Weggefährte Tilman Fichter: «Einen Dutschke bräuchte es auch heute»

DEUTSCHLAND ⋅ Das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke vor 50 Jahren führte landesweit zu einem Aufstand der Studenten. Dutschkes Weggefährte Tilman Fichter erinnert sich an eine Zeit der Revolte.
11. April 2018, 04:39

Es ist kurz nach halb fünf Uhr nachmittags an diesem 11. April 1968. Der Studentenführer Rudi Dutschke, damals 28, wird auf dem Westberliner Kurfürstendamm von drei Kugeln in Kopf und Brust getroffen und bricht blutüberströmt zusammen. Der 23-jährige Attentäter Josef Erwin Bachmann ist Rechtsextremist, in seinem Zimmer hängt ein selbst gemaltes Porträt von Adolf Hitler. «Du dreckiges Kommunistenschwein», soll Bachmann zu Dutschke in dem Moment gerufen haben, als er abdrückte.

Dutschke überlebt schwer verletzt. 1979 wird er an den Spätfolgen seiner schweren Gehirnverletzung sterben. Attentäter Bachmann wird zu sieben Jahren Gefängnis wegen versuchten Mordes verurteilt. 1970 nimmt sich der Hilfsarbeiter in der Haft das Leben. Tilman Fichter, damals 30 Jahre alt, ist 1968 Landesvorsitzender im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) Berlin. Unweit der SDS-Zentrale ist es damals zu dem Attentat gekommen. Auch Dutschke sass im SDS-Vorstand und teilte sich – zusammen mit seiner Ehefrau Gretchen Klotz – mit Fichter die wohl erste politische Wohngemeinschaft von Westberlin. Dutschke war damals «Bürgerschreck», der sich in flammenden Reden gegen das «Establishment» im mit ehemaligen Nazi-Funktionären durchsetzten System der BRD auflehnte, gegen «imperialistische Kriege» wie den Vietnam-Krieg und für internationale Solidarität kämpfte.

Fragen nach der Nazi-Vergangenheit

«In Westberlin herrschte damals das Denken vor, dass wir Deutschen noch einmal davongekommen sind, weil wir im Kalten Krieg für die USA nützlich waren. Doch wir beim SDS haben die Nazi-Vergangenheit nie vergessen und wollten Antworten auf die Frage, wie Hitler an die Macht kommen konnte», so Fichter. Er erinnert sich, wie er am Abend des 11. April 1968 zusammen mit 2000 aufgebrachten Studenten in der Technischen Universität zusammenkam. Von dort aus marschierten die jungen Menschen zum Verlagshaus des Springer-Konzerns in Kreuzberg. Die Studenten sahen eine Mitverantwortung für das Attentat auf Dutschke bei den Springer-Zeitungen, die zuvor gegen die revoltierenden Studenten, allen voran gegen ihren Wortführer Rudi Dutschke, mit fetten Schlagzeilen Stimmung gemacht hatten.

Der Protest drohte zu eskalieren, es flogen Molotow-Cocktails. «Die Springer-Presse hatte auf jeden Fall die Stimmung geschaffen, die dieses Attentat möglich machte», erinnert sich Fichter im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Revolten von Westberlin schwappten auf die ganze Bundesrepublik über.

Beitrag zur Festigung der Demokratie

«Rudi Dutschke war angstfrei und ein Utopist», sagt Fichter. «Rudi war mir manchmal zu wenig realpolitisch, er glaubte an die Revolution der Gesellschaft in Europa, ja auf der ganzen Welt», so der spätere Referent im SPD-Parteivorstand. Dutschke sei auch der einzige deutsch-deutsche Revolutionär gewesen, er habe den Glauben an die Wiedervereinigung nie aufgegeben, bekämpfte die Vorherrschaft der USA, aber auch der Sowjetunion. «Er wollte die SED-Kommunisten mit einer weltweiten marxistischen Revolution in die Knie zwingen. Ich habe an diese Möglichkeit nicht geglaubt, fand den Gedanken aber zumindest sympathisch.»

Dutschkes Gedanken seien heute so aktuell wie damals, ist Fichter überzeugt. «Der Kampf für eine europäische Aufklärung, unabhängig von den USA und Russland, ist nach wie vor aktuell. Heute herrscht eine trügerische Pseudoleichtigkeit des Seins», sagt der Politikwissenschafter. Und er fügt hinzu: «Wenn ich in der U-Bahn fahre, liest kein Mensch mehr die Zeitung oder ein Buch.» Und mahnt: «Die Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft bleibt auf der Strecke.» Von Dutschke könne man lernen, denn er und der SDS hätten durch ihre ausserparlamentarische Kritik am System einen wichtigen Beitrag zur Festigung der Demokratie in Deutschland geleistet. «Ich bin überzeugt, dass es einen Dutschke auch heute wieder bräuchte, um die Demokratie dauerhaft stabil zu halten.»

 

Christoph Reichmuth, Berlin


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