Moskau mischt in Libyen mit

NORDAFRIKA ⋅ Im Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten will Russland seinen Einfluss ausdehnen. Präsident Putin verstärkt seine Truppen in Ägypten – nahe der libyschen Grenze.
15. März 2017, 07:12

Martin Gehlen, Kairo

Im nahöstlichen Machtpoker kommt Russland mehr und mehr auf den Geschmack. Nach dem massiven Militäreinsatz in Syrien will der Kreml seine Einflusszone nun offenbar auch auf Libyen ausdehnen. In einem ersten Schritt stationierte Moskau Spezialtruppen und Drohnen nahe der Grenze auf der ägyptischen Luftwaffenbasis Sidi Barrani, wie amerikanische Militärs der Nachrichtenagentur Reuters bestätigten. Sechs weitere Einheiten wurden nach Angaben ägyptischer Armeekreise in Marsa Matrouh am Mittelmeer abgesetzt, bevor die Transportmaschinen in Richtung Libyen weiterflogen.

Das russische Expeditionskorps auf ägyptischem Boden soll Ex-General Khalifa Haftar militärisch beistehen, dem starken Mann im Osten Libyens. Er wird von Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt und ging gestern im Kampf um die Ölterminals sofort wieder in die Offensive. Das russische Werben um Haftar begann Mitte Januar mit einem Militärspektakel vor der ­libyschen Küste. Damals nach dem Fall von Aleppo liess Wladimir Putin den aus Syrien abdampfenden Flugzeugträger Admiral Kusnezow eigens vor Tobruk ankern, um Haftar mit allem Prunk an Bord zu empfangen. Per Videolink plauderte der Libyer stolz mit dem russischen Verteidigungsminister über den Kampf gegen den Terror.

Dagegen bekommt die im März 2016 mit Hilfe der Vereinten Nationen in Tripolis installierte Nationale Einheitsregierung unter Premierminister ­Fayez Serraj das Heft nicht in die Hand, auch weil ihre Widersacher in Tobruk zu keinerlei Konzessionen bereit sind.

6,4 Millionen Libyer brauchen Lebensmittelhilfen

Und so frisst sich das Chaos immer tiefer in den Alltag des Landes. Ein Drittel der 6,4 Millionen Libyer sind nach Angaben der UNO auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Täglich fallen stundenlang Strom und Wasser aus, selbst ­Bargeld ist knapp in der Post-Ghadhafi-Nation.

In dieser aufgewühlten Lage könnte ein russisches Eingreifen die Bemühungen der Vereinten Nationen um einen Machtkompromiss weiter erschweren, um den sich der deutsche UNO-Sondergesandte Martin Kobler bemüht. Moskau sieht dessen Mission skeptisch. Und General Haftar weigert sich, mit seinem Kontrahenten Fayez Serraj aus Tripolis überhaupt zu reden. Ein im Februar von Ägypten arrangiertes Spitzentreffen in Kairo liess der Ex-General in letzter Sekunde platzen. Für Moskaus Strategie im ­Nahen Osten dagegen ergäben sich aus dem Libyen-Dossier neue Optionen. Der Kreml könnte eine dauerhafte Militärpräsenz auf ägyptischem Boden etablieren. Gleichzeitig bekäme der Kreml Einfluss auf das innere ­Geschehen in Libyen und damit auf ein Land, was der Europäischen Union wegen der Migrantenströme das meiste Kopfzerbrechen bereitet. Zudem hofft Putin, wieder an alte Geschäftsbeziehungen wie unter Muammar Ghadhafi anknüpfen zu ­können, als Libyens Diktator für Milliardensummen Waffen in Russland einkaufte. Der russische Energiegigant Rosneft unterzeichnete kürzlich einen Kooperationsvertrag mit der staatlichen libyschen Ölgesellschaft.

In Washington und Brüssel dagegen beobachtet man das Vorgehen Moskaus mit Sorge. «Russland will in Libyen einen auf Syrien machen», warnte kürzlich Thomas D. Waldhauser, Oberbefehlshaber der US-Truppen in Afrika, vor dem Verteidigungsausschuss des Senats. ­Gefragt von den Politikern, ob dies im Interesse der USA sei, antwortete der General: «Nein, ist es nicht.»

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