Karin Frick: «Gebaut wird am Computer»

SMART HOME 2030 ⋅ Ende 2015 veröffentlichte das Gottlieb-Duttweiler-Institut die Studie «Smart Home 2030». Die Mitautorin Karin Frick erklärt, wie die Digitalisierung das Bauen und Wohnen verändert.

Interview: Christopher Gilb
christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Karin Frick, wie wird in Zukunft gebaut?

Heute gibt es so etwas wie zwei unterschiedliche Typen von Fachleuten, die in die Realisierung eines Baus involviert sind. Diejenigen, die planen, die Architekten und Ingenieure also, und diejenigen, welche die Arbeit ausführen, die Handwerker und Bauarbeiter, die dann auch dreckig werden. Zukünftig wird es diese Unterscheidung in diesem Ausmass nicht mehr geben. Man kann die Entwicklung, die derzeit stattfindet, als von der Hardware zur Software beschreiben. In Zukunft kommen die Teile für einen Bau passend aus dem 3D-Drucker, und zusammengesetzt werden sie möglicherweise von einer Drohne. Diese Entwicklung ist vergleichbar mit derjenigen in der Automobilindustrie, wo sich das Auto hin zum selbstfahrenden Auto entwickelt und auch die Produktion immer stärker automatisiert wird. Baufachleute werden also zukünftig weniger Zeit auf der Baustelle verbringen müssen, denn die Baumaschinen können ferngesteuert und die Baufortschritte mit Kameras überwacht werden, umso wichtiger wird dann aber der Planungsteil, also die Software, sein. Bauarbeiter von morgen werden eher Daten als Beton und Stahl verarbeiten, sie werden das tun, was heute schon viele Kinder beim beliebten Spiel Minecraft machen, nämlich das Haus virtuell vorzubauen und dafür zu sorgen, dass alle Teile zueinander passen. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass zukünftig am Computer gebaut wird.

Das tönt nach grossen Veränderungen, ist die Branche bereit dafür?

Derzeit herrscht noch eine gewisse Zurückhaltung. Aber es ist auch ein Unterschied, ob in einem Land wie China beispielsweise eine ganze Stadt gebaut wird oder in der Schweiz ein einzelnes Haus. Zudem befindet sich die 3D-Druck-Technologie in diesem Bereich noch in der Testphase. Dass die Prozesse automatisiert werden und die Teile schon möglichst passend vorproduziert werden, setzt sich aber auch bei den grossen Baufirmen in der Schweiz schon vermehrt durch. Diese haben auch die Grösse, dass sich etwa die Anschaffung der Maschinen rentiert. Die Kleinen werden abwarten, bis das neue System massentauglich wird.

Öffnen sich Firmen vielleicht auch weniger, weil sie befürchten, dass dieser Wandel sie selbst vernichten könnte?

In diesem Wandel steckt gerade auch für die Schweiz ein riesiges Potenzial. Schweizer Firmen sind bekannt für Spitzenqualität. Sie könnten Vorreiter für neue Produkte und Technik, welche dieser Wandel nötig macht, werden. Ausserdem geht es in der Schweiz auch oft nur um Renovationen, so viele neue Häuser werden ja nicht gebaut, und den Handwerker vor Ort wird es immer brauchen. Seine Aufgaben- und Arbeitsabläufe werden sich aber verändern. Er wird von intelligenten Geräten zukünftig bei Reparaturbedarf direkt informiert und arbeitet Hand in Hand mit Baurobotern und IT-Fachleuten.

Der eine Bereich ist der Bau des Hauses, der andere das Haus selbst. Ist das Smart Home schon gefragt?

Wenn es nicht unbedingt akut ist, also eine Person beispielsweise aufgrund eines Unfalls darauf angewiesen ist, die Technik im Haus von überall her steuern zu können, noch nicht so. Viele warten derzeit noch ab, da es derzeit mehrere Systeme für die Vernetzung innerhalb des Hauses gibt und es nicht klar ist, welches sich davon durchsetzt. Mir ist übrigens wichtig zu sagen, ein Smart Home ist nicht gleichzusetzen mit einem Kühlschrank, der selbstständig nachbestellt, das ist für mich nichts weiter als eine Spielerei. Smart Home bedeutet, dass die einzelnen intelligenten Systeme im Haus miteinander vernetzt sind, also beispielsweise, dass ich die intelligente Toilette nutze und mir danach der intelligente Spiegel meine Gesundheitsdaten einblendet; und sich für ein Steuersystem zu entscheiden, ist eben nicht, wie ein neues Smartphone zu kaufen. Bei diesem lässt es sich verschmerzen, es auszuwechseln, wenn es doch nicht das Richtige ist. Beim Smart Home ist das anders, da man sich schon beim Bau für ein Konzept entscheiden muss. Sensoren aber, die etwa dafür sorgen, dass die Markise bei zu starkem Wind automatisch einfährt, lassen sich auch problemlos noch nach dem Bau des Hauses in­stallieren. Wo es jetzt schon rentiert, das ganze Gebäude smart zu konzipieren, ist beim Neubau von grösseren Anlagen wie Schulen oder Krankenhäusern.

Inwiefern?

Durch intelligente Steuerung von Licht oder Jalousien oder dem Sicherheitssystem, dies spart Arbeit und Kosten ein. Bei privaten Häusern spielt vor allem der Bereich Energieeffizienz im Bewusstsein der Kunden schon jetzt eine wichtige Rolle.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Häuser produzieren beispielsweise heute schon über Fotovoltaikanlagen oder auch Erdwärme eigene Energie. In Zukunft werden viele Häuser vielleicht sogar gänzlich energieautonom sein. Durch eine intelligente Steuerung lässt sich der Energieverbrauch noch mehr reduzieren. Firmen, die im Bereich der Energieeffizienz Lösungen anbieten, sind derzeit auch am aufgeschlossensten für intelligentes Wohnen und Bauen.

Und wenn das smarte Zuhause nie zum Massenphänomen wird?

Vor zehn Jahren hat es niemanden gestört, wenn er mit dem Handy nicht online sein konnte. Wenn es heute für einen Moment nicht möglich ist, fehlt jedem etwas. Genauso wird es wahrscheinlich in zehn Jahren auch in Bezug auf die digitale Intelligenz von Objekten sein. Jedem wird etwas fehlen, wenn diese nicht intelligent sind und die Brille einem keine Informationen einblenden kann.

Und wo bleibt bei alldem der Datenschutz? Ist der fehlende Datenschutz vielleicht ein Grund, wieso noch eine gewisse Zurückhaltung in puncto intelligentes Wohnen herrscht?

Ich glaube, oft eher ein vorgeschobener Grund. Meistens sind die Menschen, wenn ihnen etwas was bringt, relativ pragmatisch. Aber natürlich ist der Datenschutz ein Thema, und gerade da sehe ich für den Standort Zug Potenzial. Hier gibt es einige Firmen, die Lösungen im Bereich Cyber-Security bieten. Wenn es zwischen diesen und innovativen Firmen aus dem Bereich Smart Home einen Austausch gibt, könnten spannende Produkte entstehen.

Was haben das Smart Home und die Sharing-Economy miteinander zu tun?

Das Smart Home dient der Koordination und Kontrolle. Wenn beispielsweise viele Leute die gleichen Systeme nutzen, ist es praktisch, wenn Daten zur jeweiligen Nutzung gespeichert werden oder die Geräte über das System so gesteuert oder programmiert werden können, dass sie jedem, wenn er sie braucht, auch zur Verfügung stehen.

Wie könnte es der Branche gelingen, ihre Vorbehalte schneller abzulegen?

Sie sollte sich ein Beispiel an den Kindern nehmen. Diese spielen heute ganz selbstverständlich ein Spiel wie Minecraft und konstruieren dort Häuser virtuell.

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