Islamistische Anschläge auf Brüssel - Mehr als 30 Menschen sterben

BELGIEN ⋅ Islamistische Terroristen haben in Brüssel mit Bombenanschlägen mindestens 30 Menschen getötet und damit Europa ins Mark getroffen. Etwa 230 Menschen wurden bei den Attentaten am Flughafen und in einer U-Bahnstation mitten im EU-Viertel verletzt. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) übernahm die Verantwortung für die Angriffe.

Aktualisiert: 
22.03.2016, 23:00
22. März 2016, 08:28

Seit neun Jahren lebt der Luzerner Tobias Vogel im Stadtzentrum von Brüssel. In unserem Video berichtet er von den Anschlägen vom Dienstag – er selbst ist an der Metro-Haltestelle, wo der Anschlag passierte, vorbeigefahren. (Tele 1, 22.03.16)

Mehrere Explosionen haben die belgische Hauptstadt erschüttert. Bomben gingen am Flughafen Zaventem hoch und an einer Metrostation im Zentrum der Stadt. Dutzende Menschen wurden getötet und mindestens 200 verletzt.



Weltweit sorgten die Attentate vom Dienstag für Entsetzen, in Europa verbreitete sich Terrorangst. Die Terrorwarnung in Belgien wurde auf die höchste Stufe angehoben. Nach den Anschlägen verhängte die Regierung eine dreitägige Staatstrauer.
 
Laut offiziellen Angaben des Krisenstabes starben am Flughafen 10 Menschen. 20 Menschen wurden an der Metrostation Maelbeek mitten im EU-Viertel getötet. Dem nationalen Krisenzentrum zufolge wurden etwa 100 Menschen am Flughafen verletzt, weitere 130 bei der Explosion in dem U-Bahnhof. Der belgische Premier Charles Michel sprach von «blinden, gewalttätigen und feigen Anschlägen».
 
In einer IS-Erklärung im Internet hiess es, «Soldaten des Kalifats» hätten mit den Anschlägen auf den Brüsseler Flughafen Zaventem und eine U-Bahnstation «den Kreuzfahrerstaat Belgien» angegriffen. Die belgische Armee beteiligt sich mit Luftangriffen im Irak an der von den USA angeführten Anti-IS-Koalition, welche die Dschihadisten auch in Syrien bekämpft.
 
Am Abend wurden bei Hausdurchsuchungen in der nordöstlichen Brüsseler Stadtgemeinde Schaerbeek eine Flagge der IS-Terrormiliz, ein Sprengsatz mit Nägeln und chemische Substanzen gefunden.

Molenbeek - Hochburg der Islamisten

In Brüssel gibt es eine grosse Islamistenszene, die Gemeinde Molenbeek gilt als Hochburg der Extremisten. Erst am Freitag war dort der Hauptverdächtige der Pariser Anschläge vom November 2015, Salah Abdeslam, festgenommen worden. Der mutmassliche Topterrorist wurde bei einem Polizei-Grosseinsatz gefasst.
 
Seit Abdeslams Festnahme suchte Belgien noch mutmassliche Komplizen. In belgischen Medien wird nun über die möglichen Täter und Drahtzieher der Anschläge vom Dienstag spekuliert. Immer wieder taucht vor allem der Name Najim Laachraoui auf. Er war erst vor kurzem identifiziert und zur Fahndung ausgeschrieben worden.
 
Nach den Anschlägen finden zurzeit Durchsuchungen an mehreren Orten in Belgien statt. Das sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw an einer Pressekonferenz am Abend. Die Ermittler gingen von zwei toten Selbstmordattentätern am Brüsseler Flughafen aus. Einen dritten Mann hatte die Polizei zuvor zur Fahndung ausgeschrieben.
 
Die Ermittler sehen bislang keine eindeutige Verbindung zwischen den Terroranschlägen in Brüssel und jenen am 13. November in Paris.

Explosionen und Schüsse

Nach Angaben von Augenzeugen ereigneten sich am Morgen gegen 8 Uhr zunächst am Flughafen kurz nacheinander zwei Explosionen. Zeugen wollen zuvor Schüsse gehört haben. Der Nachrichtenagentur Belga zufolge wurden am Flughafen Waffen gefunden.
 
Belga verwies auf eine gut informierte Quelle, eine Bestätigung gebe es aber nicht. Am Nachmittag sei im Gebäude des Airports eine dritte Bombe gefunden und entschärft worden, hiess es beim Sender RTBF. In einer der Flughafenhallen stürzte offensichtlich durch die Wucht der Explosionen die Deckenverkleidung herab. Eine riesige Glasfront wurde zerstört.
 
Gegen 9 Uhr kam es an der Metrostation Maelbeek mitten im EU-Viertel von Brüssel zu einer Detonation - von hier aus sind es nur wenige Minuten zu Fuss zu wichtigen EU-Gebäuden, etwa zum Sitz der Europäischen Kommission. Die Explosion wurde in einer gerade eingefahrenen U-Bahn ausgelöst. Bilder vom Tatort zeigten einen völlig zerstörten Metro-Wagen.
 
Der Airport Brüssel-Zaventem bleibt laut Betreibergesellschaft auch am Mittwoch geschlossen. Zudem wurden alle Metro-Stationen gesperrt. Der Zugverkehr funktionierte seit 16 Uhr teilweise. Die Brüsseler Autotunnel wurden nach Meldungen des Senders VRT inzwischen wieder geöffnet. Auch der Schutz der belgischen Atomkraftwerke wurde verstärkt. Polizei sei vor Ort, ebenso Militär, hiess es vom Betreiber Engie.
 
Der belgische Premier Michel sagte, die Sicherheitskräfte wappneten sich gegen weitere Bluttaten. Auch in vielen anderen europäischen Städten ging die Terrorangst um: Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillierten an Flughäfen und an anderen Verkehrsknotenpunkten.

Keine Schweizer Opfer

Mit Trauer, Entsetzen und Entschlossenheit im Anti-Terror-Kampf reagierten Politiker aus aller Welt auf die verheerenden Anschläge. Bundespräsident Johann Schneider-Ammann drückte im Namen des Bundesrates und der Schweizer Bevölkerung Belgien sein tief empfundenes Beileid aus. «Wir verurteilen diese schrecklichen Taten auf das Schärfste», sagte er vor den Medien in Bern.
 
Die Schweiz sei bestürzt über die Attentate. Die Schweiz und Europa stünden für Freiheit, Sicherheit, Rechtsstaat und Demokratie. «Diese Werte werden wir jederzeit hochhalten und verteidigen», sagte Schneider-Ammann.
 
Nach den Anschlägen kam der Krisenstab zusammen. Das Bundesamt für Polizei aktivierte zudem seine Taskforce. Doch die Bedrohungslage in der Schweiz bleibt unverändert. Von Schweizer Opfern ist bislang nichts bekannt.
 

Die Terroranschläge in Brüssel - ein Minutenprotokoll

Brüssel. (sda) Bei Terroranschlägen in Brüssel werden am Dienstag etwa 30 Menschen getötet und rund 230 weitere verletzt. Ab 08.00 Uhr überschlagen sich die Ereignisse, die belgische Hauptstadt ist im Ausnahmezustand.
 
Gegen 08.00 Uhr: In der Abflughalle des Brüsseler Flughafens Zaventem gibt es kurz hintereinander in der Abflughalle zwei Explosionen.
 

08.50 Uhr: Alle Flüge von und nach Brüssel werden umgeleitet, berichtet der belgische Sender La Première.
 
Gegen 09.15 Uhr: In der zentralen Metro-Station Maelbeek gibt es eine weitere Explosion. Wenige Minuten später werden alle Metrostationen in Brüssel geschlossen.
 
09.23 Uhr: Belgien hebt die Terrorwarnstufe aufs höchste Niveau.
 
09.57 Uhr: Der belgische Sender RTBF berichtet über zehn Tote am Flughafen, Minuten später schon über 13 Todesopfer.
 
10.08 Uhr: Erste Berichte über einen Selbstmordattentäter kursieren, zunächst nicht von der Polizei bestätigt. Wenig später gehen die Sicherheitsbehörden von Terrorschlägen aus.
 
10.37 Uhr: Das belgische Krisenzentrum ruft die Bürger auf, zu Hause oder am Arbeitsplatz zu bleiben.
 
11.08 Uhr: In Brüssel werden sämtliche Bahnhöfe gesperrt. Der Hochgeschwindigkeitszug Thalys stoppt seine Fahrten über Belgien.
 
11:49 Uhr: Medien zitieren den belgischen Premier Charles Michel, dass es sich um Terroranschläge handelt.
 
12.15 Uhr: Elf Tote und 81 Verletzte am Airport sind die traurige Zwischenbilanz, von Gesundheitsministerin Maggie De Block äusserte.
 
12.47 Uhr: Laut belgischer Nachrichtenagentur Belga wurde eine Kalaschnikow am Flughafen in der Abflughalle entdeckt.
 
14:35 Uhr: Mindestens 20 Tote sind beim Anschlag in der Metro-Station ums gekommen, sagt Bürgermeister Yvan Mayeur. Und 14 Tote sind durch ein Selbstmordattentat am Flughafen getötet worden, lautet die Bilanz nach Medienberichten am späten Mittag.
 
15:26 Uhr: US-Präsident Barack Obama verurteilt die Anschläge von Havanna aus.
 
16:04 Uhr: Die Polizei hat die Suche nach Waffen und möglichen Verdächtigen am Airport eingestellt, wie Belga berichtet.
 
16:37 Uhr: Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bekennt sich zu den Anschlägen - laut Nachrichtenagentur Amaq, die dem IS nahesteht.

16.55 Uhr: UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilt die Anschläge.

 
17.29 Uhr: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sagt Belgien volle Unterstützung bei der Suche nach den Attentätern zu. Zuvor hatte Bundespräsident Joachim Gauck auf seiner China-Reise betont, Deutschland teile die Trauer und stehe an der Seite seines Nachbarn.
 
17.34 Uhr: Im Flughafen wird laut Sender RTBF eine dritte Bombe gefunden. Sie war nicht detoniert, kann entschärft werden.
 
18.20 Uhr: Die belgische Polizei fahndet via Twitter-Foto nach einem Mann in weisser Jacke, der einen Flughafen-Gepäckwagen schiebt, auf dem eine grosse schwarze Tasche steht.
 
18.47 Uhr: Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw zufolge gehen die Ermittler von zwei Selbstmordattentätern am Flughafen aus.
 
19.16 Uhr: Bei Hausdurchsuchungen werden laut Staatsanwaltschaft eine IS-Flagge, ein Sprengsatz und chemische Substanzen gefunden.
 
19.17 Uhr: Der belgische König Philippe ruft die Nation in einer Fernsehansprache auf, mit «Entschlossenheit, Ruhe und Würde» auf den Terror zu reagieren.
 

Fahnder finden in Brüssel Chemikalien und IS-Flagge

Brüssel (sda dpa) Bei Hausdurchsuchungen in Brüssel haben Fahnder eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), einen Sprengsatz mit Nägeln und chemische Substanzen gefunden. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstagabend mit. Die Durchsuchungen hätten in der nordöstlichen Stadtgemeinde Schaerbeek stattgefunden.
 
Ein Verantwortlicher eines Krankenhauses in Löwen hatte dem Sender VTM berichtet, dass bei den Explosionen auf dem Flughafen von Brüssel Nagelbomben verwendet worden seien.
 
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass zwei von drei Verdächtigen auf einem Foto vom Flughafen Zaventem als Selbstmordattentäter gestorben sind. Der dritte Mann ist zur Fahndung ausgeschrieben.
 
Die Behörde warnte, parallele Recherchen von Journalisten könnten die laufenden Ermittlungen behindern. Sie hatte Medien bereits zuvor um Zurückhaltung gebeten.
 
Weitere Explosionen seien von Experten ausgelöst worden, die verdächtige Päckchen unschädlich machten, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Schweiz verurteilt Anschläge in Brüssel scharf

Die Schweiz verurteilt die Anschläge in Brüssel scharf. «Wir fühlen mit Belgien», teilte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann am Dienstag per Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Schneider-Ammann hatte bereits am Morgen per Twitter seine Bestürzung über die Ereignisse in Brüssel kundgetan. «Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien», hiess es im Tweet, der nicht einmal eineinhalb Stunden nach den allerersten Meldungen von belgischen Medien über Explosionen an Brüssels Flughafen verschickt wurde.

 

Der Sicherheitsexperte Peter Forster vermutet den IS hinter den Attentaten in Brüssel. Er spricht von einer "bitteren Niederlage" für die Belgier, die trotz hohen Sicherheitsmassnahmen angegriffen wurden. (Keystone, 22. März 2016)

(AP, 22.03.2016)

(Twitter @Aahronheim, 22.03.2016)


«#OpenHouse»: Brüsseler bieten via Twitter Unterkunft an

Einwohner Brüssels bieten nach den Terroranschlägen über das Internet Hilfe für Menschen an, die wegen des Stopps öffentlicher Verkehrsmittel in der Stadt feststecken. Unter dem Schlagwort «#OpenHouse» kündigten zahlreiche Twitter-Nutzer an, dass sie Betroffene bei sich zu Hause unterbringen würden.

Eine ähnliche Entwicklung gab es schon im November in der Terror-Nacht von Paris unter dem Hashtag «#PorteOuverte».
 

Der Brüsseler Flughafen Zaventem

Der Brüsseler Flughafen Zaventem liegt im Nordosten der belgischen Hauptstadt. Mit rund 23,5 Millionen Passagieren im vergangenen Jahr liegt der grösste belgische Flughafen in etwa auf dem Niveau des Flughafens Zürich, der 2015 26,3 Millionen Passagiere gezählt hatte.

Nach Angaben des Flughafens Zaventem werden 226 Ziele von 77 verschiedenen Fluglinien angeflogen. Hinzu kommen etwa 490'000 Tonnen Fracht, die an dem Airport umgeschlagen wurden. Neben dem Flughafen Zaventem gibt noch den kleineren Flughafen Charleroi rund 50 Kilometer südlich von Brüssel.

sda/reu/afp/dpa/rem

Seit neun Jahren lebt der Luzerner Tobias Vogel im Stadtzentrum von Brüssel. In unserem Video berichtet er von den Anschlägen vom Dienstag – er selbst ist an der Metro-Haltestelle, wo der Anschlag passierte, vorbeigefahren. (Tele 1, 22.03.16)

(Twitter @Aahronheim, 22.03.2016)


Der Sicherheitsexperte Peter Forster vermutet den IS hinter den Attentaten in Brüssel. Er spricht von einer "bitteren Niederlage" für die Belgier, die trotz hohen Sicherheitsmassnahmen angegriffen wurden. (Keystone, 22. März 2016)

(AP, 22.03.2016)




Login


 

Anzeige: