China plant 110-Millionen-Metropole

GIGANTISMUS ⋅ In einer Steppenlandschaft vor den Toren Pekings herrscht Goldgräberstimmung. Der Grund: Die chinesische Führung hat den Landkreis zu einer Sonderwirtschaftszone erklärt. Sie soll dereinst Pfeiler der neuen Mega-Metropole Jingjinji werden.
18. April 2017, 07:32

Felix Lee, Peking

Männlich, 45 Jahre alt, in den USA studierter Ingenieur und seit einer Woche im Besitz von etwa einem Hektar Land in Xiong’an – so wirbt ein gewisser Liu in einer Pekinger Dating-App für sich. Und es scheint zu funktionieren: Seitdem er den Landbesitz seinem Profil hinzugefügt habe, könne er sich vor Anfragen gar nicht mehr retten, berichtet er.

Xiong’an ist ein ländliches Gebiet in der chinesischen Provinz Hebei, rund 100 Kilometer südwestlich des Stadtzentrums von Peking gelegen. Die Luft riecht nach verbrannter Kohle. Abgesehen von einem Dorf namens Dawang und jeder Menge Fabriken ist noch nicht allzu viel zu sehen.

Immobilienpreise innert Tagen verdreifacht

Doch Chinas Staatspräsident Xi Jinping höchstpersönlich hat vergangene Woche den Landkreis zu einer neuen Sonderwirtschaftszone erklärt. Seitdem schiessen die Immobilienpreise durch die Decke. Noch vor zwei Wochen lag der Quadratmeterpreis bei umgerechnet unter 1000 Euro. Am Wochenende darauf stiegen die Preise binnen weniger Stunden auf fast doppelt so viel. Inzwischen wird über 3000 Euro verlangt – für ein Stück Lehmboden in einer staubtrockenen Region, die zudem die meiste Zeit des Jahres unter einer dichten Smogdecke liegt.

Die Lokalverwaltung sah sich gezwungen, ein vorübergehendes Kaufverbot für Immobilien zu verhängen. Makler müssen seitdem ihre Geschäfte schliessen. Beamte warnen auf der Strasse mit Megafonen die vielen Zugereisten aus Peking vor «illegalen Immobilien-Spekulationen».

Peking platzt aus allen Nähten

Die Region Xiong’an ist dennoch in aller Munde. Nach den Plänen der chinesischen Führung soll die gesamte Region in den kommenden zehn Jahren zu einer Mega-Metropole zusammenwachsen. Jingjinji (von Beijing, Tianjin und Ji, dem traditionellen Namen der Provinz Hebei) soll mal auf einer Fläche von über 215000 Quadratkilometern rund 110 Millionen Einwohner zählen. Das entspricht der Bevölkerung von Deutschland, der Schweiz, Österreich und Polen zusammen.

Xiong’an soll zugleich die Hauptstadt Peking mit ihren rund 23 Millionen Einwohnern entlasten. Schon jetzt ist die Pekinger Stadtverwaltung dabei, Behörden, Geschäfte und Unternehmen aus dem überlasteten Stadtgebiet in die Aussenbezirke zu verlegen.

Xi sprach in seiner Ansage von einem «1000-jährigen Projekt». Ökologie und das Wohlergehen der Menschen würden Priorität haben, versprach er und kündigte an, dass Xiong’an das nächste Pudong oder Shenzhen werde. Er bezieht sich damit auf die reichen Sonderwirtschaftszonen im Ostteil der Stadt Schanghai sowie der 10-Millionen-Metropole vor den Toren Hongkongs am Perlflussdelta in Südchina.

Tatsächlich hat China gute Erfahrung mit seinen Sonderwirtschaftszonen gemacht. Shen-zhen, direkt an der Grenze zur damaligen britischen Kronkolonie Hongkong gelegen, war zu Beginn der Achtzigerjahre noch ein Fischerdorf. Die Halbinsel Pudong war weitgehend von Bauern besiedelt, die auf dem sumpfigen Boden Reis anbauten.

Mit Steuersenkungen, gezielter Wirtschaftsförderung und niedrigen Arbeitslöhnen lockte die chinesische Führung gezielt ausländische Unternehmen in diese Sonderwirtschaftszonen, die ihre Fabriken dort errichteten. Heute ist die 10-Millionen-Metropole Shenzhen eine der wohlhabendsten Städte Chinas. Auch Pudong in Schanghai hat sich nach einem ähnlichen Konzept entwickelt. Mehrere hundert Wolkenkratzer reihen sich entlang des Ufers am Huangpu. Sie beherbergen die grössten Finanzhäuser der Welt.

Skeptiker warnen vor Übertreibungen

Doch es gibt Zweifel, ob sich diese Erfolge wiederholen lassen. In den Achtzigerjahren wurde China noch streng kommunistisch regiert, weite Teile des Landes waren unterentwickelt. Shen­zhen und Pudong waren erste Schritte der Volksrepublik, sich in Marktwirtschaft auszuprobieren. Heute ist China weitgehend erschlossen. Fast jede grössere Provinzstadt hat Zonen ausgewiesen, in denen niedrigere Steuersätze gelten und in die Unternehmen mit Subventionen gelockt werden. «Halb China ist inzwischen eine Sonderwirtschaftszone», sagt etwa der Pekinger Ökonom Hu Xingdou.


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