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Neue Zürcher Zeitung, 16. Februar 2012, 00:00

Im Abonnement zum Musik-Millionär

Streaming statt Download – Neue Musikplattformen setzen auf veränderte Konsumgewohnheiten

Neue Internetdienste wie Spotify, Simfy oder Deezer bieten Musik zum Abonnieren an. Ohne einen Song zu besitzen, hat der Musikfreund ganz legal Zugriff auf Millionen von Songs.

Claude Settele

Die Musikindustrie scheint sich an Ort zu drehen wie eine Platte mit Kratzer. Seit über einem Jahrzehnt reagieren die grossen Plattenlabels auf die Herausforderungen des Internets vor allem mit der Anheuerung von Anwälten und Lobbyisten. Das Resultat sind unter anderem umstrittene Gesetzesvorlagen, die in den letzten Wochen in den USA (Sopa/Pipa) und in Europa (Acta) zu Protesten im Netz und auf der Strasse geführt haben. Dennoch geht die Entwicklung im Musikgeschäft rasant weiter, doch die Innovationen kommen aus einer anderen Ecke. Dutzende von Startups und neue Services reagieren auf die Möglichkeiten, jederzeit und überall von verschiedenen Geräten aus auf Inhalte im Internet zugreifen zu können. Experimentiert wird mit neuen Formen der Musikempfehlungen und des Tauschs von Songs, mit Plattformen, über welche Musiker ihre Werke selber vermarkten, oder Diensten, die mithilfe der Netzgemeinde Musik suchen und erkennen helfen.

Ins Kraut schiessen neue Streaming-Dienste, welche das Vertriebsmodell des letzten Jahrzehnts in Frage stellen. Apples iTunes-Store ist zwar immer noch der grösste Musikshop weltweit, doch der Kauf und Download von Songs bekommt immer mehr Konkurrenz. Diverse Plattformen bieten im Internet legal Zugriff auf Musikkataloge mit Millionen von Songs. Die Titel sind lizenziert, das Geschäft basiert auf Werbeeinnahmen und Abonnements.

Ganz neu ist dieser Ansatz nicht. So bieten etwa die frühere Tauschbörse Napster oder Rhapsody schon lange Abos und Streaming an. Rhapsody hat Napster kürzlich geschluckt und ist nun auch ausserhalb der USA aktiv. Die Übernahme wird als Reaktion auf den Erfolg des aufstrebenden Service Spotify gewertet. Obschon viel jünger, hat dieses schwedische Startup den Oldies etwas voraus: Das Angebot ist attraktiver, in vielen Ländern aktiv sowie mit Facebook und mehreren Musik-Apps vernetzt. Nach dem Sprung in die USA hat Spotify nun 10 Millionen Mitglieder, ein Viertel davon hat ein Abonnement. Laut «Financial Times» erzielte Spotify 2010 einen Umsatz von 99 Millionen Dollar, noch übersteigen aber Betriebs- und Lizenzkosten die Einnahmen.

Viel Musik für kein Geld

Spotify sticht die Konkurrenz in einigen Punkten aus. Mit über 15 Millionen Songs steht dem Anwender ein riesiges Musikangebot bereit. Der Dienst setzt auf das sogenannte Freemium-Modell, das neben Abos mit zusätzlichen Funktionen auch eine kostenlose Nutzung mit Einschränkungen bietet. Ohne Abo kann man auf dem PC unlimitiert Musik mit moderater Werbung zwischen den Songs hören. Mit dem Abo Unlimited für monatlich 6 Franken 45 entfallen die Werbung und die Beschränkung der Ausland-Nutzung auf 14 Tage. Beim Premium-Abo für knapp 13 Franken hat man auch über mobile Geräte Zugriff auf den Katalog und kann Titel für die Offline-Nutzung herunterladen. Praktisch gleich teuer sind die Preise bei Simfy, einem Streaming-Dienst aus Deutschland, der weniger Optionen bietet und weniger verbreitet ist. Musikfans mögen sich vor Abo-Gebühren scheuen, doch wer bei iTunes einmal pro Monat ein Album kauft, gibt mehr Geld aus als für das Premium-Abo bei Spotify oder Simfy. Der Nachteil ist die Abhängigkeit von einer Internetverbindung.

Spotify überzeugt mit seiner Software (PC/Mac), die auch Apples iTunes konkurrenziert. Spotify übernimmt Songs und Spiellisten aus iTunes, bietet einen integrierten Shop für Anwender, die einen Song kaufen wollen. In die Software eingebaut sind auch Künstlerinfos und die Option, persönliche «Radiostationen» auf Basis eines Songs, eines Interpreten oder eines Genres einzurichten. Ein Teil des Erfolgs basiert auch auf der Vernetzung. Anwender können ihr Facebook-Konto mit Spotify verbinden und so Musik mit Freunden teilen. Sie sehen auch deren Spiellisten und entdecken so neue Songs, die sie gleich auch abspielen können. Die Schweden preisen ihren Dienst denn auch als «Soundtrack zu deinem sozialen Leben» an. Verbunden ist die Plattform auch mit Last.fm, dem Pionier unter den Musikentdeckungsdiensten. Weitere Services und Apps lassen sich direkt in die Software integrieren wie etwa Songkick oder Tunewiki. Letzterer zeigt zum laufenden Song die Liedertexte an, Songkick weist den Benutzer aufgrund seiner Spiellisten auf Konzerte in seiner Region hin.

Globale Ambitionen

Auf das Abo-Modell setzen auch die Services Radio und Music Unlimited von Sony; beide sind in der Schweiz noch nicht zu nutzen. Radio wurde vom Schweden Niklas Zennström und vom Dänen Janus Friis lanciert, die mit Skype und der Musiktauschbörse Kazaa schon zwei Erfolgsgeschichten geschrieben haben. Seit kurzem auch in der Schweiz aktiv ist ein weiterer europäischer Anbieter namens Deezer. Der Service, der auf dem Heimmarkt Frankreich mehrere Millionen Mitglieder hat, will 2012 in 200 Ländern starten und sich als erster globaler Player etablieren. Deezer gibt Zugang zu 13 Millionen Songs, wartet aber mit weniger Optionen auf als andere Anbieter. Die Expansionspläne sind sehr ambitioniert, doch CEO Axel Dauchez ist überzeugt, dass dem Abo-Modell die Zukunft gehört. Der Fokus auf die Themen Piraterie und Download habe den Blick versperrt auf den wahren revolutionären Aspekt der digitalen Musik: den uneingeschränkten Zugang zu Musik, der laut Dauchez mehr bietet als der Besitz einzelner Songs.

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