Endstation Ehebett: Warum diese Braut am Hochzeitstag todunglücklich ist

KINDEREHEN ⋅ Bangladesch hat eine der höchsten Raten an Kinderehen weltweit. Fast jedes fünfte Mädchen wird verheiratet, bevor es 15 Jahre alt ist. Die Regierung leistet durch ein neues Gesetz noch Vorschub.
11. Oktober 2017, 07:33

Ulrike Putz, Singapur

Nasoin Akhter sieht aus wie eine Märchenprinzessin: Die Bangladescherin ist in einen reich bestickten Festtagssari gehüllt, ihr Scheitel mit Goldketten geschmückt. Üppiges Make-up ziert ihre Lippen und Augen, ihre Hände sind mit Henna-Schnörkeln bemalt. Wenn da nur nicht der Gesichtsausdruck der 15-Jährigen wäre: Das Mädchen schaut herzzerreissend traurig drein. Wie das buchstäbliche Häufchen Elend hockt sie auf dem Ehebett, das bald das ihre sein wird.

Die amerikanische Fotografin Allison Joyce hat den wohl schwersten Gang der 15-Jährigen aus Manikganji nahe der bengalischen Hauptstadt Dhaka in einer Bilderserie dokumentiert: Sie zeigt die Hochzeit des Mädchens mit einem 32-Jährigen. Die Fotos dokumentieren, wie die Braut von den Frauen aus der Nachbarschaft gewaschen, wie sie in einem Kosmetiksalon zurechtgemacht wird. Sie zeigen, wie sie aus ihrem Elternhaus hin­aus und ins mit neuen Möbeln vollgestellte Haus des Bräutigams hineingeleitet wird: Endstation Ehebett.

Vier Millionen Mädchen minderjährig verheiratet

Joyce, die seit 2013 in Dhaka lebt und das Leben in dem 163-Millionen-Einwohner-Land durch den Sucher ihrer Kamera scharf beobachtet, musste nicht lange suchen, um eine Kinderhochzeit vor die Linse zu bekommen: «Ich war eigentlich auf dem Weg zu der Hochzeit einer anderen Minderjährigen, als ich die Vorbereitungen für Nasoins Vermählung sah», sagte die 29-Jährige unserer Zeitung. Joyce blieb und wurde Zeugin, wie ein kreuzunglückliches Mädchen unter die Haube gebracht wurde. Zwar sei es in Südasien Sitte, dass Frauen an ihrem Hochzeitstag eine Leichenbittermiene zur Schau stellten, um ja nicht als lüstern zu gelten, sagt Joyce. «Aber Nasoin sah wirklich todtraurig aus, auch wenn keiner hinguckte.» Die Tränen seien nicht gespielt gewesen.

Mit ihrer Reportage wollte Joyce ein Schlaglicht auf das Schicksal werfen, das die Mehrzahl der Frauen in Bangladesch erleidet. 52 Prozent der Mädchen in dem asiatischen Land werden verheiratet, bevor sie das gesetzliche Mindestalter zur Eheschliessung von 18 Jahren erreichen. Diese Zahl nennt die Kinderschutzorganisation der Vereinten Nationen, Unicef, in seinem Bericht zur Lage der Kinder 2016. Demnach geben mehr als 18 Prozent der heute 20- bis 24-jährigen Bengalinnen an, noch vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet worden zu sein. Das sind knapp vier Millionen Mädchen, deren Kindheit in der Hochzeitsnacht ein abruptes Ende gesetzt wurde.

Zusammenhang zwischen Armut und Kinderehen

Was Kinderhochzeiten angeht, ist Bangladesch weltweit ganz vorn dabei. Nur in vier zentralafrikanischen Ländern ist der Prozentsatz an Kinderhochzeiten noch höher als in dem von Mangrovensümpfen und Flussdeltas geprägten Land. Die frühen Ehen bedeuten für die Mädchen nicht nur, schlagartig ein Leben mit einem zumeist wildfremden Mann beginnen zu müssen. Studien zeigen, dass die Betroffenen schlechte Voraussetzungen für ein erfülltes Leben als Erwachsene haben. Demnach sind Frauen, die früh verheiratet würden, besonders anfällig für Gewalt, sexuellen Missbrauch, HIV-Infektionen und Depressionen, schreibt das International Center for Research on Women mit Sitz in Washington. Frühere Schwangerschaften bürgen zudem erhöhte gesundheitliche Risiken für Mutter und Kind. Nicht zu ermessen sind der Verlust der Freiheit und die geplatzten Träume der Mädchen, die sich im konservativ-muslimischen Bangladesch ihrem Ehemann unterzuordnen haben.

Relevanter Schub fürs Bevölkerungswachstum

Den Experten zufolge besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Armut und Kinderhochzeiten. In Bangladesch leben 31 Prozent der Bevölkerung von unter 1.70 Franken am Tag. Ein im Jahr 2015 erschienener Report der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zeigt auf, welche Rolle finanzielle Überlegungen für Familien in Bangladesch spielen. Je älter das Mädchen, desto mehr Mitgift müssten die Eltern an die Familie des Bräutigams zahlen. «Jetzt ist sie hübsch und jung, und wir können sie für umsonst weggeben», zitiert HRW den Bruder einer Kinderbraut. Dass der Anteil der Kinderehen in Bangladesch besonders hoch ist, liegt auch an der Geografie. Das nur knapp über dem Meeresspiegel liegende Land wird häufig von Überschwemmungen und Wirbelstürmen heimgesucht. Der Anstieg des Meeresspiegels und die damit einhergehende Versalzung von Grundwasser und Anbauflächen zerstört die Lebensgrundlage von Millionen. Viele Menschen rutschen unter die Armutsgrenze und können ihre Kinder nicht mehr ernähren – ein Mädchen in die Ehe zu geben, damit es versorgt ist, scheint da vielen eine probate Lösung. Doch sei das Phänomen nicht auf die Unterschichten beschränkt, sagt die Fotografin Joyce. «Die Eltern von Nasoin sind recht wohlhabend. Der Vater besitzt mehrere zweistöckige Häuser. Für das Hochzeitsbankett wurden Hunderte Tiere geschlachtet.» Die Tradition, Töchter blutjung zu verheiraten, sei tief in der bangladeschischen Kultur verankert.

Gesetzeslücke sabotiert Abschaffungsversuche

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die frühe Ehe für Mädchen ein enormes Problem. Ein jüngster Bericht der Weltbank beschreibt die Auswirkungen der Kinderehen in Bangladesch auf das Bevölkerungswachstum. Wenn Bangladescherinnen erst mit 18 heiraten würden, würden sie im Schnitt 11 Prozent weniger Kinder bekommen, so die Analyse.

Dem Land täte das sehr gut, denn dass sich Bangladeschs Bevölkerung in den letzten 50 Jahren verdreifacht hat, bremst die wirtschaftliche Entwicklung. Zurzeit brechen 40 Prozent aller Bangladescherinnen im Alter zwischen 15 und 19 die Schule ab – fast immer, nachdem sie verheiratet worden sind. Das Thema Kinderehe wirft einen Schatten auf die Erfolgsgeschichte Bangladeschs. Denn das Land hat in den vergangenen Jahren eigentlich Fortschritte gemacht hat: Zwischen 1991 und heute konnte es den Anteil der in extremer Armut lebenden Bevölkerung von 44 auf 13 Prozent drücken. In Dhaka war man ungeheuer stolz, als das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) Bangladesch 2014 in seinem Index der menschlichen Entwicklung von der niedrigsten Kategorie in die mittlere hochstufte.

Doch beim Thema Kinderbräute hakt es: Zwar hat die Ministerpräsidentin Sheikh Hasina versprochen, dass es bis 2041 keine Kinderehen mehr geben werde. Doch im Februar dieses Jahres wurde ein Gesetz erlassen, welches das bislang zumindest auf dem Papier bestehende Verbot von Kinderehen weiter aufweicht. Eine Passage, welche die Kinderehe «unter aussergewöhnlichen Umständen und unter Berücksichtigung des Kindeswohls» erlaubt, rief heftige Kritik hervor. Die Regierung führte an, das Schlupfloch sei nötig, um es schwangeren Teenagern zu ermöglichen, den Kindsvater zu heiraten und nicht als gefallene Frau angesehen zu werden.

Eins steht fest: Der Kampf gegen die Verheiratung Minderjähriger wird in Bangladesch nicht mit dem Gesetzbuch in der Hand gewonnen werden. Solange Korruption allgegenwärtig ist, werden Mädchen weiter von der Schulbank weg verkuppelt werden, prophezeit Human Rights Watch. In ihrem Bericht von 2015 beschreibt die Organisation, wie einfach es ist, das Gesetz ausser Kraft zu setzen. Ein Vater erzählt darin, dass der zuständige Standesbeamte sich zunächst geweigert habe, seine nur 14 Jahre alte Tochter zu verheiraten. Doch ein anderer Beamter habe gegen umgerechnet etwa Franken 1.20 Bestechungsgeld das Geburtsdatum geändert: So konnte die Hochzeit trotzdem stattfinden.


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