines Besseren belehrt. Unweit des Bahnhofs liegt die Steinzeitwerkstatt von Max Zurbuchen. Seit 40 Jahren betreibt hier der passionierte Archäologe eine «prähistorische Werkstatt». Er sammelt bis zu zwei Millionen Jahre alte Fundstücke sowie solche aus der Stein- und Bronzezeit und stellt diese aus. Anhand der Funde fertigt der Experte originalgetreue Repliken wie Waffen oder Werkzeuge an. Ich darf dann auch gleich selbst Hand anlegen und hantiere mit einem Steinbeil oder versuche, auf primitive Art ein Feuer zu entfachen – was schwieriger ist, als es im Fernsehen zu sehen ist.

Die Steinzeitwerkstatt bietet Führungen an, die sich besonders für kleine Gruppen eignen. Dabei kann auch der Nachbau eines Pfahlbauhauses in Seengen besichtigt werden. 1996 wurden im Hallwilersee beim Beinwiler Ägelmoos nämlich Überreste einer Pfahlbausiedlung gefunden. Seither gehört das Gebiet zum Unesco-Weltkulturerbe.

Die Reise durch das Seetal endet in der mittelalterlichen Kleinstadt Lenzburg mit ihrem gleichnamigen Höhenschloss, das schweizweit grösste seiner Art. Hier erfahre ich auch, dass Lenzburg als Tor zum Seetal gilt. Hätte ich die Strecke andersrum fahren sollen? So oder so, dies wird nicht mein letzter Ausflug ins Tal der Schlösser und Seen gewesen sein.

Remo Infanger
 

Infos

Die Ausflugsziele im Seetal sind einfach und bequem mit der S9 im Halbstundentakt ab Luzern zu erreichen. Weitere Ausflugstipps:
sbb.ch/seetal

Das Schloss Hallwyl ist täglich (ausser montags) von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 14 Franken, Kinder 8 Franken.
www.schlosshallwyl.ch

Die Steinzeitwerkstatt in Boniswil ist täglich geöffnet und empfiehlt sich besonders für Gruppen. Anmeldung unter 079 562 34 86. Erwachsene zahlen 10 Franken, Kinder bis 16 Jahre die Hälfte.
steinzeit-live.ch

 

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